RÜCKSCHAU Dekmantel Festival (Amsterdam, August 2014)

Text: Philipp Weichenrieder, Fotos: De Fotomeisjes

Etwa fünfzig Minuten Radweg liegen zwischen der Amsterdamer Innenstadt und dem Amsterdamse Bos. Der circa 15 Kilometer vom Hauptbahnhof entfernte Wald ist mit seiner 1000 Hektar großen Fläche eine riesige grüne Lunge und ein beliebter Erholungsort. Vor allem an Wochenenden nutzen die EinwohnerInnen der niederländischen Metropole die großen Wiesen zum Sonnen, lassen sich auf Seen treiben oder spazieren durch die von Bäumen beschatteten Wege. Am ersten Augustwochenende fanden aber auch tanzfreudige Menschen ihren Weg in den Wald. Zum zweiten Mal fand dort das Dekmantel Festival statt, bei dem an drei Tagen unter anderem Jeff Mills, Nina Kraviz, Daphni und eine ganze Riege Berghain-Residents zu sehen und zu hören waren.

Schon mit der Premiere im vergangenen Jahr konnten die Macher des Festivals, die seit einigen Jahren Clubabende organisieren und das gleichnamige Label Dekmantel betreiben, überzeugen. Quasi aus dem Stand zauberten Thomas Martojo, Casper Tielrooij und Matthijs Theben Terville ein hochqualitativ bespieltes Festival mit Acts wie Laurent Garnier, Four Tet oder James Holden aus dem Hut, BesucherInnen wie MedienvertreterInnen zeigten sich begeistert von der entspannten Atmosphäre und der guten Organisation. Die Messlatte für dieses Jahr lag dementsprechend hoch. Das Line-up ließ sich jedenfalls bestens mit dem aus dem vergangenen Jahr messen. An dieser Stelle müsste man eigentlich das gesamte Personal aufzählen, denn unter der Auswahl befanden sich fast ausschließlich große Namen. Zu bemängeln ist einzig, dass unter den rund hundert Acts lediglich fünf Frauen waren, was die immer noch herrschende männliche Dominanz in der Elektronikmusikszene widerspiegelt. Als noch sehr junges Festival hebt es sich damit leider nicht von etablierten Veranstaltungen ab (einen kleinen Überblick bietet der Report des Netzwerks female:pressure von 2013).

 

dekmantel-boiler

Boiler Room Bühne

 

Nach dem erfolgreichen Debüt von 2013 war die Veranstaltung in diesem Jahr um eine Bühne und von 5000 auf 10.000 erwartete BesucherInnen pro Tag angewachsen, was manche fürchten ließ, dass das Dekmantel Festival seinen intimen Charakter verlieren könnte. Die Angst vor Überfüllung erwies sich aber als unbegründet. Die Anwesenden verteilten sich zu jeder Zeit vor den insgesamt fünf Bühnen und außer auf der kleinen Tanzfläche der Boiler Room-Bühne entstand nirgends Enge oder Überfüllung. Es gab genug Bewegungsfreiheit, die Wege waren nicht verstopft und an den Getränke- und Essensständen musste man kaum warten. Dementsprechend entspannt und freundlich war die Atmosphäre auf dem Festival. Dazu dürfte auch die verhältnismäßig kurze Laufzeit des Festivalprogramms von Mittag bis 23 Uhr beigetragen haben, die zur Folge hatte, dass auch am Ende des dritten Tages die Menschen noch recht frisch wirkten. Das kleine Festivalgelände konnte man in fünf Minuten überqueren, bis auf drei futuristisch anmutende Türme gab es keinen Schnickschnack. Dafür standen vor jeder Bühne Funktion One-Boxen-Türme, die für guten Klang sorgten und klar machten, dass der Fokus beim Dekmantel Festival auf der Musik liegt. Einziges Manko war, dass die Musik der kleineren Bühnen teilweise gegeneinander ankämpfte und man in den zweifelhaften Genuss eines kakophonischen Gemischs kam, wenn man nicht direkt vor den Boxentürmen stehen wollte.

