HEAD HIGH „Ich bin kein Teil der Berliner Technoszene“

Text: Sebastian Weiß, Fotos: Anna Rose
Erstmals erschienen in Groove 153 (März/April 2015)

 

Ist dieser lächelnde Kerl auf dem Groove-Cover tatsächlich René Pawlowitz? Jener Produzent also, der mit seinem Projekt Shed nicht nur beeindruckende Alben, sondern als Head High auch noch zahlreiche Hit-Singles veröffentlicht hat? Ja, er ist es wirklich. Hinter dem Mienenspiel steckt keine Image-Kampagne, sondern eher die Bestätigung, dass manche Wahrheit von einem Irrtum ausgeht – von wegen Pawlowitz ist nur dieser grimmig dreinblickende Typ, der keinen Bock auf Interviews hat. Der gebürtige Brandenburger sprach mit Sebastian Weiß nicht nur über Nostalgie, sondern erklärt uns auch, warum es keinen Fortschritt mehr im Techno geben kann und wieso das Jahr 2015 ganz im Zeichen seines Projekts Head High stehen wird.

 

Nach einer halben Stunde reflektiert René Pawlowitz in einem Kaffeehaus in Berlin-Friedrichshain ganz unvermittelt das laufende Interview – genau in dem Moment, als uns die bestellten Bratwürste erreichen. Passend zur rustikalen Eintracht dieser Situation stellt er sich die Frage, ob seine Äußerungen nicht etwas zu hart seien? Nein, sind sie nicht. Trotzdem wird erst mal gegessen. Genau wegen diesem konsequenten Anti-Pathos ist der gebürtige Brandenburger mitunter gefürchtet – meinungsstark, autark und immer mal wieder rigoros in seinem Urteil über den Status quo der elektronischen Musik.

Selbst wenn Pawlowitz keinen Gedanken an seine widerkäuende Rolle verschwenden dürfte, repräsentiert er seit mehreren Jahren quasi das pragmatische Korrektiv, das jedem Hype die unbeeindruckte Schulter zeigt. Weder inszeniert er seine Kritik noch schwimmt er willentlich gegen irgendwelche Ströme an. Der Berliner macht nicht bei allem Schabernack der Branche mit – das reicht eben schon, und natürlich kommen auch noch seine Produktionen hinzu. Kurze Rückschau: Ende der Nullerjahre wurde er aufgrund der beiden Shed-Alben für Ostgut Ton gerne mal mit dem neuen Berliner Technosound gleichgesetzt. Dabei stand Shed doch schon immer für mehr als nur Techno, spiegelte es doch vor allem Pawlowitz’ musikalische Sozialisation und Produktionspalette zwischen dem Sound aus Birmingham, Gabber, Dub-Techno, Drum’n’Bass und Dubstep wider.

Und nicht zu vergessen: UK Hardcore, Breakbeats und House. Mit dieser Trinität erobert er seit 2010 in regelmäßigen Abständen als Head High die Herzen von DJs und Ravern gleichermaßen. Nach Megatrap, dem Überraschungscoup aus dem vergangenen Jahr, soll auch 2015 von seinem Power House dominiert werden. In der Release-Pipeline wartet mit die Mix-CD Home. House. Hardcore nicht nur ein für Pawlowitz ungewohntes Format. Auch mit der dazugehörigen Tour, für die er nicht nur gleichgesinnte Kollegen einlädt, sondern auch die visuellen Gestaltungen der Abende verantwortet, betritt er erstmals Neuland.

 

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Auf welchen Konzerten warst du in letzter Zeit?

Ich geh’ nicht aus. Wenn ich nicht selber unterwegs bin, gehe ich eigentlich nicht mehr weg.

Nicht mal auf Konzerte?

Nee, nicht mehr. Mein letztes Konzert waren die White Lies hier in Berlin, im Kesselhaus. Und das ist jetzt auch schon mehr als sechs Monate her. Und beim Moderat-Konzert, aber das hat natürlich den Hintergrund, das man sich kennt.

Und was ist mit Clubs, gehst du privat noch feiern?

Ich weiß nicht, ob ich zu alt geworden bin oder es liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich sehr viel unterwegs bin, dass ich selbst nicht mehr in Clubs gehen muss. Früher schon mal ab und zu, das war die kurze Zeit, wo ich im Hard Wax gearbeitet habe und dann mit Kollegen viel unterwegs war, aber das ist jetzt auch schon mehr als fünf Jahre her.

