Ein Stamm ohne Grenzen

Warum Musik auf Internationalismus angewiesen ist

Foto: Screenshot/YouTube (Daft Punk – Around The World); Übersetzung: Kristoffer Cornils

Peter Kirn ist ein in Berlin lebender US-Amerikaner, der neben seiner Arbeit als Produzent und Labelbetreiber von Establishment auch als Journalist aktiv ist. Sein gestern auf seinem Blog, der Technik-Seite CDM, erschienenes Essay Music technology needs internationalism, safe expression geben wir hier in deutscher Sprache wieder.

Von dort aus betrachtet, wo ich herkomme, lebe ich auf der anderen Seite der Welt. Ich lebe umgeben von Menschen so vieler verschiedener Nationalitäten, dass ich sie kaum zählen kann. Die Menschen, die zu meinem Projekt CDM beigetragen haben, sprachen Niederländisch, Tschechisch oder Rumänisch als erste Sprache. Den letzten Sonntagmorgen verbrachte ich bei einer Ableton Loop-Session und jammte mit einer Frau aus Teheran, in deren Heimatland die Musik, die wir machen, wortwörtlich verboten ist. Ich verwende Technologien für die Musik- und Videoproduktion, die von ImmigrantInnen entwickelt wurden, bevor sie von noch internationaleren Teams vermarktet und schließlich auf allen Kontinenten an Menschen verkauft wurden. Wenn ich wollte, könnte ich heute in einem zweckentfremdeten Industriegebäude in Deutschland zu einer Form von Folk-Musik tanzen, die von afro-amerikanischen Kids aus Detroit (wo meine Mutter herkommt) erfunden wurde, alles dank des unsachgerechten Umgangs mit Maschinen, die jemand in Japan konstruiert hatte.

Elektronische Musik, Video- und Performance sind Teil einer Kultur, die international ist. Dieser Internationalismus hängt von Bewegungsfreiheit und freier Kommunikation ab. Er hängt von Verständnis und Enthusiasmus ab, von der Freundlichkeit und der Unterstützung anderer Menschen. Er hängt genauso von Pässen und Visen ab. Zum Teil ist all das nur deshalb möglich, weil irgendwo hinter einen Schreibtisch jemand saß und beim Anblick von ein paar Papieren entschied, dass jemand anderes einen Stempel oder Sticker bekäme, der wiederum bedeutete, dass diese Person irgendwo anders leben und arbeiten oder eine bestimmte Grenze überqueren oder aber auf einem Festival oder in einem Club spielen dürfe. Diese Kultur beinhaltet Menschen jeglichen Backgrounds, versammelt alle möglichen Identitäten. Wenn wir uns manchmal auf die Menschen aus marginalisierten Gruppen konzentrieren, so tun wir das lediglich, weil wir wissen, dass für sie Musik ein Zufluchtsort sein kann. Menschen, die auf andere weird wirken, können unbeschwert und frei Musik machen. Music loves weird.

Das Internet ist mehr oder minder von all dem nicht betroffen. Wenn du in Iran oder China auf einen Filter stößt, schmeißt du einfach dein VPN an und bist im nächsten Moment woanders. Wir können verschlüsselte Gespräche mit anderen haben, die von Satelliten durch die Welt geschleudert werden oder bei Lichtgeschwindkeit den Meeresboden entlang jagen. Wenn du das hier liest, dann verwendest du womöglich genau diese Science-Fiction-Technologien, um manchmal mit anderen banale aber leidenschaftliche Gespräche über Knöpfe, Kabel und Schaltkreise zu führen. Du tust das, damit ihr euch gegenseitig helfen könnt. Um Sounds zu erschaffen, die wie das Resultat eines Zusammentreffens mit Aliens klingen; oder Bilder, die deinen Träumen entstammen.

Musik und Performance schaffen einen Ort, in dem wir sicher sein können. Und wo wir bei Verstand bleiben können. Es ist ein Ort, den wir mit gebrochenem Herzen aufsuchen oder in dem wir uns bewegen, wenn die Welt verrückt spielt. Es ist ein Ort, der vermutlich dein Leben oder das eines Menschen, den du kennst, gerettet hat. Er rettet meins mehr oder weniger jeden Tag; zumindest ist es der Grund, warum ich weiterleben möchte.

