THEO PARRISH Die Rache der Samples

Text: Florian Obkircher, Fotos: Mads Perch
Erstmals erschienen in Groove 150 (September/Oktober 2014)

Er ist die Lichtgestalt der House-Musik: DJ mit Haltung, Produzent ohne Kompromisse, seit zwanzig Jahren die gute Seele der Clubkultur. Seit kurzem ist Theo Parrish außerdem wieder Bandleader. Mit seiner Live-Show war im Sommer in Europa unterwegs. Beim Treffen in London erzählt er über seine neue Band, seine neue Wahlheimat und über sein neues Album American Intelligence, das am 17. November 2014 erscheinen wird.

Die Bühne ist in samtrotes Licht gehüllt. Aus den Boxen plätschert ein Stück New Jazz, an der Bar der prächtigen Art-déco-Konzerthalle in Nordlondon herrscht Hochbetrieb: Noch schnell ein Bier holen, bevor der Meister loslegt. An die tausend Besucher haben sich im The Forum versammelt, um „Teddy’s Get Down“ zu sehen: Theo Parrishs neue Live-Show. Die meisten von ihnen dürften der treuen Gefolgschaft des Produzenten aus Detroit angehören. Der Altersschnitt im Publikum liegt bei 30 plus. Die Dichte an Schiebermützen, Hornbrillen und Shirts mit KDJ-Logo-Aufdruck ist auffällig groß.

Dann geht die Hintergrund-Musik aus. Die sechsköpfige Band betritt die Bühne. Einer nach dem anderen. Bandleader Parrish zuletzt. Sein Outfit ist betonte Nebensache: Turnschuhe, Cargo-Hose und ein weites, hellblaues T-Shirt, das seinem Bäuchlein schmeichelt. Der 42-Jährige stellt sich an das Keyboard in der Bühnenmitte und grinst. „London! Wie geht’s euch da draußen?“ Der Gitarrist legt mit einem Funk-Riff los. Es ist das Intro zu „Top Of The World“ von Brass Construction. Just die Siebziger-Soul-Hymne, die Parrish für seine allererste Veröffentlichung sampelte: „Lake Shore Drive“, erschienen 1995 auf dem Label seines Kollegen und Förderers Moodymann.

Der Schlagzeugbeat groovt, das Rhodes-Piano galoppiert, Sängerin Ideeyah demonstriert ihren eindrucksvollen Stimmumfang. Parrish am Synthesizer wippt energisch mit und gibt seinem Gitarrist nach wenigen Minuten den Einsatz zum Solo. Danach ist Keyboarder Amp Fiddler an der Reihe: Minutenlanges, leidenschaftliches Gedudel. Das ist handwerklich perfekt, ganz ohne prahlerischen Mucker-Gestus. Und doch gleichzeitig Galaxien entfernt von der entschlackten Stoik, die Parrishs Solo-Produktionen innewohnt. Von der rumpelnden Reduktion, die seine Platten so herausragend macht. Schon das erste Stück des Konzerts wirft die Frage auf: Kann Parrishs Musik im Bandformat funktionieren? Oder besser: Muss sie das überhaupt?

Tracks wie Oliven

Drei Wochen zuvor: Es ist ein schwüler Sommerabend. Die Luft im kleinen Kellerproberaum in Südlondon ist stickig. Parrish wischt sich den Schweiß von der Stirn. Seit einer Woche verschanzt er sich hier. Jeden Tag bis zu zehn Stunden. Mit befreundeten Musikern arbeitet er an einer neuen Live-Show, einer Neuaufbereitung seiner Tracks im Bandformat. Um damit dann den Sommer über europäische Clubs und Festivals zu beehren. Noch bevor das Aufnahmegerät läuft, stellt Parrish klar: Keine Fotos im Proberaum, keine Fragen zu den Proben selbst.