Warum war denn früher alles besser?

War früher alles besser? Hab’ ich ja gar nicht gesagt. Aber wahrscheinlich sagt man das häufig, weil man nicht darüber nachdenkt und nicht erkennt, dass es gar nicht besser war oder gewesen ist oder wie auch immer. Ich finde nicht, dass früher alles besser war. Ich finde alles so wie es jetzt ist hervorragend, insgesamt bei mir im Leben. Vor ein paar Jahren habe ich vielleicht mal gedacht, dass früher alles besser war. Anfang der Neunziger war halt alles neu, aber ob’s jetzt besser war, weiß ich nicht. Man hat das halt anders wahrgenommen.

Du klingst zufrieden, also war zum Beispiel dein Labelwechsel von Ostgut zu 50 Weapons genau die richtige Entscheidung?

Ja, so kann man das auch sehen, aber ich meinte eher grundsätzlich, ohne jetzt ganz speziell auf etwas einzugehen. Für mich ist es jetzt besser. Aber darüber brauche ich gar nicht nachdenken – das ist kein richtiger Wechsel gewesen. Ich mache sowieso immer das, was mir gefällt. Und der Wechsel von Ostgut zu 50 Weapons, das war einfach für mich. Ich hätte auch woanders hingehen können, aber es war mir einfach wichtig, dass sich etwas ändert, weil ich nicht ein Teil von irgendwas bin, weil ich ich bin und auch so wahrgenommen werden will.

Du wolltest aber nicht nur wegen der Verbindung zum Berghain weg, sondern auch aufgrund deiner Booking-Situation, richtig?

Ja, so oft wie das letzte Jahr habe ich noch nie gespielt. Von daher lief es sehr erfolgreich, würde ich mal ganz vorsichtig sagen.

Vielen deiner Kollegen geht es ähnlich und trotzdem sind diese nachdenklich-fragenden Death-Of-Rave-Debatten nicht vollkommen verstummt, etwa in der Technoszene der Hauptstadt.

Ich kann dazu nichts sagen. Ich weiß nicht mehr wirklich, wie es früher gewesen ist, und ich weiß auch nicht wie es jetzt ist, weil ich kein Teil dieser Technoszene von Berlin bin. Ich bring’ zwar meine Platten raus und kenne meine Jungs vom Hard Wax, aber so szenetechnisch habe ich nichts zu tun mit Berlin, muss ich ganz ehrlich sagen. Ich bin raus, wenn man es so sagen will. Ich mache meine Musik, und mache meine Musik auch gerne, aber ansonsten gibt es nur wenige Schnittmengen mit mir und Berlin – außer dass ich hier wohne und mich extrem wohl fühle. Aber mit dem Clubleben und der Szene hab’ ich nichts zu tun. In jeder bescheuerten Zeitung liest man ja mittlerweile darüber, letztens stand in der Mitgliederzeitung der Volksbanken Brandenburg, dass das Berghain einer der angesagtesten Clubs der Stadt ist. 2014 ist das also auch bei den Volksbanken angekommen. Ich will auch gar nicht so sehr wissen, was hier los ist. Ich will nur meins machen.

 

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Während du mit Shed auch mal ein wenig PR machst, agierst du mit dem Head High-Projekt und deinen eigenen Labels ohne große Ankündigung und scheinbar vollkommen unabhängig. Ist das eine Art von Protest?

Es ist gar keine Art, ich mach’s einfach. Ich denke nicht darüber nach, was jemand darüber denken könnte. Dieses Ganze, wie hat ein Label zu funktionieren, wie bringt man Platten heraus, passiert doch seit 60 Jahren immer nach dem gleichen Motto – das ist alles so etabliert, das man nichts mehr hinterfragt. Man muss Interviews machen, vielleicht sogar Anzeigen schalten, manchmal auch nur, damit man was zum Promoten hat. Das geht für mich in eine falsche Richtung, das ist mir alles zu konstruiert. Es geht nur noch um das Gegenseitige, dass sich alle am Überleben halten. Ich selbst verkaufe ja nur Platten, weil die jemand kauft. Und ich verkaufe nicht Platten, weil jemand darüber geschrieben hat, das die cool sind. Und wenn keiner mehr die Platten kauft, dann verkaufe ich eben keine mehr und höre auch damit auf. Ganz einfach. Aber solange es läuft, denke ich nicht darüber nach.

