10. RHYTHM & SOUND w/ The Artists (Burial Mix, 2003)

Rhythm & Sound - w/ The Artists

Text: Arno Raffeiner | zur Übersicht der 50 besten elektronischen Alben
Erstmals erschienen in Groove 145 (November/Dezember 2013)

Der Hallraum von Jahrzehnten Musikgeschichte, eingedampft in eine Handvoll Riddims. Als Rhythm & Sound – ein Projektname, der fast absurd wirkt in seiner Logik, Präzision und Transparenz – haben Moritz von Oswald und Mark Ernestus die Prinzipien und die Praxis von Dub vollkommen verinnerlicht. Die Echos auf dieser Platte aus dem Jahr 2003 klingen noch nach dem Beton, an dem sich in Berliner Techno-Clubs zehn Jahre zuvor die Beats ihrer Basic Channel-Platten brachen, aber ebenso nach den weich vibrierenden Membranen jamaikanischer Soundsystems aus den siebziger Jahren. Der Bass ist zugleich trocken und saftig, der rhythmische Puls so bestimmt wie milde. Dazu erklingen einige wenige Orgelakkorde, ein bisschen Gitarre, etwas Percussion, vereinzelte Bläser. Und natürlich die großen Stimmen der im Albumtitel genannten Artists (in order of appearance): Cornel Campbell, Jennifer Lara, Paul St. Hilaire, Shalom, The Chosen Brothers, Jah Batta, Love Joy.

Diese Stimmen singen große Worte von geradezu biblischer Qualität – König und Königin, Babylon und Empire, immer wieder Jah, Jah, Jah –, die sich zu Geschichten von Leid oder Betrug formen, schließlich zu Beschwörungsformeln und Mantras. Suchte man Erlösung im Hier und Jetzt, wenn auch nur kurzzeitig, säkular und schlicht durch die Kraft von Musik, man könnte sie sich kaum perfekter vorstellen als in diesen acht Stücken.

Dabei ist Rhythm & Sound w/ The Artists, folgt man seiner Entstehungsgeschichte, noch nicht mal ein „richtiges“ Album, sondern, ganz prosaisch, eine Compilation: die Sammlung einer zuvor über den Zeitraum von zwei Jahren erschienenen Reihe von 10-Inches, für die von Oswald und Ernestus erstmals nicht nur mit ihrem langjährigen Partner Paul St. Hilaire, sondern einem erweiterten Kreis aus dem Wackies-Umfeld arbeiteten. Nur zweimal standen dabei dieselben Gastsänger am Mikrofon (The Chosen Brothers bei „Mash Down Babylon“ und dem abschließenden „Making History“). Trotzdem ist Rhythm & Sound w/ The Artists von solcher Stimmigkeit und Geschlossenheit, dass es keinen Anfang und kein Ende mehr zu geben scheint. Der Riddim könnte ewig weiterlaufen.

 


Stream: Rhythm & Sound w/ Cornell CampbellKing In My Empire