 

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„Der kreative Prozess ist für mich etwas Privates, etwas Rituelles. Deshalb ist dieser Ort eigentlich nur für Eingeweihte zugänglich“, sagt er. Höflich aber bestimmt. „Ich mache heute eine Ausnahme. Aber nur, um dir mein neues Album vorzuspielen. Dafür brauchen wir gute Lautsprecher.“ Damit wäre das mit der lockeren Einstiegsfrage zur neuen Live-Show wohl erledigt. Parrish mustert sein Gegenüber prüfend, die Miene ist ernst. Ein Gefühl, wie wenn man als Kind vom Lehrer unvorbereitet an die Tafel geholt wird.

Dass Parrish es Journalisten nicht immer ganz leicht macht, ist einer der vielen Mythen, die sich um ihn und seinen Kollegen Moodymann ranken. Keinen Bock auf halblustige Fragen. Warum auch? Schließlich ist Musik für Parrish kein netter Zeitvertreib. Im Gegenteil: Sie ist etwas Spirituelles. Eine Lebensaufgabe, der er sich als Historiker, Fan und Produzent hingibt. Davon zeugen die Platten, die er seit fast zwanzig Jahren veröffentlicht. Voller musikhistorischer Verweise und kultureller Referenzen. Sperrig und schön, polternd und poetisch. Ein Freund meinte einmal, Parrishs Tracks seien wie Oliven: nicht jedermanns Sache. Nur Menschen mit erfahrenen Geschmacksknospen seien in der Lage, sie vollends zu genießen.

Ähnliches gilt für seine DJ-Sets. Eine Stunde Prime-Time-Bomben ist seine Sache nicht. Bei seinen Auftritten hat er nicht selten zwölf Stunden Musik dabei – auf Vinyl, versteht sich – und verlangt vom Veranstalter per Vertrag vier Stunden Spielzeit. Um das Publikum auf eine Reise mitzunehmen. Disco, Chicago-House, Funk, Techno, HipHop, Jazz – Parrish setzt sein Publikum in eine Zeitmaschine und sich selbst über Stilgrenzen hinweg. Der punktgenaue Beat-Mix verkommt zur Nebensache, wenn er stundenlange Spannungsbögen aufbaut – so dass am Ende der Nacht der ganze Club zu einer John Coltrane-Nummer abtanzt. Für Dan Snaith, besser bekannt als Caribou, waren Parrishs monatliche Sets im Londoner Club Plastic People so inspirierend, dass er seine eigene DJ-Karriere als Daphni forcierte. „Durch seine Sets realisierte ich: Clubmusik kann unkonventionell klingen und trotzdem funktionieren. Sie kann überraschen. Viele Tracks spielte er eine halbe Stunde lang im Loop. Bis die Leute anfingen zu tanzen. Das fand ich fantastisch“, pries Snaith den ‚DJ der DJs’ vorletztes Jahr im Groove-Interview.

Genießt das Hier und Jetzt!

Dass sich einer wie er nicht mit dem Laptop auf die Bühne stellt, um seine Tracks live zu präsentieren, versteht sich unter diesen Vorzeichen von selbst. Vor zehn Jahren wagte Parrish schon einmal den Schritt in die Welt der handgemachten Musik. Unter dem Namen Rotating Assembly trommelte er 21 Musiker seiner Heimatstadt zusammen, um das Album Natural Aspirations aufzunehmen. Eine Platte voll ätherischer, mäandernder Jazz-Vocal-Stücke, live eingespielt und nachher vom Bandleader minimal nachbearbeitet. Bei Parrish-Liebhabern stieß das Werk allerdings – ähnlich wie die Konzerte des Kollektivs – nur bedingt auf Gegenliebe. Vermutlich weil die Tracks zu glatt und geschmeidig wirkten – im Vergleich zu dem rauen, holpernden Stil von Parrishs Solo-Platten auf seinem Label Sound Signature. Im Rückblick betrachtet er das Projekt selbst mit gemischten Gefühlen. „Rotating Assembly war nicht ganz das, was ich mir vorgestellt hatte“, sagt er. „Ich war zu unbekümmert und unterschätzte die Vorarbeit, die nötig ist, um ein so großes Projekt entsprechend umzusetzen.“