Würdest du sagen, dass du eine Sonderstellung einnimmst oder siehst du links und rechts noch mehrere Kollegen mit dieser Attitüde?

Natürlich, es gibt immer noch sehr viele. Aber mittlerweile ist es ja wirklich möglich für jeden, das so zu machen wie ich das mache. Es läuft allerdings auch nur, und das meine ich gar nicht so selbstbeweihräuchernd, wenn die Musik auch gut ist. Wahrscheinlich ist es Zufall, dass es bei mir klappt, wie es gerade klappt. Komisch, dass es nicht mehr Leute machen. Die Leute wollen schnellen Erfolg, und da ist es natürlich einfacher, wenn man diesen ganzen PR-Zirkus genauso so mitmacht. Aber bei mir kam das ja auch nicht auf einmal, sondern ist seit ungefähr 2003 langsam gewachsen.

Das mit dem Zufall ist mir dann doch etwas zu viel Understatement. Ansonsten bist du für deutliche Meinungen bekannt, etwa das du von der elektronischen Musik der letzten 15 Jahre nicht so angefixt bist.

Stimmt nicht ganz. Das ist ja meine Musik, ich steh’ ja auf diese Musik, nur ist in der letzten Zeit genau das passiert, was vorher auch schon passiert ist. Aber trotzdem ist das meine Musik. Bloß weil es gerade ein bisschen langweilig ist, stehe ich jetzt nicht auf Heavy Metal oder so. Manchmal kommt man in Phasen, wo man Platten von 1992 anhört und denkt, dass früher war alles besser, aber es ist nicht so, sondern nur eine Phase. Viele Sachen würden heute auch gar nicht mehr funktionieren, aber um mal ein bisschen wehleidig zurückzugucken, dafür ist es okay, aber mehr auch nicht. Man romantisiert ja immer alles. Früher hat ja immer die Sonne geschienen, die Raves waren immer alle megageil, aber das ist ja nicht wahr.

Auch der Sound war früher nicht unbedingt besser.

Davon mal ganz abgesehen. Es ist ja auch oft so, dass man denkt es war total cool, trotzdem hat man eigentlich nur gesoffen und in der Ecke gelegen.

Würdest du dich eigentlich selbst als Nostalgiker bezeichnen?

Auf eine gewisse Weise schon, meine Musik ist ja astrein Neunziger. Aber das ist auch meine Art und Weise, ich mach ja Musik, die genau aus dieser Zeit kommt, die man aber trotzdem nicht mit ihr vergleichen kann – meine Musik ist dicker, alleine schon vom Bass her. Früher wurden die Tracks auch anders aufgebaut, da war viel mehr Krach drin, mehr Breaks und Alarm, mehr Themen, die dann immer durchgepeitscht wurden, deswegen auch alle paar Minuten ein Break. Heute muss man ja ganz sanft an den Track herangeführt werden, und allein das ist schon anders.

 


Video: Head HighHex Factor

 

Aber deine Nostalgie mischt sich schon stark mit einem pragmatischen Realismus. Siehst du den überhaupt die Möglichkeit eines Fortschritts im Techno?

Nee, definitiv nicht. Man muss ja nur auf andere Musikrichtung gucken, der Rock hört sich heute noch so an wie vor 70 Jahren. Oder Blues oder Reggae oder HipHop, der hängt ja auch fest. Da gibt’s vielleicht ein bisschen mehr Krach, aber sonst passiert doch nichts. Das ist ja auch nicht schlimm, das ist eben so. Techno basiert ja auch auf etwas, was vorher passiert ist. Ich kann dieses Gerede auch nicht leiden, letzte Woche war ja Kraftwerk hier in der Nationalgalerie. Wenn man dann die Kommentare im Radio hört, von wegen die haben den Techno gemacht und seither war es nie wieder so geil – vollkommener Quatsch, die basieren auch auf irgendwas und ich bin zwar kein Kraftwerk-Fan, aber es ist wohl trotzdem die mit am häufigsten gesampelte Band im Technobereich.

