KERRI CHANDLER „Bei House ist es egal, wer du bist“

Kerri Chandler

Text: Ji-Hun Kim | Erstmals erschienen in Groove 146 (Januar/Februar 2014)

Eines steht unmissverständlich nach diesem Gespräch fest: Kerri Chandler ist das gute Gewissen der House-Musik. Hier geht es nicht um Las Vegas, EDM und Bitches. Es geht um die Familie, das große Ganze und wie Patenkinder einen zu Tränen rühren können. Eine Watergate-Compilation hat Chandler ebenfalls gemacht. Gründe genug, ihn (Ende November 2013, d. Red.) in Berlin zu treffen.

 

Kerri, wie war dein Gig im Watergate?

Es war wie immer großartig, dort zu spielen. Es ist, als wäre es mein Zuhause.

Du hast eine riesige LED-Wand in deinem Keller?

Nicht ganz, aber mein Keller sieht schon ein bisschen aus wie ein Club. Ich hab diverse PAs dort stehen. Wenn man Musik für den Club macht, sollte man ein Clubsystem haben, um zu wissen, wie die Dinge klingen.

Willst du damit sagen, dass jeder DJ/Producer eine Clubanlage daheim haben soll?

Nein! Da fliegt man nur raus. Ich habe ein Haus in New Jersey, da ist es nicht so schlimm. Dort steht auch meine Gerätesammlung: Rolands, Mixer, Plattenspieler …

Auf deiner Watergate-Compilation vermisst man ein bisschen das klassische US-Oldschool-Konglomerat.

Ich denke nach vorne. Ich mag so viel Musik. Ich liebe die Zukunft und finde großartig, was momentan alles passiert.

Du warst nie pessimistisch, was House-Kultur anbetrifft?

Niemals! Ich mach etwas, das ich liebe. Ich treffe eine Menge Menschen, darf Freunde in der Welt sehen und reisen. Ich bin dieses Jahr beschäftigter als je zuvor in meinem Leben. Ich bin da optimistisch und freue mich, der jungen Generation etwas von mir mitgeben zu können. Jetzt erst hab ich mit DJ Madtech ein neues Label gestartet.

Wie siehst du die Evolution im Bereich Musikmachen?

Damals war so etwas sehr schwer umzusetzen, ganz ohne Computer und Plug-ins. Studios waren mysteriöse Orte, ohne Hardware ging gar nichts. Instrumente musste man auch spielen können. Mein zehnjähriger Sohn macht heute auf seinem iPad die Musik, die ich damals auch gemacht habe. Das ist unglaublich.

Bist du für deine Kinder auch Musiklehrer?

Ja.

Dein Vater ist ja auch DJ.

Genau, das ist unser Family Business. Meine Tochter macht jetzt Rockmusik und hat eine Band gegründet.

Und du musst die Hände überm Kopf zusammengeschlagen haben!

Nein. Sie ist glücklich und wenn sie es ist, unterstütze ich sie. Ich bin noch immer beeindruckt, wie gut sie ist. Sie spielt Gitarre und singt. Kurz bevor ich hierher gekommen bin, habe ich noch ein Konzert von ihrer Band gesehen. Das war wirklich verdammt cool!

Glaubst du, das ist ihre kleine Rebellion gegen dich?

Ach, ich liebe Musik. Punkt. Und da gehören die Beatles, Led Zeppelin, Jimi Hendrix und all die Sachen, die meine Tochter hört, auch mit dazu. Mir war es schon immer rätselhaft, wie Menschen, die nur ein Genre hören, kreativ sein können. Bei uns in Jersey läuft alles: Klassik, Jazz …

Aber dein Sohn ist beim House gelandet?

Gerade schon, ja. Er scheint sich für elektronische Dancesounds zu interessieren. Was meine Kinder aber beide nicht mögen, ist HipHop.

 

„Ich komme mit glorifizierter Ignoranz einfach nicht mehr klar.“

 

Woher kommt das?

Gute Frage. Vielleicht ist es die Kultur, all die Gewalt, Nacktheit, wackelnde Ärsche. Witzigerweise, als alles damals in den Achtzigern anfing, waren HipHop und House noch sehr eng beieinander. Es waren die gleichen Leute, die gleichen Partys. Dann kamen aber Eastcoast- und Westcoast-HipHop. Als die Westcoast das ganze Rap-Ding an sich reißen wollte, sind wir da gelandet, wo wir heute sind. Heute kann ich mit HipHop nicht mehr viel anfangen. Ich finde mehr Frieden für mich, wenn ich House mache. Das ist meine Liebe. Ich komme mit glorifizierter Ignoranz einfach nicht mehr klar. Ich möchte Musik machen, die ich mit meiner Großmutter zusammen hören kann.

Geht es dabei um Authentizität?