Nachdem er sein Rotating Assembly 2006 auf Eis gelegt hatte, widmete sich er sich wieder ganz der Rolle als Produzent. 2007 veröffentlichte er mit Sound Sculptures Vol. 1 ein Opus Magnum, auf dem er die Brücke zwischen stolpernden Vocal-House-Perlen wie „Soul Control“ und Club-Granaten wie „Synthethic Flemm“ schlug und seine unverkennbare Handschrift noch weiter verfeinerte. Auf Maxis kollaborierte er mit Kollegen wie IG Culture und Isoul8, sowie mit Marcellus Pittman und Omar-S (als T.O.M. Project) – und war durch die global einsetzende Deep-House-Renaissance als DJ plötzlich gefragter denn je. Vor vier Jahren erwachte die Lust am Live-Spielen in ihm dann erneut. „2010 hatte ich die Chance nach Nigeria zu reisen und dort eine Show mit Tony Allen und Amp Fiddler zu spielen. Nach nur zwei Probetagen standen wir auf der Bühne – vor zweitausend Menschen! Ich war verdammt nervös, aber es war toll.“

 

„Genießt das Hier und Jetzt. Tanzt und schaut nicht auf den alten Griesgram auf der Bühne!“

 

Den finalen Impuls gab dann noch die Sache mit dem Auflegen. Nach etlichen Jahren zwischen Nachtclubs, Hotels und Flughäfen war für ihn die Luft ein wenig raus. „Ich war immer mehr unterwegs, aber immer seltener glücklich nach meinen Gigs. Weil sich die Atmosphäre in den Clubs veränderte“, sagt er. „Es ist eine Entwicklung, die ich seit längerem beobachte: Die Menschen tanzen kaum noch. Sie starren mich beim Auflegen an. Oder halten mir ihre Handys ins Gesicht, um mich zu filmen. Oder um Selfies mit mir im Hintergrund zu knipsen. In solchen Momenten denke ich mir: Seid doch nicht blöd! Genießt das Hier und Jetzt! Tanzt und schaut nicht auf den alten Griesgram auf der Bühne!“

 


Stream: Theo ParrishSynthethic Flemm

 

Parrish entweicht ob dieses emotionalen Ausbruchs ein erstes Lächeln. Er taut auf. Je länger er spricht, desto dichter wird sein Wortschwall. Besonders wenn man ihn zum Status Quo aktueller Clubkultur befragt, beginnen seine Augen zu leuchten, seine Hände zu gestikulieren. Warum? Weil ihn das Thema bewegt. Dass Parrish den technischen Entwicklungen der vergangenen zehn Jahre kritisch gegenüber steht, ist kein Geheimnis. Laptops auf der Bühne, Selfies im Club, Selbstbeweihräucherung auf sozialen Netzwerken – bei solchen Themen sieht er rot. Nicht, dass er per se ein Technikverweigerer wäre, nicht, dass früher alles besser war, aber Musik hatte definitiv schon einmal mehr kulturelle Bedeutung als heute. Da ist er sich sicher. Und er liebt es, darüber zu sprechen. Deshalb haftet ihm auch mittlerweile das Image des Gralshüters an. Des Predigers der reinen Lehre, der nichts mehr hasst als Bequemlichkeit und Faulheit, die er vielen Produzenten und DJs im gegenwärtigen Musikgeschäft ankreidet. Ohne dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Bei seiner Fangemeinde kommt das gut an: Bei Vinyl-Apologeten und denen, die von einer Clubnacht mehr verlangen als das Aufwärmen der aktuellen Beatport-Charts. Was Parrish allerdings nicht ist: ein humorloser Nostalgiker. Wenn er sich selbst als alten Griesgram bezeichnet, kommt genau der Funken Selbstironie durch, der ihn von konservativen Jammerlappen unterscheidet. Auch auf dem neuen Werbeflyer für sein Label zeigt er Humor: „Fühlst du dich depressiv? Tun deine Ohren weh? Dann leidest du vielleicht unter… schlechter Musik. Um dieses unangenehme Problem zu beheben, frag deinen Arzt nach: Sound Signature.“

Die beste Party deines Lebens

Parrishs Musik als Heilmittel? Vielleicht. Noch effektiver ist es allerdings, Doktor Theo selbst um Rat zu fragen. Denn schon vor Halbzeit des Interviews wird klar: So ungern er über seine kreativen Abläufe spricht, so wichtig ihm die Privatheit seines Tonstudios ist, umso leidenschaftlicher gibt er den humorvollen Ratgeber und Lebenshelfer. Auch was Paarungsrituale anbelangt.