Aber Politik kann sich in eine ganz andere Richtung bewegen. Und das sollte uns Sorgen machen.
Unsere Musik, unsere Visuals und unsere Performances, die von uns verwendeten Werkzeuge, all das braucht Internationalismus. Das ist unsere Bühne und unser Treibstoff. Denn die Weirdos, die elektronische Musik machen, sind ein Stamm ohne Grenzen. Mein Blog heißt Create Digital Music, Create Digital Motion. Er heißt nicht Create Digital Immigration Policy. Es wird aber deutlich, dass die gesamte Welt gerade von eine Angst vor genau diesem Internationalismus angesteckt wird. Welche politischen Gründe dafür auch immer ins Feld geführt werden, die Ansteckung ist sehr real. Und verbreitet sich, so leid es mir tut, mit einer rasenden Geschwindigkeit, die wir nicht ignorieren können.

Die Menschen haben Angst vor Refugees, sie haben Angst vor ImmigrantInnen. Sie haben Angst vor Menschen wegen ihrer Religionsangehörigkeit oder aber weil sie gar keiner Religion angehören. In manchen extremen Fällen haben sie sogar vor dem Austausch mit einer fremden Kultur an sich Angst.
Und sie haben Angst vor bestimmten Individuen. Es gibt viel zu viele Menschen, die Frauen oder LGBTQ-Menschen oder people of colour oder sonst alle für die ihnen das Verständnis fehlt, das Gefühl von Wertlosigkeit oder Unsicherheit vermitteln. Du weißt, dass das manchmal auch unsere Industrie und unsere kleine Welt ansteckt.

Kurz gesagt richtet sich diese Angst gegen das Lebenselixir meiner Homepage, der von ihr unterstützten Industrie und der kreativen Szene, von welcher sie ein Teil ist sowie alle diejenigen Dinge, der ich (und nicht nur ich) mein Leben widme.

Es geht dabei nicht um Großbritannien oder die USA im Speziellen. Es geht um eine globale Angelegenheit. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie globalisiert oder homogenisiert worden wäre. Du kannst dir an diesem Nachmittag deine eigene musikalische Kultur nur für dich alleine aufbauen und sie am nächsten Tag verändern. Irgendwann aber wirst du deinen sicheren, abgeschotteten Ort verlassen wollen, um anderen Menschen zu zeigen, was du geschafft hast. Manchmal wird nur eine einzige Person verstehen, was du gemacht hast. Keine Grenze und keine Identität kann einer solchen Verbindung im Weg stehen. Mein Leben wäre um einiges ärmer ohne die musikalischen Seelenverwandten, die ich über alle Grenzen hinweg getroffen habe; die ErfinderInnen, die ich kennenlernen (und manchmal auch treffen) durfte und mit denen ich durch die von ihnen entwickelten Maschinen und Codes in Berührung kam.

Ich bin nicht hier, um gegen Wahlen oder Referenden Position zu beziehen, von denen einige im Jahr 2016 bereits hinter uns liegen. Aber ich möchte die entscheidende Wichtigkeit von sicheren Umgebungen für alle diese Menschen hervorheben, ohne Ausnahme. Und wir sollten besser dafür kämpfen, ganz egal welche Regierung oder Politik an der Macht ist. Es ist ein politischer Kampf, ob wir ihn offen als solchen bezeichnen oder nicht. Es betrifft uns zudem persönlich – und das bedeutet, dass wir auf persönlicher Ebene darauf Einfluss nehmen können, was mit dem Rest der Welt passiert. Ich werde mich weiterhin darum kümmern, über so viele internationale Technologien, Musik und Videokunst wie möglich zu berichten. In der Zwischenzeit habe ich mit mehreren Menschen Kontakt aufgenommen, die mit verschiedenen Communities zusammenarbeiten, um sie in ihrer Arbeit zu unterstützen und wir diese aufteilen können.

Denk dran: wo auch immer du bist, und was auch immer du tust, du bist in meinem Stamm immer willkommen. Falls dir die Politik das Gefühl vermittelt, dass sich die Welt spaltet, hoffe ich doch eins. Ich hoffe, dass ein Teil von dem, was wir hier in dieser merkwürdigen Ecke in der Musikwelt unternehmen, dir das Gefühl vermittelt, dass wir alle ein gemeinsames Zuhause teilen. Ich will nicht von der Kanzel predigen. Ich will euch allen danken. Es fällt schwer, manchen Leuten gegenüber zu sagen, wie viel sie bedeuten – ob nun als LeserIn, KollegIn oder KünstlerIn. Ihr alle habt mich ständig denken lassen, dass diese unsere Zeit eine der besten ist, um darin zu leben. Let’s keep that feeling.