Eher um Überzeugung. Es gibt doch viele Menschen, die sich verstellen, um in eine Crew zu kommen oder sich inszenieren müssen, um als Teil einer Szene wahrgenommen zu werden. Bei House ist es egal, wer du bist. Du kannst jeden Einfluss der Welt in etwas überführen, das du gerade machst. Bei Rap geht es um Bitches, Hoes, Asses. House ist Liebe, Gedanken, Gefühle und Ideen. Immer deeper zu werden und zu machen, was du denkst.

Was bedeutet House noch für dich?

Angefangen hat es damit, dass ich Geräte gebaut habe. Mein Hobby wurde mein Job und mein Job wurde mein Hobby. Ich habe Elektronik-Ingenieur gelernt. Ich liebte schon immer Sounds und wollte wissen, wo sie herkommen. Kraftwerk haben mich früh fasziniert. All die Maschinen und die Klänge, die da rauskamen. Dann sah ich das erste Mal ein Studio von innen. Dort saßen Kool And The Gang, das waren gute Freunde meines Vaters. Ich sah dieses riesige Mischpult und fragte mich nur: Was zur Hölle ist das? Das will ich für den Rest meines Lebens machen. Für mich bedeutet House ein großes Etwas: Es fängt mit dem Bauen der Geräte an. Dann bedienst du sie und produzierst Sounds, nimmst sie auf, spielst diese im Club, siehst wie die Menschen dazu tanzen, diese Energie entwickeln können. Das bringt dich auf ein übernatürliches High. Zu sehen, wie Leute deine Musik so mögen, wie du es tust.

Was hast du sonst von deinem Vater als DJ gelernt?

Sound! Das ist die Basis. Gute Musik muss auf guten Anlagen gespielt werden. Dafür muss man ein Gefühl entwickeln, das sich über Jahrzehnte verfeinern kann. Es ist als würde man ein riesiges Flugzeug mit vielen Passagieren durch den Himmel lenken.

Ein DJ ist ein Flugzeugpilot?

Absolut. Ein DJ sitzt im Cockpit des besten Flugzeugs, das man sich vorstellen kann. Keine Cessna, ich rede von einem Tarnkappen-Bomber. (lacht)

Lustigerweise heißt es aber Trainwreck, wenn jemand seinen Übergang versemmelt.

Einige denken an Züge, aber ich finde das Flugzeug besser. Du kannst Loopings fliegen, steigen, fallen, schnell und langsam fliegen. Du befindest dich in der Atmosphäre, da hinten ist der Horizont. Beim Zug hast du nur eine Spur, eine Richtung: Bahnhof, fahren, stop, Bahnhof. Ich sehe mich da lieber als Pilot. (lacht)

Und es fühlt sich noch immer so an wie beim ersten Mal?

Besser. Jetzt bin ich mit mir im Reineren. Ich war sehr scheu. Musik war daher immer etwas, wodurch ich sprechen konnte. Mit der Zeit habe ich gelernt, mit Menschen besser umgehen zu können. Ich könnte dich jetzt umarmen, so wie ich bin. Das hat Jahre gedauert, bis das möglich wurde. Das ist nicht eingebildet gemeint. Ich will einfach nur der beste Mensch sein, der ich sein kann. Mich interessieren die nachkommenden Generationen. Nigel, mein Patensohn, startet gerade durch, er ist gerade 17 geworden und macht spannende Sachen. Ich kann ihn da nur unterstützen und sagen: Let‘s go! Let‘s do it! Für ihn ist das gerade total aufregend. Er hat Decks zu Hause, spielt viel, beherrscht viele Instrumente und nichts ist für mich aufregender als seine Entwicklung mitzuverfolgen. Das ist das Wunderschönste auf der Welt. Da muss ich vor Rührung weinen.

Kommen wir kurz zum Cockpit zurück. Ein Flugzeug zu fliegen, ist heute dank Autopilot und Computern um einiges einfacher und sicherer geworden. Alteingesessene DJs beschweren sich heute auch ganz gerne, wie einfach alles dank Sync-Button und Co geworden ist.

Oh … Dazu kann ich nur eines sagen: Die Leute, die sich darüber den Kopf zerbrechen, was ein DJ ist oder was kein DJ ist, diskutieren über das Falsche. Ich habe mit Musikkassetten angefangen, später Reel to Reel, dann kamen Plattenspieler, dann hatte ich so viele Platten, dass ich Lagerräume mieten musste, weil ich nicht wusste wohin damit. Was ich gelernt habe ist, das Wichtigste ist, dass du am Ende die Party reißt. Es geht um die Musik und vor allem das Timing. Wenn sich Menschen über zu cleanen Sound beschweren, da scheiß ich drauf.

 

Kerri Chandlers Mix-CD Watergate 15 erscheint am 24. Februar 2014 bei Watergate Records. Der Chandler-Klassiker „Sunday Sunlight“ erscheint am 4. März 2014 als Neuauflage bei Appolonia.