Und im HipHop.

Ich finde auch einige Stücke gut, die auf deren Stück basieren, aber das ist immer alles ein bisschen hochgegriffen, wenn man gleich so absolut wird.

Elektronische Drums gab es vor Kraftwerk aber eigentlich nicht so wirklich.

Irgendwann musste das ja mal erfunden werden und sie waren halt die ersten (lacht). Nein, das erkenne ich auch an, mir geht es eher um diese Romantisierung.

Kraftwerk ist trotzdem ein gutes Beispiel. Ohne ihre Verdienste zu schmälern, präsentieren sie mit den Retrospektiven trotzdem eher das eigene Erbe, als erneut am Fortschritt mitzuwirken.

Früher gab es viel mehr Rhythmusvariationen, die Basis ist heute viel einfacher und alles 4/4, sonst kommt man beim Tanzen ja auch durcheinander. Oder Popmusik, das beruht ja alles auf dem gleichen Takt. Wie soll da etwas Neues kommen?

Durch neue Instrumente oder wenn sich die Produktionsmittel verändern, aber auf kurze Sicht dürfte das eher unwahrscheinlich sein.

Und selbst wenn, dann würden diese sich an dem angleichen, was vorher gewesen ist. Alles beruht ja auf irgendwas. Aber Fortschritt würde man sowieso nicht sofort mitbekommen, das entwickelt sich doch eher langsam bis er wirklich richtig wahrgenommen wird.

 

„Ich werde 40 in diesem Jahr, höre seit 25 Jahren Techno und weiß genau, was ich gut finde.“

 

Letztes Jahr hattest du in London einen gemeinsamen Gig mit Surgeon, James Ruskin und Blawan. Da kam quasi die alte und neue Generation zusammen. Es ist ja bekannt, dass du den englischen Techno magst, dem ja auch vor wenigen Jahren ein Revival nachgesagt wurde. Verfolgst du das?

An dem Abend haben Surgeon und Blawan aber zusammen als Trade live gespielt. Mich hat das jetzt alles andere als umgehauen, das war halt Techno in Reinstform: Bassdrum rein, Bassdrum raus. Von den neuen Sachen bekomme ich kaum was mit. Wenn ich jetzt jünger wäre, würde ich vielleicht drauf abfahren. Aber ich werde 40 in diesem Jahr, höre seit 25 Jahren Techno und weiß genau, was ich gut finde. Deswegen habe ich auch selbst angefangen Musik zu machen, damit ich meine Musik hören kann.

Du gehst zwar nicht mehr feiern, aber deine Releases schlagen trotzdem regelmäßig ein. Was spornt sich denn an oder was motiviert dich, weiterhin Musik zu machen?

Ich höre sie gerne und ich habe große Lust, sie zu machen. Das Releasen macht man halt und mittlerweile lebe ich auch davon. Aber die Phase zwischen dem Machen und Releasen wird immer länger bei mir, weil ich es gut finde, wenn ich Musik für mich alleine habe. Ich höre meine Sachen gerne, gerade unterwegs. Wenn sie draußen sind, dann werden sie sozusagen aus meiner Playlist entfernt.

Bei den Shed-Produktionen gehst du ja meisten mit einem klaren Konzept ins Studio. Ist das bei Head High auch der Fall?

Sehr unterschiedlich. Manchmal ist es so, dass wenn ich ein Shed-Stück fertig habe, es einfach noch mal öffne und davon einen Mix mache. Und manchmal kommt dann ein Head High-Stück dabei heraus. Auf den Platten steht ja immer der Name vom Mix, aber nicht das Original. Den gibt es auch nicht, weil der auf meiner Festplatte ist. Der Mix, den ich dann gemacht habe, kommt dann halt raus. Deswegen gibt es ja diese lustigen Mix-Namen, wie den „Balearic Island Mix“ als Zigg Gonzaless. Manche denken sich wie lustig, andere nehmen das total ernst und glauben sofort, dass ich jetzt Mallorca-Musik mache. Nee, ich mach’ das, weil ich das einfach lustig finde.

 

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So wie der „Mix Mix“ von „Megatrap“.

Total konfus, oder? Aber das macht mir eben Spaß und es gibt viele Leute, die sich da richtig Gedanken machen – das ist schon sehr unterhaltend.

