GESTALTER Boris Tellegen

Text: Daniel Fersch
Erstmals erschienen in Groove 139 (November/Dezember 2012)

Mitte der Achtziger malte Boris Tellegen als Teenager zum ersten Mal das Tag „Delta“ an eine Wand in seiner Heimatstadt Amsterdam. Mit dreidimensional wirkenden Buchstaben und geometrischen Formen stieg er in der Folge zu einem der bekanntesten Graffiti-Künstler Europas auf. Seine abstrakten Werke sind heute vor allem in Galerien zu sehen, aber auch auf Plattencovern der niederländischen Techno-Institution Delsin, für deren Unterlabel Ann Aimee er das visuelle Gesamtkonzept erstellte.

 

Die Plattencover für Delsin und Ann Aimee von Boris Tellegen sind von 21. August bis 4. Oktober 2014 bei Echo Bücher in der Grüntalerstr. 9 in Berlin-Gesundbrunnen zu sehen. Die Ausstellung mit dem Titel „Graphite“ wird am Mittwoch, den 20. August 2014, um 18 Uhr eröffnet.

 

Der Titel von Boris Tellegens Pariser Ausstellung „Surface“ führt ein wenig in die Irre. Denn bei den Installationen, Collagen und Fotografien, die der 44-Jährige in der Galerie Backslash im Marais-Viertel zeigt, stehen nicht die in jungfräulichem Weiß gehaltenen Oberflächen im Mittelpunkt, sondern die Risse und Bruchstellen, die sie durchziehen. Diese geben den Blick frei auf darunter liegende Strukturen, die sich aus scheinbar chaotisch angeordneten geometrischen Elementen in verschiedenen Grau- und Schwarztönen zusammensetzen. Eines der ausgestellten Werke, das aus einigen Metern Entfernung wie ein großformatiges gerahmtes Gemälde aussieht, aber tatsächlich aus mehreren Schichten lackierter Holzelemente besteht, ist auch auf Tellegens jüngstem Plattencover für das Amsterdamer Label Delsin zu sehen. Genauer gesagt zeigt die Vorderseite der LP-Hülle von Traces des niederländischen Produzenten Delta Funktionen ein Foto der Rückseite der Konstruktion, ein Gewirr aus Holzteilen. Auf dem LP-Rücken ist wiederum die Vorderseite des ursprünglichen Werkes abgebildet. Diese Umkehrung der Perspektiven kam vor allem aus praktischen Gründen zustande, sagt Tellegen. „Die Vorderseite des Originals ist fast vollständig weiß und eignete sich deshalb besser als Hintergrund für den Text, der auf der Rückseite der Platte stehen sollte. Und die Rückseite des Stückes machte für mich mehr Sinn als Albumcover.“

 

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LP-Cover: Delta FunktionenTraces (Ann Aimee, 2012)

 

Was passiert, wenn man Buchstaben verbiegt

Das Spiel mit räumlichen Perspektiven und geometrischen Formen zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeiten Tellegens, seit ihn Mitte der achtziger Jahre als 16-Jähriger der Graffiti-Virus packte. „Ich wollte auffallen und bekannt werden“, sagt er über seine Anfänge als Writer, „aber ich wollte nicht als Person im Rampenlicht stehen, weil ich schüchtern war. Graffiti war für mich das perfekte Ausdrucksmittel.“ Sein Interesse für räumliche Effekte führt Tellegen auf das Industriedesign-Studium zurück, das er 1988 an der Technischen Universität von Delft anfing. „Dort ging es darum, dreidimensionale Produkte zu entwickeln“, erzählt er, „und ich dachte mir: Hey, vielleicht lassen sich auch Buchstaben so ähnlich entwerfen wie ein Telefon! Ich fing an, mir über das Aussehen von Buchstaben Gedanken zu machen, und über das, was passiert, wenn man sie verbiegt.“ Aus diesen Ideen entwickelte Tellegen in den folgenden Jahren einen unverwechselbaren Stil für seine Graffiti-Bilder, der ihn weltweit bekannt machte. Der Erfolg als Writer brachte ihm auch die ersten Aufträge für Schallplatten-Cover ein: So entwarf er etwa 1996 ein Logo für eine Single des niederländischen Rappers Extince und gestaltete 1999 für Ninja Tune die Hüllen des DJ Vadim-Albums U.S.S.R. Life From The Other Side sowie der drei daraus ausgekoppelten Singles. Dass er zu dieser Zeit vor allem Aufträge für Hip-Hop-Platten erhielt, liegt für Tellegen daran, dass die moderne Form von Graffiti in den USA ursprünglich als wesentlicher Bestandteil dieser Subkultur entstand. Er selbst habe sich nie besonders für Hip-Hop als Musik interessiert, sondern in den Neunzigern vor allem Platten von Theo Parrish und Basic Channel gekauft.