„Lass dein Handy bei der nächsten Party daheim und geh mit Freunden hin. Ich garantiere dir: Diese Party wird dir als eine der besten deines Lebens in Erinnerung bleiben, egal ob sie scheiße ist oder nicht. Weil du sie mit deinem Körper und deinem Geist erlebst. Wenn du ständig auf dein Telefon starrst, wenn du es zwischen dich und die Cluberfahrung drängst, dann entgeht dir etwas.“

Und weiter: „Es ist doch ganz einfach: Wenn du dich früher mit einem Mädchen verabredet hast, hast du nicht beim ersten Anlass die Kamera gezückt. Weil du am Ende der Nacht so vermutlich keinen Kuss bekommen hättest. Ich möchte meine Gigs nicht mit einem Rendezvous vergleichen, aber es geht doch darum: Ich brauche als DJ die Energie der Tänzer genauso wie sie meine Musik. Es ist eine Symbiose. Außerdem ist deine Zeit kostbar. Du arbeitest hart und am Wochenende willst du den Stress vergessen und dich vom Alltag befreien. Das Problem ist: Wir sind Sklaven unserer Mobiltelefone. Ständig leben wir in dem Zwang, alles zu dokumentieren. Und auch wirklich jede SMS und jeden Anruf zu beantworten. Ich kenne Männer, die von ihren Frauen verlassen wurden, weil sie ihre Fotos auf Instagram nicht kommentiert haben.“

 

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Es ist zu verlockend, um nicht nachzufragen: Parrish selbst hat ein iPhone 3, das er allerdings als notwendiges Übel bezeichnet. Was er damit macht? Sicher nicht sein Facebook-Profil oder die brandneue Website seines Labels verwalten, sagt er. Das überlässt er seinen Helfern. Er braucht es, um regelmäßig seinen Sohn in Detroit anzurufen. Seit Parrish seinen Zweitwohnsitz in London hat, sieht er den Kleinen selten. Noch seltener als früher.
„Er ist der das Wichtigste in meinem Leben, ich will das Beste für ihn. Und da wäre es schon sehr verlockend, ihn nach London zu holen. Um ihm zu zeigen, was es heißt, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die ihn nicht als Bedrohung wahrnimmt“, sagt er. „Weißt du, was ich am meisten an London schätze? Du kannst in einen Laden gehen und nach dem Manager fragen – und du hast keine Ahnung, welche Hautfarbe der Typ hat, der dir gleich entgegentreten wird. Das beeindruckt mich. In den USA ist das anders. Und ganz nebenbei: Mein Sohn steht auf Fußball. Schon allein deswegen würde es ihm hier gefallen“, sagt er und lacht.

Ausgehend von seiner Monatsresidenz im Plastic People Club hat sich Parrish an der Themse in den vergangenen Jahren eine musikalische Achse aufgebaut, die schon jetzt ansehnliche Blüten zeigt. Mit Andrew Ashong veröffentlichte er 2012 den Konsenshit „Flowers“. Eine entspannt dev.groove.de Uptempo-Soul-Nummer mit schnaubendem Rhodes-Piano und schallenden Hi-Hats, die bei Gilles Petersons Worldwide Awards zum besten Track des Jahres gekürt wurde. Mit seiner Londoner Lebensgefährtin startete er im Mai ein neues Label namens Wildheart Recordings. „Sound Signature ist für den Körper zuständig, Wildheart für alles andere“, beschreibt er die Ausrichtung. Die aktuelle dritte Katalognummer vom jungen HipHop-DJ Budgie unterstreicht das eindrucksvoll: verstolperte Tracks mit souligem Sonnenbrand und psychedelischem Einschlag, die aus dem Archiv von J Dilla stammen könnten. „Sound Signature hat seine treue Gefolgschaft. Aber die hat auch gewisse Erwartungen an den Output. Die gewagteren Platten des Labels kamen nie sonderlich gut an. Mit Wildheart nehme ich mir nun die Freiheit, weniger tanzflächentaugliche Tracks zu veröffentlichen.“