Dein neues Head High-Release ist eine Mix-CD. Warum hast du dich für dieses Format entschieden?

Hab’ ich noch nicht gemacht, und ich muss alles mal durch haben. Deswegen letztes Jahr auch eine Doppel-EP, weil ich noch nie eine Doppel-EP produziert habe. Das ist der simple Grund. Eine CD macht eigentlich überhaupt keinen Sinn mehr, Mix-CDs noch viel weniger und bevor es noch weniger Sinn macht, also so richtig nicht, mach’ ich das noch mal, weil ich das gemacht haben will. Gar nicht mal die Mix-CD an sich, eher die Produktion, damit ich das in der Hand habe und irgendwann sagen kann, ich habe eine gemacht. Es sind ja alles bekannte Stücke auf dem Mix, bis auf zwei neue Tracks.

Und als Nächstes steht dann eine Head High-Tour an. Warum eigentlich diese Festlegung auf das eine Projekt?

Es gab immer mal wieder Anfragen, wo die einen dachten, dass ich als Shed kommen würde, habe aber selbst Head High-Sachen gespielt – oder andersherum. Mit der Tour weiß man halt, ich spiele auch nur diese Art von Musik. Die Tour-Idee war auch zuerst da, der Mix hat sich dann für mich natürlich angeboten.

Spielst du dann auf der Tour Live- oder DJ-Sets?

Nur DJ-Sets, Head High als Live-Set gibt es eigentlich nicht. Es kommen auch immer Leute mit zu den Gigs, die gut zu diesem New York-Detroit-Hardcore-Ding passen. Das sind insgesamt drei Kollegen: Steffi, Prosumer und Finn Johannsen aus dem Hard Wax. Das variiert dann immer mal, einer ist immer mit dabei, manchmal auch zwei oder alle drei. Und so spielen wir dann gemeinsame eine Nacht.

Warum hast du diese drei ausgewählt?

Weil ich sie als DJs und menschlich sehr schätze. Man will ja auch Menschen dabei haben, mit denen man sich versteht, damit das auch funktioniert und mit denen man auch mal gut ein Bierchen trinken kann. Mal gucken wie das wird, bin echt gespannt. Das ist ja auch das erste Mal, dass ich so eine Tour an sich mache, wodurch ich mich in eine komische Bring-Situation begebe. Ich repräsentiere diesen Abend, also was da läuft, und es wird ja auch Video-Installationen von der Pfadfinderei geben, so in dem Stil vom letzten Video im 90er-Jahre-Breakdance-Berliner-Hinterhof-Stil. Ich wollte keine Animationen oder Visuals, sondern reale Bilder. Als Anregung hatte ich der Pfadfinderei damals von der britischen Gruppe SL2 dieses Video „On A Ragga Tip“ geschickt, und so was wollte ich auch haben, mit Graffiti an den Wänden. Früher war eben alles besser (lacht).

 


Video: SL2On A Ragga Tip

 

Klingt aber so, als schimmert bei dir auch ein wenig Unsicherheit wegen der Tour durch.

Naja, wenn ich für gewöhnlich irgendwo gebucht werde, dann spiele ich einfach nur. Ich bin aber nicht schuld wie dieser Abend läuft. Aber in dem Fall, also diese Tour-Situation ist einfach ungewohnt und etwas unangenehm für mich.

Dabei hast du doch viel mehr Kontrolle darüber, wie die Musik präsentiert wird. Das ist doch fast optimal.

Ich bin aber in der Rolle, das ich mich öffnen muss und einen ganzen Abend gestalte. Diese Rolle habe ich vorher noch nie so gehabt, weil man ja mit seinem Namen auch dafür steht.

Apropos Namen: Wer oder was fällt dir ein, wenn ich die Namen Techfunkers, Inner Soul und Musicfreaks sage?

Wie bitte? Das hört sich ja gruselig an, aber ich sollte das bestimmt kennen.

Das sind alles Pseudonyme von DJ Duke. Der New Yorker Produzent war doch für die Namensgebung deines Labels und den Head High-Sound recht bedeutend, richtig?

