MAKING OF Laurent Garnier über „M.I.L.F.“

Protokoll: Sebastian Weiß
Erstmals erschienen in Groove 148 (Mai/Juni 2014)

Wie entsteht eigentlich ein Stück Musik? War war die Anfangsidee und welche Veränderungen durchläuft es, bis es fertig ist? In dieser Rubrik lassen wir Produzenten die Entstehungsgeschichte zu einem ihrer Tracks erzählen. Laurent Garnier über „M.I.L.F.“ von seiner EP „AF 4302“ auf 50 Weapons.

 

„Ich denke, es ist gerade nicht mehr zeitgemäß, ein Album zu veröffentlichen, vor allem weil sich dermaßen viel in der Industrie getan hat. Da ich ein großer Freund von unterschiedlichen Stilen bin, hätte ich sehr verschiedene Tracks auf eine LP gepackt, so hätten die einzelnen Stücke aber nicht die gleiche Aufmerksamkeit erhalten. Auf 50 Weapons erscheinen drei Tracks, die eher meine dunkle Technoseite zeigen und ‚M.I.L.F.‘ war der erste Track, den ich ihnen geschickt hatte. Zuerst wollte ich meine Downtempo-Sachen hier veröffentlichen, aber Gernot (Bronsert, Anm. d. Red.) sagte mir, dass 50Weapons eher Dancefloor-orientiertes Material herausbringt. Die Mail dazu kam, als ich gerade an ‚M.I.L.F.‘ arbeitete, also habe ich ihnen den Track geschickt und sie waren sofort Feuer und Flamme. Er spiegelt genau das wider, was ich selbst an guter Musik schätze: eine starke und derbe Atmosphäre.“

 


Stream: GarnierM.I.L.F (Preview)

 

„Während der Entstehung habe ich viel mit French Fries vom französischen Label ClekClekBoom gesprochen. Ich mag ihren sehr speziellen Sound und nach der Unterhaltung war mir klar, dass ‚M.I.L.F‘ mit einer Kickdrum beginnen muss, was ich sonst nie mache. Mir war sehr wichtig, dass der Track einerseits oldschoolig aber auch fresh klingt. In den vergangenen Jahren gab es ausreichend glatte Produktionen, aber ich wollte einen Oldschool-Vibe, der sehr mürrisch, moody und düster ist, ohne gleich altbacken zu klingen. Der Track selbst ist super schnell entstanden, in maximal zwei Tagen. Aber wenn du mich nach einer Idee fragst, die gab es nicht. Immer wenn ich eine Idee hatte, konnte ich sie nie umsetzen oder nach der Fertigstellung war von ihr nicht mehr viel übrig. Im Studio steht für mich der Spaß im Vordergrund. Es gibt keine Regeln, Grenzen oder irgendwelche Abläufe, die ich immer wiederhole. Deswegen versuche ich es eigentlich zu vermeiden, eine konkrete Idee umzusetzen. Ich suche nichts, sondern finde geile Sounds, denen ich dann folge. Dabei habe ich einen wichtigen Switch hinter mir, denn ‚M.I.L.F.‘ war der erste Track, den ich auf Ableton Live produziert habe. Vorher habe ich immer Cubase genutzt, doch wenn man hier einen Filter oder eine neue Maschine hinzufügen will, ist es eine Qual. Ableton macht einfach Spaß, weil es so intuitiv und intelligent ist. Es hat wirklich mein Leben verändert.“

 

„Im Studio steht für mich der Spaß im Vordergrund, es gibt keine Regeln oder Grenzen.“

 

„Nach der Kickdrum war mir klar, welche Stimmung der Track für mich transportieren sollte. So kam ich schnell zur Bassline und habe nach dem Break noch eine Sub-Bassline eingebaut, ehe die Strings dazukamen. Ich baue Schicht auf Schicht und wenn sie gemeinsam funktionieren, dann ist es für mich perfekt. Doch das Schwierigste an ‚M.I.L.F.‘ war nicht die Produktion, sondern das richtige Mixing. Ich habe ihn immer wieder in unterschiedlichen Clubs getestet und festgestellt, dass nicht nur der Break länger sein muss, sondern in dem Track auch definitiv zu viel Bass war, also musste ich immer wieder Veränderungen vornehmen. Auf dem Track benutze ich nicht nur den Juno106, sondern auch die Yamaha DX100, deren Töne bei falschem Mixing wirklich wehtun können. Ich bin ein schlechter Sound-Engineer, aber ich kann hören, wenn ein Track gut gemixt ist und im Club funktioniert. Vielleicht lag das auch an dem analogen Equipment, das ich mal wieder herausgekramt habe. Über 15 Jahre habe es nicht mehr benutzt, aber das Yamaha DX100 war schon immer mein Lieblingskeyboard. Die Anfangssequenzen und auch die Strings auf ‚M.I.L.F.‘ kommen aus diesem kleinen Gerät – wirklich super einzigartige Sounds. Dieser tiefe Klang nach dem Break wirkt wie eine Kickdrum, dabei ist es ein Percussion-Sample einer alten Dance Mania-Platte. Aber in erster Linie steht für mich immer die Atmosphäre im Vordergrund, sie definiert den Track letztendlich. Deswegen habe ich den Track auch ‚M.I.L.F.‘ genannt, wobei hiermit keineswegs die gängige Bedeutung (‚Mom I’d Like to Fuck‘, Anm. d. Red.) gemeint ist. Bei mir heißt ‚M.I.L.F.‘ schlichtweg ‚More Intergalactic LoFi Funkyness‘.“