 

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„Abundance“ (2011)

 

Dekonstruierte Blaupausen

Die Leidenschaft für elektronische Musik aus Detroit und Berlin führte Tellegen in Amsterdam, wo er seit seinem Studienabschluss 1994 wieder wohnt und arbeitet, regelmäßig in den Plattenladen Rush Hour. Dort lernte er auch Marsel van der Wielen, den Betreiber des Techno-Labels Delsin, kennen. „Irgendwann nahm Marsel mit mir Kontakt auf“, erzählt Tellegen, „und sagte: ‚Hey, ich will dieses neue Unterlabel starten, hast du Lust, die Cover dafür zu machen?‘“ Van der Wielen wollte die neue Plattform mit dem Namen Ann Aimee für IDM- und Ambient-Veröffentlichungen nutzen, die nicht dem klassischen Techno-Entwurf entsprachen, für den Delsin Anfang der nuller Jahre stand. Die visuelle Gestaltung sollte die avantgardistische Ausrichtung des Labels widerspiegeln, weshalb van der Wielen dem Künstler dabei auch völlig freie Hand einräumte. Tellegen beschreibt den Auftrag im Rückblick als Anstoß, neue Techniken auszuprobieren. „Für die Ann Aimee-Serie habe ich zum ersten Mal mit Papiercollagen gearbeitet“, sagt er. „Das hat mir eine neue Richtung aufgezeigt, die ich seitdem auch für andere Arbeiten nutze.“ Die Cover für das Label, dessen erste Platte – die „CTRL EP“ des deutschen Produzenten Alex Cortex – 2003 erschien, sind größtenteils in Handarbeit entstanden. „Ich habe mit Bleistiftskizzen angefangen, die ich anschließend gescannt, ausgedruckt, zerschnitten und wieder neu zusammengesetzt habe“, sagt Tellegen, „so ähnlich wie ein Musikproduzent mit Samples arbeitet.“ Mit Hilfe eines Grafikprogrammes fügte er anschließend bei einigen Covern noch neue Farben hinzu. Die Beschriftungen der Hüllen und Labels entstanden jedoch als Teil der Collagen und nicht nachträglich am Rechner. Tellegen druckte dafür die Infotexte, die ihm van der Wielen schickte, direkt aus seinem Mailprogramm heraus und fügte sie als Schnipsel von Hand in die Bilder ein. „Das war eine große Erleichterung für mich, denn ich hatte bei der digitalen Nachbearbeitung immer sehr damit zu kämpfen, die Textbausteine so anzuordnen, wie ich mir es vorstellte. So fühlte sich der Prozess für mich viel natürlicher an.“ Als Ergebnis dieser Arbeitsweise wirken viele Ann Aimee-Cover wie dekonstruierte Blaupausen und verstärken somit den experimentellen Charakter der Musik.

 

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EP-Cover: Delta Funktionen ‎– Setup One: Decorum (Ann Aimee, 2010)

 

Spielerischer Umgang mit Formen

Neben den Plattencovern und den Werken, die er in Galerien verkauft, hat Tellegen in den vergangenen Jahren vermehrt größere Skulpturen und Rauminstallationen realisiert. Neben großen Firmen zählen dabei auch öffentliche Institutionen zu seinen Auftraggebern. Für eine Schule in Enschede entwarf Tellegen im vergangenen Jahr eine mehrere Meter lange Bank aus Beton und Holz in Form einer Figur, die mit verschränkten Armen auf dem Boden liegt. „Der Auftrag lautete, einen Ort zu schaffen, an dem sich die Schüler nach dem Unterricht treffen und entspannen können“, so Tellegen. Obwohl das Objekt deutlich weniger komplex konstruiert ist als die meisten seiner anderen Arbeiten, kommt auch hier sein spielerischer Umgang mit Formen zum Vorschein. Ein weiteres ungewöhnliches Projekt stellt auch ein 2011 erschienener Gedichtband dar, den Tellegen illustriert hat. Der Verfasser ist sein Vater, Toon Tellegen, der in den Niederlanden vor allem als Kinderbuchautor bekannt ist. „Das Buch heißt Schrijver en lezer (Schreiber und Leser) und die Gedichte handeln alle von der Beziehung zwischen Autor und Lesern“, erklärt Tellegen. „Ich habe deswegen verschiedene Variationen dieser beiden Figuren gezeichnet. Es war das erste Mal, dass ich mit meinem Vater zusammengearbeitet habe, deshalb war das schon etwas Besonderes!“

 

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„Laid Back“ (Enschede, 2011)

 

Nicht lukrativ, aber durchweg inspirierend

Im Gegensatz zu anderen Auftragsarbeiten, bei denen sich Tellegen oft durch Wünsche und Vorgaben der Kunden eingeschränkt fühlt, bezeichnet er die Arbeit an Plattencovern als durchweg inspirierend – auch wenn sie finanziell weniger attraktiv sei. Für das Delta Funktionen-Album habe er wieder mit neuen Techniken und Materialien experimentiert, die er seitdem weiter nutzt. „Das Stück, das auf der Plattenhülle zu sehen ist, bildete den Start für die gesamte Serie, die in Paris zu sehen ist“, sagt Tellegen. „Ich habe auch die Vorder- und Rückseiten einiger anderer Arbeiten aus der Serie fotografiert. Wenn Marsel also beschließt, eine weitere Platte von Delta Funktionen herauszubringen, dann habe ich das Cover-Design bereits fertig!“

 

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„Subduction Zones“ (Muziekgebouw aan ‚t IJ, Amsterdam, 2011)