Ich muss ehrlich sagen, ich bin kein richtiger Fan von DJ Duke, eher von seinen Labels und den Sachen, die dort veröffentlicht wurden. DJ Duke war mir schon immer zu poppig und zu spanisch angehaucht, so voll New York eigentlich. Ich mochte immer, wenn der ganze Quatsch weg gelassen wurde, wo es wirklich nur um die Bassdrum ging. Als ich noch im Hardwax war, habe ich auch immer mit DJ Pete geredet und dann ging es oft um diese House-Platten, die so eine Mörder-Bassline und geile Drums drüber hatten – so ein Zwischending aus DJ Duke und Mark Kinchen, wo die 909 exakt eingesetzt wurde, oder Felix Da Housecat oder Roy Davis Jr., der übrigens der Einzige ist, der ein Saxophon verwenden darf (lacht). Was bei mir halt noch dazukommt, sind die Breakbeat-Anleihen, genau diese Mischung, die ich immer richtig gut fand, wo es so ein bisschen ins UK-lastige Hardcore-Ding ging, wie Network Records oder KMS. Und darüber habe ich mit Pete gesprochen, und wenn dann mal so ein Stück kam, dann haben wir immer gesagt: Ja, das ist es, das ist Power House. Und daher kommt auch der Name meines Labels, na klar.

„Home. House. Hardcore“ hast du den Mix genannt. Ich denke, das Home sollte inzwischen bekannt sein. House hatten wir ja soeben….

…lass mich raten: Hardcore?

 

„Das Hardcore-Ding ruft auch die meisten Nostalgiemomente in mir hervor.“

 

Unabhängig davon, dass ich jetzt kein Gabber auf Head High-Produktionen höre, aber trotzdem sind das doch zwei wichtige Sachen für dich: Hardcore und Gabber.

Kommt noch, Gabber-House. Es muss immer härter werden zu Schluss (lacht) – und schneller. Alle werden langsamer und ich mach nur noch Gabber-House, so 156 BPM oder so, ganz langsam (lacht). Nee, aber im Ernst, ich war schon Fan, aber Gabber war das damals noch nicht, wir haben es damals Hardcore genannt, so 1994. In England hieß es Breakbeat Hardcore, doch Hardcore war für uns harter Techno. Kannst du dir aber nicht mehr anhören, damals sind wir so drauf abgefahren, Rotterdam Records oder Mokum und wie die Labels alle hießen. Aber das Hardcore-Ding ruft auch die meisten Nostalgiemomente in mir hervor. Wahrscheinlich weil es auch teilweise so absurd ist. Nicht unbedingt billig, aber diese Piano-Geschichten, das Micky-Maus-Gesinge und dann die Breaks drunter – das ist es, was mich kriegt. Obwohl es totaler Quatsch ist, man kann es ja auch nicht mehr spielen heute. Aber diese Musik ist auch für mich eher so innen drin. Ich muss das jetzt nicht spielen oder andauernd kundtun.

Hardcore bringt mich auch wieder zurück zu unserem Anfang: „the death of rave“. So hieß 2013 eine Veranstaltung beim CTM Festival, bei der du im Berghain ein Set gespielt hast, was man dort womöglich nie wieder so gehört hat.

Für mich war das eher ein Oldschool-Techno-Set, aber es war ja auch ein Rave-Abend. Ja, das hat schon echt Spaß gemacht und klasse, da konnte ich mal richtig vom Leder lassen. Aber so etwas kann man in einer normalen Clubnacht auch nicht machen – egal ob Samstagnacht oder Sonntagmittag, da würde man die Fläche leer spielen. An dem Abend habe ich auch drei Stücke von Rotterdam Records gespielt, die Holländer sind ja auch auf so UK Hardcore abgefahren, die hatten früher auch gute Mixe draufgehabt, so mit Breaks aber trotzdem durchbretternd, und immer auch diesen Hang zu diesen Rave-Signs und diese fetten Akkorde.

Viele von den Festivalbesuchern wussten gar nicht wie ihnen geschieht.

Hallelujah (lacht).

Und in derselben Nacht spielte dann noch Andy Stott live – war für ein Kontrast.

Stimmt. Aber der DJ nach mir hat so gekotzt. Der stand da neben mir und war schon ein bisschen fassungslos und meinte nur: Was soll ich jetzt machen? (lacht).

 


Download: Head HighGroove Podcast 42