Der musikalische Schwerpunkt lag an den drei Tagen eindeutig auf House und Techno. Der Freitag war dabei vor allem von Disco und House geprägt. Nach der Eröffnung durch das Dekmantel Soundsystem, das an jedem Tag die anfänglichen Stunden füllte, boten am Freitag unter anderem Braiden und Intergalactic Gary unterhaltsame DJ-Sets, die mit jeder Menge Hooks, Wärme und schimmernden Synths dienten. Auch das Trio Mood Hut und die Amsterdamer Größen Cinnaman und Tom Trago boten überzeugende Ping-Pong-Sets. Aus dem 4/4-Kick-Rahmen fiel Inga Copeland, die eigentlich ein Live-Set mit Martyn hätte spielen sollen, der aber kurzfristig abgesagt hatte. Ihre Mischung aus DJ- und Live-Set stellte Subbässe und Breaks in den Mittelpunkt und sprach neben den Beinen auch den Kopf an. Levon Vincent und DJ Harvey waren am Abend hochklassige Alternativen zum DJ-Set von Jamie XX auf der Hauptbühne, nach dem Nicolas Jaar mit einem Live-Set den ersten Tag abschloss. Vor einer gut gefüllten, jedoch nicht wie erwartet vollgestopften Tanzfläche präsentierte der Produzent zur Freude des Publikums viel neues Material.

 

dekmantel-joey

Joey Anderson

 

Der Samstag versprach eine abwechslungsreiche Mischung mit Acts wie Âme, Space Dimension Controller, Mr. Ties, Daphni und 3 Chairs. Leider musste aufgrund eines befürchteten Unwetters der Betrieb auf drei der fünf Bühnen für einige Stunden unterbrochen werden, was zur Folge hatte, dass unter anderem der angekündigte Auftritt vom Moritz von Oswald-Trio ausfallen musste. Nach einem Live-Set von Âme, bei dem das Publikum noch im Schatten entspannte, übernahmen Bicep das DJ-Pult auf der Hauptbühne und nebenan im UFO, dem dunklen Techno-Zelt, lieferte Joey Anderson eines der besten Sets des Festivals. In zwei Stunden spann er einen Bogen von pulsierend, galaktisch schimmerndem Techno zu kompromisslos stampfenden 4/4-Bassdrums. Direkt im Anschluss übernahm Shackleton. Er konnte sich mit seinem Live-Set gegenüber den eher funktional spielenden Acts im UFO behaupten und begeisterte die Anwesenden mit seinen repetitiven Drum-Konstruktionen, quirligen Melodien und erschütternden Basslines. Nach dem Ausflug in gebrochene Gefilde packte Rødhead die gerade Kickdrum wieder aus, worauf das Publikum mit hochgerissenen Armen und Euphorie reagierte. Der Groove-Coverheld und die Tanzenden hatten sichtlich Spaß mit den industriellen, barschen Techno-Tracks. Wem das zu rau war, konnte den Soul bei dem ausufernden Set von 3 Chairs (Moodymann, Marcellus Pittman, Rick Wilhite, Theo Parrish) zusammen mit Kyle Hall und Jay Daniel oder Mr. Ties auf den wieder geöffneten Bühnen finden. Den Abschluss am Samstag machte auf der Hauptbühne Dan Snaith alias Daphni, der ein erwartungsgemäß abwechslungsreiches Set aus House, Funk und Breaks spielte.

