GESTALTER Dennis Busch

Text: Thomas Vorreyer
Erstmals erschienen in Groove 149 (Juli/August 2014) | Mehr Beiträge aus der Rubrik „Gestalter“ gibt es hier.

Watch your back, heißt es im Englischen. Atatürk wiederum lehrte das türkische Volk, niemandem den blanken Nacken entgegenzuhalten. Deutsche sollten eher auf ihre Fossa poplitea achten, zumindest wenn es um Dennis Busch geht. „Ich möchte den Leuten immer erst mal die Kniekehlen wegschießen; ganz gemütlich, nicht mit der Brechstange“, sagt der Collagenkünstler, der als Musiker James Din A4, Joyride, Krieghelm Hundewasser, Pastor Fitzner und Pop Dylan war beziehungsweise ist, zuerst Esel Records betrieb und nun seit drei Jahren das Multi-Label Millions Of Brilliant Idiots. Auch zahlreiche Publikationen von Zeit und Süddeutsche bis Neon ordern mittlerweile eine Busch-Collage.

 

Die Collagen von Dennis Busch sind ab 21. November 2014 bei Echo Bücher in der Grüntalerstr. 9 in Berlin-Gesundbrunnen zu sehen. Die Ausstellung wird am Freitag, den 21. November 2014, um 19 Uhr eröffnet. Am Samstag, den 22. November 2014, hält der Künstler vor Ort einen Collage-Workshop ab.

 

Gerade herrscht eine Zeitenwende und Dennis Busch agiert mittendrin. Im vergangenen Jahr hat er gemeinsam mit Robert Klanten und Hendrik Helligebeim beim Gestalten Verlag die Gegenwartsbestandsanalyse The Age Of Collage herausgebracht. Der Band, der gerade in seine zweite Auflage geht, versammelt über achtzig kontemporäre Zunftvertreter wie Dash Snow, Linder Sterling oder Sarah Eisenlohr. Für Busch selbst war er vor allem eine Chance zur Neupositionierung. Die „Outsider-Position umkrempeln, eine Verantwortung analog zu meinen Arbeiten übernehmen, alles mal auf den Punkt bringen.“ Auch das vermeintliche Kauz-Dasein und das selbst geschaffene Label „Techno mit Unkraut“ galt es abzustreifen. „Ich wollte polarisieren und kanalisieren und habe für einen Adleraugenaufschlag lang die Speerspitze der Bewegung einmal in die Hand genommen, um sie direkt weiterzureichen. Die eingefleischte Szene ist natürlich beleidigt, dass sie jetzt nicht drin ist.“ Irgendwo muss bei der Collage eben der Schnitt gesetzt werden.

 

cat

Cat (Collage, 2014)

 

Das Sehen soll zum Fühlen werden

Die Kunstform erlebe gerade einen „totalen Hype, ähnlich wie bei der Street Art vor einigen Jahren. Den meisten reicht dabei schon die Collage an sich.“ Natürlich sei es einfach, „einen Affenkopf auf Angela Merkel zu kleben“, bei seinen Montagen geht es Busch aber um mehr, um neue Zusammenhänge und Botschaften. „Ich versuche, bei den Leuten die Fähigkeit zu entwickeln, kristalliner zu sehen; dass sie erkennen, wie nah Tutanchamun etwa bei Metallica ist.“ Das Sehen soll zum Fühlen werden, ähnlich wie beim Konsum psychedelischer Pilze. Von einer Retro-Striptease-Performance bleiben so nur noch die bestrumpften Beine, welche durch einen 10-Euro-Schein ragen, Pflanzenblüten und Pfeilspitzen überformen eine menschliches Gesicht oder das Auge eines älteren Herren erscheint in einer aufgelegten Angelszene erneut. Buschs Denken und Ansatz äußern sich bereits in seiner Sprache. „Es gibt bei der Collage eine Art Sehnsucht als Glücksgefühl: Wie war es vor der Geburt?“, oder: „In ihr kann man Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem magischen Cocktail vermengen und so ein Zeitloch entstehen lassen. Man wird zum Astronaut im Interstellaren.“, und: „Mir ist es wichtig, mit dem Kopf in den Wolken zu sein, und dieser dreht sich wie beim Exorzist um 360°, und dabei aber mit den Füßen im Mutterreich, in der Erde.“

 

girl-double-trouble

Girl (Collage, 2013, links), Double Trouble (Collage, 2013, rechts)

 

Einflüsse und Farbexplosionen

„The Age Of Collage“ gäbe es – auch dank der Verbreitung im Internet – wirklich. „Vor 15 Jahren konntest du mit Collagen noch keinen Blumentopf gewinnen. Heute ist der Blick der Leute geschult und wird der Stil von John Stezacker vielerorts kopiert“, sagt Busch, der mit 17 mit dem eigenen Skatermagazin Suicidal Zine anfing. „Das hatte schon eine punkige Ästhetik, aber auch dieses Sixties-Feeling gepaart mit Magritte-Surrealismus.“ Der zunächst lange Zeit verrufene belgische Maler ist neben dem kalifornischen Fünfziger- und Sechziger-Collagen-Künstler Wallace Berman bis heute einer der wichtigsten und erkennbarsten Einflüsse für Buschs Schaffen: „Bei Magritte ist die Verschiebung des Montagepunktes auf den ersten Blick sehr gering, aber das löst so viel aus. Was sich dabei an Klarsicht, an kristalliner Kraft offenbart, ist nicht zu unterschätzen.“

