APHEX TWIN Surfing on Soundclouds

Text: Gregor Wildermann, Grafik: user48736353001.com
Erstmals erschienen in Groove 153 (März/April 2015).

Wenn dieser Artikel erscheint, kann sich schon wieder alles geändert haben. Alles liegt an User48736353001 und welche nächsten Schritte dieser sogenannte „Pro Unlimited User“ unternimmt. 110 Tracks zum kostenlosen Download hochladen? Nur wenige Tage später weitere 30 Stücke? Dabei bleiben Geheimnisse im Internet nur selten das, was der Name früher mal bedeutet hat. User48736353001 ist Richard D. James alias Aphex Twin alias Analord alias The Tuss. Obwohl er auf der Musikplattform Soundcloud ein eigenes Profil hat, wählte er für den musikalischen Kehraus seines Archives ein eigenes und eher unpersönliches Pseudonym. Und darauf folgt wie ein automatischer Reflex eine ganze Kaskade von Fragen, von denen 2015 wohl noch weitere folgen werden. Warum macht er das? Wie alt sind die Tracks? Werden Sie jemals offiziell veröffentlicht?

Die Antworten werden auf der digitalen Schnitzeljagd von Blogeinträgen, Tweets und Facebook-Kommentaren zu finden sein. Schon im Rahmen der Interviews zum Albumrelease von Syro wurde deutlich, das Aphex Twin gerade die Rolle seines eigenen Nachlassverwalters übernimmt und trotzdem hätte wohl niemand erwartet, das er dies in dieser Konsequenz machen würde.

Nur wenige Tage nach der offiziellen Veröffentlichung der Warp-EP „Computer Controlled Acoustic Instruments Pt. 2“ geschah das, was in einem Blog treffend mit „Surfing on Soundclouds“ beschrieben wurde. War die EP ein in sich geschlossenes und durchaus modernes Variantenspiel zum Umgang mit Drums, offenbarten die Tracks bei Soundcloud die drei Grundstimmungen des früheren Richard D. James: Krawallbürste im Stahlgewitter, dev.groove.der Rollpanzer oder schwebende innere Einkehr mit einer Art akustischem Friedensnobelpreis. Dazwischen gibt es kaum Übergänge und jeder wird selbst entscheiden, wie er oder sie diese Neuzugänge im Gesamtwerk einsortiert. Viele Drumpattern und Melodieläufe erzeugen Déjà-Vus und das mag einer der Gründe sein, warum manche dieser Tracks einfach nur schöne Brüder und Schwestern von bereits veröffentlichten Stücken sind. Die Dauer der Tracks ist kein Indikator über deren Signifikanz oder ihren Spannungsbogen. Das mächtige „Japan“ ist mit fast zwölf Minuten auffallend lang, während sich in den knapp zehn Minuten von „Jap Flute Energy Rave“ schlichtweg bequeme Gemütlichkeit ausbreitet. Mal haben die unsortierten Tracks eine Nummerierung, mal nur eine einfache Zahl wie das brillante „07b“. „Early Morning Clissold“ klingt wie die Lobbymusik einer asiatischen Airline und je mehr Tracks man hört, desto öfter fragt man sich, warum sie so lange auf einer Festplatte eingesperrt waren.

Was war an „Rough Beat Tune“ falsch? War der Sampleloop in „Barbie“ ihm selbst hinterher zu einfach gedacht? Ein ausgewiesener Remix von „Donkey Rhubarb“ kuschelt sich stilistisch irgendwo zwischen verspielten Teletubbies und gnadenlosen Geishas ein – die gewaltige Monotonie des Originals wird komplett aufgehoben. Und die Beschreibungen könnten an dieser Stelle noch über Seiten so weitergehen. Wer am Ende von fast 150 Tracks seinen inneren A&R befragt, käme immer noch auf mindestens drei Doppel-Alben, die man sofort ins Presswerk hätte schicken können und deren Vorbestellungen selbst bei der kryptischsten Titelbeschreibung alle anderen Veröffentlichungen des Monats hinter sich gelassen hätten. Wir hätten sie mit diesem leichten Zittern in der Hand aufgelegt und am Ende gesagt, dass Sie jeden Euro, Pfund oder Dollar wert waren. Wenn dieser Artikel erscheint, laufen die Tracks aber mit Sicherheit schon längst auf deinem Smartphone, auf deiner Anlage oder an einem Ort, wo Sie genau der richtige Soundtrack zu einem Tag sind, dem ohne diese Musik einfach etwas gefehlt hätte. Wie gut, dass Richard mal aufgeräumt hat.

 


Stream: user48736353001Soundcloud-Playlist