Übrigens: Auch Parrishs letzte Maxi „71st & Exchange Used To Be“ erschien im Januar bei einem Londoner Label: The Trilogy Tapes, geführt von Design-Guru Will Bankhead, bekannt durch seine stilprägenden Plattencover für Labels wie Mo’ Wax und Honest Jon’s. „Ich lernte Will über eine Gruppe Skateboarder kennen, die meine Tracks für ihre Videos verwendet hatten“, sagt er. „Wir verstanden uns auf Anhieb und beschlossen, eine gemeinsame Platte zu machen. Ich die Musik, Will das Layout. Und ich bin verdammt froh über diese Begegnung, denn die Arbeit an den drei Stücken stellten gleichzeitig den Ausgangspunkt für mein neues Album dar.“

Dieses Gefühl von Freiheit

Gutes Stichwort: das neue Album. Höchste Zeit, einige der Nummern daraus anzuspielen, findet Parrish. American Intelligence soll die Platte heißen und über zwei Stunden neue Musik beinhalten. Bis auf die Vorabsingle „Footwork“, eine minimalistische synkopierte House-Ode an alle Tänzer dieser Welt, die schon etwas länger im Archiv des Musikers schlummerte, entstanden die Stück dafür in einem Guss. Produziert als großes Ganzes.

 


Video: Theo ParrishFootwork

 

Er klappt den Laptop auf, überprüft die Kabelverbindung, sucht in seiner Library und klickt schließlich auf Play. Eine Roland-909-Hi-Hat zischelt los, ein wabernder Stakkato-Bass setzt ein. Nach einer halben Minute mischt sich die Kick-Drum dazu. Leicht verschoben. Knapp daneben. Das Ohr braucht einen Moment, um die Struktur der schiefen Rhythmik zu erkennen. Erst als die Snare-Drum dazukommt, prescht der Track als stramme Einheit richtig los. In seiner rhythmischen Komplexität erinnert das Stück an Parrishs herrlich vertrackten Klassiker „Dusty Cabinets“ von 1998. Parrish hat die Augen geschlossen, während das Stück läuft. Bedächtig nickt er mit dem Kopf. „Der Track heißt ‚Drive’“, sagt er. „Es geht um den menschlichen Emotionshaushalt: Was fühlst du und wie drückst du deine Gefühle aus? Wo ist dein ‚Drive’?“, sagt er bedächtig. Dann grinst er schelmisch. „Aber vielleicht mache ich mir auch zu viele Gedanken über solche Dinge. Schließlich bin ich ein Schwarzer aus Detroit, dem Klischee nach kann ich unmöglich smart sein.“

 

„Wenn ein Stück im Auto nicht gut klingt, dann klingt es nirgends gut.“

 

„Drive“ bezieht sich zudem auf den thematischen Anker des Albums: das Auto. Detroits Segen und Sargnagel zugleich. Und in Parrishs Lebensrealität der beste Ort, um Tracks probezuhören. „Wenn ein Stück im Auto nicht gut klingt, dann klingt es nirgends gut“, sagt er. „In Detroit gibt es kaum öffentliche Verkehrsmittel, du bist gezwungen, die meiste Zeit im Auto zu verbringen. Aber mir macht das nichts aus. Ich liebe dieses Gefühl von Freiheit, für das die Karre steht. Sie ist der einzige Ort, an dem mich von meiner Umwelt abkapseln kann. Ich kann ohne schlechtes Gewissen nicht ans Telefon gehen. Denn hey, ich will schließlich niemanden verletzen.“