 

dekmantel-3-chairs

3 Chairs

 

Der letzte Festivaltag bildete den Höhepunkt für Fans von Techno jeglicher Couleur. Ob Detroit, Berlin oder Birmingham, Dekmantel brachte alles unter. Im UFO, der Techno-Höhle des Festivals, übernahm Ostgut Ton die gesamte Tagesgestaltung. Marcel Fengler und Efdemin brachten das Publikum zum Einstieg routiniert auf Betriebstemperatur und hatten wie auch die Tanzenden erkennbar Spaß dabei. Anschließend übernahmen Steffi und Answer Code Request, Marcel Dettmann und Luke Slater und Ben Klock und Ryan Elliott die Decks, Atom TM und Tobias spielten ein bassgewaltiges Live-Set. Den UK-Sound repräsentierten Karenn und Surgeon mit gewaltig brachialem Maschinentechno. Wer bei der fast unerträglichen Hitze entspanntere Klänge suchte, kam bei Ben UFO und Plaid auf ihre Kosten und DJ Koze stimmte die Menschen auf der gut gefüllten Tanzfläche mit seinem Set aus melodischem House und Techno euphorisch. Leider konnte Mount Kimbie im Anschluss aufgrund von Problemen bei der Anreise nicht live auftreten, was dazu führte, dass Dominic Maker solo ein DJ-Set spielte. Zwar konnte er mit seinen Übergängen nicht gerade glänzen, erfreute dafür aber mit seiner vielfältigen Musikauswahl zwischen Rap, House, Dubstep und Dub. Wenn auch nicht die offiziellen Headliner des Festivals, dann doch die geheimen Höhepunkte waren die Auftritte der Vertreter aus Detroit. Am frühen Abend zeigte Robert Hood mit beeindruckender Coolness, wie packend sein oldschooliger Sound ohne großartigen Schmuck immer noch ist. Den Abschluss des Festivals auf der Hauptbühne übernahm dann Jeff Mills, der sein DJ-Setup aus vier CDJs um eine Roland TR-909-Drummaschine ergänzte und eine eindrucksvolle Stimmung zwischen Rave und Meditation schuf.

 

dekmantel-mills

Jeff Mills

 

Auch wenn auf dem Festivalgelände um 23 Uhr Schluss war, hieß das nicht, dass die Tage beendet waren. In gleich zwei Clubs fanden jeden Tag Afterpartys für diejenigen statt, die noch nicht genug und eines der heiß begehrten Tickets ergattert hatten. Im Trouw, dem wohl renommiertesten Club Amsterdams, der Ende dieses Jahres schließen wird, und direkt gegenüber, im Canvas, das sich in der obersten Etage des vor kurzem eröffneten Volkshotels befindet, konnte noch weiter getanzt werden. Neben DJs, die wie Tale Of Us, Daphni, Prins Thomas, San Proper oder Optimo schon auf dem Festival zu hören waren, sorgten unter anderem Mala, Tama Sumo und Hieroglyphic Being auch Livity Sound für die Musik, deren Live-Set ein weiteres Highlight des Wochenendes war. Sie betteten ihren bassreichen Techno-Entwurf in einen kontinuierlichen Fluss, der mit seiner Klangfülle mitriss. Ob im Amsterdamer Wald oder den beiden Clubs konnte das Dekmantel Festival am Ende dank des Fokus der Organisatoren auf hohe Musikqualität auch bei seiner zweiten Auflage auf ganzer Linie überzeugen.

  • Kabakon

    War das erste mal auf dem dekmantel und fand es von den Sets und vom Klang her das Nonplusultra. Was aber dem deutschen festivalgänger (ja ja Nörgler) sauer aufstoßen wird sind die vielen kleinen Extra kosten des Festivals. 100€ für das Ticket ist, bei dem lineup, echt ok. Camping 40€ extrapro Person finde ich krass. Dadurch das abends um 23 Uhr Schluss ist würde man ja gerne auf eine der afterparties. Diese Kosten nochmals 15€ extra pro Party. Shuttle pro Weg zur Party 10€ extra.
    Getränkepreise fand ich im oberen preisrahmen (2,75€ für 0,25l Bier), Essen ging allerdings gar nicht. Pasta oder Burger 3 Token: rund 9 € wtf?
    Wer nachtdigital, Melt oder ähnliche Festivals kennt wird sich wundern. Günstig war es nicht
    Fands allerdings trotzdem, vor allem soundtechnisch, richtig gut. The to Harvey, Andrew weatherall, mcde