 

cosmic-debris

Cosmic Debris (Collage, 2014)

 

Immer wieder greift Dennis Busch dafür auf Bilder des Todes zurück, denen er mit bunten Farben und Motiven neues Leben einhaucht. Etwa der ausgetrockneten Froschleiche auf dem Cover seines bei Airbag Craftworks erschienenen Buchs Back To Normal oder dem fahlen Haupt eines Urmenschen auf der Front seines letzten Albums Total Youth. „Das ist der älteste gefundene Schädel eines Menschen gepaart mit einer jungen Frau von einem indischen Blütenfest. Man soll dem Tod gewahr werden, aber in ihm auch das Leben erkennen.“ Oder anders: Dennis Busch sucht beziehungsweise kreiert die „Farbexplosion im tiefsten Dunkeln des geilsten Blumenstraußes eines holländischen Malers aus dem dem 17. Jahrhundert.“ Im gleichen Jahr hat er auch für die Debüt-LP des Kompakt-Künstlers Taragana Pyjarama auf unheimlichste Weise ein Kindergesicht in eine rot-blaue, unförmige Vogelscheuchengestalt eingewoben, die dieses scheinbar gefangen hält. Für Voigt / Mayer / Paape ist Busch als Künstler und Gestalter immer mal wieder aktiv, um eine noch in Esel-Zeiten angefallene Rechnung für besonders aufwendig gestaltete und ebenso kostenintensive wie kommerziell unerfolgreiche James Din A4-Platten (siehe Groove 95) zu begleichen.

 

total-youth-taragana

Dennis BuschTotal Youth (LP-Cover, 2012, links), Taragana PyjaramaTipped Bowls (LP-Cover, 2012, rechts)

 

Der Collagen-Cowboy

Eine Erfolgsgeschichte ist hingegen die im April veröffentlichte Remixplatte Farben Presents James Din A4, auf der Jan Jelinek sich zehn Stücken aus dem voluminösen Musikkatalog von Buschs zahlreichen Alias angenommen hat. „Du kannst dir nicht vorstellen, was das für ein Fahrtwind gerade ist. Meine Mutter drückt mir plötzlich den Kulturspiegel in die Hand, weil ich da drin bin.“ Auch Jelinek profitiere ungemein davon. Anscheinend muss dieser bei der Coverfindung allerdings einen langen Atem bewiesen haben, denn mit dem fuchshaften Farbwesen, das sich über eine Teenagerszene hinter Maschendrahtzaun legt, sei Dennis Busch zwar „mittlerweile total happy, die Arbeit war für mich aber nicht in den Top 100 der Auswahl.“ Gerne hätte er etwas weniger Zerlaufendes verwendet. Das Artwork musste allerdings auch wie eine typische Faitiche-Platte aussehen, Jelinek schlug zudem vor, die Songtitel wie bei einer klassischen Jazz-Platte vorne, in der linken oberen Ecke zu platzieren. Der immerhin 80-teilige, gemäldeartige Farbkörper repräsentiert derweil einen zweiten Ansatz in den Collagen von Busch: „Ich liebe Fummelarbeiten als Ergänzung zu Punktuellen. Man kann nicht zehnmal schießen, ohne nachzuladen.“

 

untitled-jump

Untitled (Collage, 2013, links), Jump (Collage, 2014, rechts)

 

In den vergangenen Jahren hat Collagen-Cowboy Busch, der momentan noch ein Label für sein neues Album sucht, verstärkt T-Shirts gestaltet. In der kommenden Herbstkollektion der französischen Marke Sixpack France, die zuvor unter anderem mit Banksy kollaborierte, wurden seine Arbeiten nun sogar verwendet. Ein älteres, selbst gemachtes Shirts ziert wiederum der Schriftzug „Ottersberg, New York, New York, Ottersberg“. Der Künstler, der mit seiner Frau Julia Busch, ebenfalls Collagistin, seit Jahren in der Kleinstadt bei Bremen lebt, wollte damit Klischees und Grenzen aufbrechen sowie daran erinnern, dass in Zeiten des Internets alles eins wird. Die Grenze lagert er so viel lieber politisch in die eigene Kunst um: „Ich empfinde die Collage als bewusste Grenzsetzung in einer grenzenlosen Gegenwart. Über sie kann man sich von einer Seite zur anderen die Hand reichen, anstatt dass der Stärkere sich dem Schwächeren einfach einverleibt. Die herkömmliche Galerienkunst kannst du dabei selbst im Schneckentempo auf dem Standstreifen noch wie mit Vollgas überholen.“