Auch der nächste Track, den Parrish anspielt, hat einen klaren Bezug zum fahrenden Untersatz: Eine inszenierte Konversation zwischen Parrish und einem Streifenpolizisten in Detroit. Der Polizist will die Papiere des Musikers sehen. „Ich würde doch nichts Illegales in Ihrem Auto finden?“, fragt er. Parrish verweigert die Durchsuchung und fragt nach dem Grund für die Kontrolle. Der Cop droht daraufhin damit, Verstärkung zu ordern. Aufmucken, das geht gar nicht. Ein kleines Hörspiel, das durch die schiefe Synthesizer-Melodie im Hintergrund, noch an Bedrohlichkeit gewinnt. „Traurige Realität“, kommentiert Parrish. „Am Weg zum Flughafen und in den Vorstädten werde ich dauernd von Polizisten wegen meiner Hautfarbe kontrolliert. In Detroit selbst passiert das weniger. Ironischerweise aber nur deshalb nicht, weil die Polizei dort mit so geringen Mitteln ausgestattet ist, dass sie nur schweren Verbrechen nachgehen kann.“

Der nächste Track in der Playlist heißt „Tympanic Warfare“: Ein düster waberndes Epos mit polyrhythmischen Aufbau, expressionistischen Sound-Klecksen und einem unermüdlich raschelnden Tamburin. Ein anderes Stück heißt „Ah“. Der Song, geschrieben mit seinem alten Weggefährten Marcellus Pittman, ist der bislang strukturierteste der Listening-Session: Hämmernde Syntheszier-Akkorde, dazu verspielte Wurlitzer-Piano-Miniaturen und die soulige Stimme von Parrishs neuer Sängerin Ideeyah. Kein Beat, kein Firlefanz. Simpel und atemberaubend, wie ein Sonnenaufgang. In seiner schlichten Schönheit erinnert der Song ein wenig an Parrishs „Serengeti Echoes“ von dessen Album Parallel Dimensions.

Dann der letzte, noch namenlose Track, den Parrish anspielt: Eine Streicher-Pattern brüllt los. Zwei alternierende Noten, schrill wie eine Sirene, unterlegt von einem eiernden Funk-Sample. Dazu wirbelnde Snare-Drums. Marschmusik mit Soul. Laut und intensiv. Und letztlich ein Beweis dafür, dass Parrish – bei aller Liebe zu seinen Keyboards – sein Faible fürs Samplen noch nicht ganz aufgegeben hat. „Auch wenn ich mich heute mehr für Song-Arrangements interessiere, würze ich die Tracks gelegentlich noch mit Samples. Heute setze ich sie als Referenzen ein, als Stilmittel. Früher, weil ich es mir nicht zutraute, Instrumente selbst einzuspielen. Gerade jetzt, wo wir am Live-Set arbeiten, rächt sich das. Weil es viel Zeit und Mühe kostet, diese Samples und ihre Atmosphäre zu rekreieren“, sagt er und lacht.

Ein Abend unter Freunden

Zurück ins The Forum: Als drittes Stück des Konzerts spielen Parrish und seine Band „Chemistry“. Der Meister stimmt das Stück von 2008 mit dem prägnanten Stakkato-Synthesizer-Riff an. Etwas aus dem Takt, doch der junge Schlagzeuger Myele Manzanza – ansonsten Mitglied der neuseeländischen New-Soul-Band Electric Wire Hustle – holt den Meister wieder zurück in den Groove. Am vorderen Bühnenrand haben inzwischen vier Tänzer Position bezogen. Zwei Männer und zwei Frauen, die ausgelassen breakdancen, poppen und locken.

Hier ist sie, Parrishs Antwort auf ein Publikum, das lieber auf die Bühne starrt als sich selbst im Tanz zu verlieren. Und der Plan geht auf: Während sich die Musiker auf ihre Instrumente konzentrieren, übernehmen die vier Figuren im Rampenlicht die visuelle Unterhaltung. „Lasst euch anstecken!“, hatte Parrish ins Publikum gerufen als die vier auf die Bühne kamen. „Klatscht in die Hände, stampft mit den Füßen. Singt, tanzt mit!“

Die Tanzeinlagen haben allerdings nichts mit einer akrobatischen Darbietung zu tun. Die Choreographien wirken spontan, nicht einstudiert. Die Tänzer zeigen lässige Top-Rocks, keine spektakulären Salti. Und das ist gut so. Denn genau das verleiht der Live-Show ihren entspannten Charakter. Block-Party-Feeling. Ein Abend unter Freunden und Nachbarn. Teilnahme willkommen.

Danach folgt „Soul Control“, der vielleicht beste Track von Parrishs letztem Album. Im Original ein klappriges, staubtrockenes Groove-Gerüst, über das Alena Waters mantraartig schmachtet: „Do you wanna control me?“ Live übernimmt das Piano die schroffe Bass-Linie, Synthesizer-Flächen schichten sich in- und übereinander, das polternde Beat-Skelett weicht synkopischem Jazz-Schlagzeug, zumindest die rhythmischen Stolperer des Originals bleiben erhalten. Beim anschließenden „Ah“ nähert sich Manzala mit einem Schlagzeug-Solo dann noch einmal gefährlich nahe dem Muckertum. Er wirbelt, erhöht das Tempo langsam, das Publikum klatscht euphorisch im Takt mit. Ein Moment, wie er auch beim Jazz-Brunch im Kleinstadt-Café vermutlich nicht fehlen darf.

Doch dann passiert etwas: Die Band geht in einen monoton psychedelischen Jam über. Krautige Synthesizer flirren durchs Spektrum, der Beat prescht voran. Nach fünf Minuten dreht sich Parrish zum Keyboard und spielt eine zarten Melodie, die im Kontrast zur wuchtigen Sound-Wand steht. Die ersten erkennen die Tonfolge und johlen lautstark: „Solitary Flight“. Der Track mit dem Vangelis-Sample, der Parrish 2002 breite Aufmerksamkeit bescherte. Die Band lässt sich Zeit, baut das Stück gemächlich auf. Weiter und weiter. Bläser kommen auf die Bühne und übernehmen den Streicher-Part des Originals. Gänsehaut. Wahnsinn. Als Manzala sein wirbelndes Trommelspiel schließlich auflöst und in einen geraden Groove übergeht, steht keiner im Publikum mehr still. Es ist der Moment, der alle Zweifel beseitigt: Ja, Parrishs Band-Experiment geht auf. Und wie!

Als Parrish im Anschluss die aktuelle Single „Footwork“ anstimmt, hat er nichts mehr zu befürchten. Die Tänzer batteln sich, das Publikum feuert sie an und tanzt mit. Parrish grinst übers ganze Gesicht, so beseelt, dass er am Mikrofon fast seinen Einsatz verpasst: „Let me! See! Your Footwork! Ba-by!“

Als Zugabe nach anderthalb Stunden serviert Parrishs Band dann noch eine Coverversion des Disco-Klassikers „Ain’t No Need“ von Skye. Mit einem Shout-Out an den Chicago-DJ-Veteran Specter, der ihm das Stück einst vorspielte. Zum Abschluss treten alle zwölf Akteure Arm in Arm an den Bühnenrand. Winken, theatralische Verbeugung, Abgang. Nur Ideeyah kommt noch einmal zurück in die Bühnenmitte. Sie dreht sich mit dem Rücken zum Publikum, zückt ihr Telefon und macht, genau, ein Selfie.

 

Das Album American Intelligence von Theo Parrish erscheint am 17. November 2014 bei Sound Signature.

 


Theo ParrishAmerican Intelligence (Sound Signature)

LP:

1. Footwork

2. Cypher Delight

3. Ah (ft. Marcellus Pittman, Ideeyah, Duminie DePorres)

4. Creepcake

5. Make No War

6. Drive

7. Fallen Funk

8. Be In Yo Self (ft. Ideeyah, Duminie DePorres)
9. Helmut Lampshade

CD 1:

1. Drive

2. Life Spice

3. Welcome Back

4. Tympanic Warfare

5. Fallen Funk

6. Ah (ft. Marcellus Pittman, Ideeyah, Duminie DePorres)

7. Make No War

CD 2:


1. Cypher Delight

2. …There Here

3. Thug Irony

4. Creepcake

5. I Enjoy Watching You (ft. Sass & Ruby)

6. Helmut Lampshade

7. Be In Yo Self (ft. Ideeyah, Duminie DePorres)

8. Footwork

Format: LP, 2xCD | VÖ: 17. November 2014

 

  • Ricardo Rigatoni

    Danke für den Artikel, toll geschrieben und offensichtlich mit viel Sachverstand.