MODERAT Die ganze Affenbande brüllt

Moderat (Foto: Lars Borges)

Text: Florian Obkircher, Fotos: Lars Borges
Erstmals erschienen in Groove 143 (Juli/August 2013)

Das Berliner Label Monkeytown war Mitte Mai auf Betriebsausflug in London. Mit an Bord: Siriusmo, Apparat, Mouse On Mars, die Pfadfinderei – und die Familienoberhäupter Modeselektor. 16 Stunden zwischen Interviews und Konzerten, zwischen Champagnerduschen und ausgedehnten Zigarettenpausen.

 

Ein hippes Café in Camden Town. Verglaste Fassade, Holzfurniere an den Wänden, schlichtes Interieur. Es ist ein ruhiger Nachmittag. Die wenigen Gäste schlürfen gemütlich ihren Milchkaffee und beobachten amüsiert drei Typen, die neben der Bar für ein Fotoshooting posieren. Ein Lockenkopf mit Dreitagebart, ein Typ im schwarzen Arbeitsoverall und ein Kapuzenpulliträger. Namentlich: Sascha Ring, Sebastian Szary und Gernot Bronsert. Zusammen: Moderat. Oder auch: Apparat und Modeselektor. Das Trio gibt gerade Interviews für sein im August erscheinendes neues Moderat-Album II. Doch das ist nicht der einzige Grund für den Besuch der Berliner. „Ursprünglich hätte das heute einfach eine Modeselektor-Show werden sollen. Dann dachten wir, es wäre ein cleverer Schachzug, Sascha als DJ dazu zu buchen, um das Moderat-Album anzuteasen“, erklärt Bronsert. „Und weil Siriusmos neue Platte nächsten Monat auf unserem Label erscheint, und weil Mouse On Mars sowieso gerade touren, sind die jetzt auch noch dabei. Das Ding ist zu einem richtigen Familienausflug angewachsen.“

Nach dem Shooting geht’s direkt zum Soundcheck. Der Monkeytown-Showcase findet im Roundhouse statt. Praktischweise nur ein paar Gehminuten vom Interview-Café entfernt. Apparat (Foto: Lars Borges)Seit 1966 wird der ehemalige Lokschuppen mit runder Kuppel als Konzerthaus benutzt. Von David Bowie bis Led Zeppelin – praktisch jede britische Musiklegende hat hier schon gespielt. Ein Umstand, der Gernot ein kleines bisschen mit Stolz erfüllt. Ihren ersten London-Gig hatten Modeselektor vor zehn Jahren. Damals im Plastic People auf Einladung von Actress – vor 300 Leuten. Heute Abend werden es 3000 sein. Das Roundhouse ist ausverkauft. Und damit nicht genug: Weil das legendäre Venue schon vor Mitternacht Zapfenstreich hat, haben sich Modeselektor kurzfristig noch für ein After-Party-DJ-Set im Village Underground einspannen lassen. Letzte Woche gab’s in dem Club eine Sause mit Rustie und Gaslamp Killer, erzählt Bronsert. Letzterer war dabei angeblich so high auf Pilzen, dass er anfing, die Tänzer in der ersten Reihe anzupöbeln. „Das wird uns heute eher nicht passieren“, sagt er. „Um 8 Uhr früh sitzen wir schon im Flieger zurück nach Berlin.“ Seit er und Szary Väter sind, seit die beiden obendrein ihre zwei Labels Monkeytown und 50Weapons betreiben, gehen Modeselektor das Partyleben eine Stufe ruhiger an. Bronsert wolle so viel Zeit wie möglich mit seiner Familie verbringen. Nach dem Motto: Lieber müde bei sich zu Hause abhängen als am Nachmittag in einem fremden Hotelzimmer pennen.

Alles passt

Beim Roundhouse angekommen, hört man schon im Stiegenhaus das Wummern. Das Live-Equipment ist bereits aufgebaut, „Evil Twin“ vom aktuellen Album Monkeytown brummt aus den Boxen. Der Bass ist so laut, dass die Leinwand auf der Bühne wackelt. Zufriedenes Nicken. Soundchecks sehen bei Modeselektor heute anders aus als noch vor vier Jahren. Während die beiden früher zu zweit unterwegs waren, ist das Duo heute mit zehnköpfigem Team angereist. Inklusive Technikern und den Kumpels von der Pfadfinderei. Der Vorteil: alles passt. Die Leinwände bringen sie selber mit, genau wie die Bühnentische fürs Equipment. Die waren nämlich auf der ersten Moderat-Tour in den USA so niedrig, dass Sascha regelmäßig Rückenschmerzen bekam. „Früher düsten wir einfach kurz vor Abflug mit Handgepäck nach Tegel“, sagt Bronsert. „Heute ist alles etwas strukturierter: Wir treffen uns alle morgens im Büro, laden gemeinsam das Gepäck in zwei Großraumtaxis und fahren zum Flughafen. Dort kümmert sich unser Tourmanager Hubi dann ums Einchecken und organisatorischen Kram.“

Während Szary und Bronsert letzte Sound-Einstellungen vornehmen, trifft Moritz Friedrich alias Siriusmo ein. Schulterlanges Haar, Brille, schüchterner Blick. Sein Auftreten erinnert irgendwie an den jungen Aphex Twin. Herzliche Begrüßung mit Sascha am Bühnenrand. Moritz klopft ihm auf die Schulter und gratuliert ihm zur Theateraufführung von Krieg und Frieden vor wenigen Tagen an der Berliner Volksbühne, bei dem er als Apparat die Livemusik beisteuerte. Ring lächelt. „Ist natürlich toll, das alles. Aber ich habe gemerkt, ich bin einfach kein Theatermusiker. Das ist so anstrengend. Die Aufführung dauert über fünf Stunden!“ Für Siriusmo ist der DJ-Gig im Roundhouse sein erster seit einem Jahr. Nicht wegen mangelnder Angebote, sondern aus notorischer Bühnenangst. Er meidet das Rampenlicht so gut er kann, sagt er. Mit der Situation, dass ihn Leute anstarren, kommt er nicht allzu gut klar. „Am meisten fürchte ich mich vor dem Moment, wenn du in die Menge blickst und merkst, du hast sie verloren“, sagt Friedrich. Deshalb hat er sich heute selbst für den Frühdienst eingeteilt: Eröffnungsslot um 19 Uhr. In der Hoffnung, dass da noch nicht viel Publikum zugegen ist. Ring schüttelt den Kopf: „Ich verstehe dich nicht. Wenn du auf die Bühne gehst und da sind kaum Leute, fühlst du dich doch eher scheiße als wenn’s voll ist, nicht?“ Friedrich zuckt die Achseln. „Schon, aber… naja.“

Noch immer kein Technoprofi

Ring selbst sieht dem Abend entspannt entgegen. Erstens weil er „nur“ ein DJ-Set spielen muss: „Da hat man weniger emotionale Anspannung als bei einem Live-Set.“ Zweitens weil er London als Partystadt mag: „Mein erster Gig hier fand in einem Pub statt. Als ich die Location sah, war ich erst etwas enttäuscht, ich hatte mir einen fetten Club erwartet. Aber ab dem Moment als das Licht ausging, wurde mir bewusst, warum London seinen Ruf hat: Ab der ersten Sekunde war die Party in vollem Gang.“ Eine wirkliche Geschichte verbindet ihn aber trotzdem nicht mit der Stadt. Für ihn ist sie austauschbar, eine von vielen. Der übliche Kreislauf: Vom Flughafen zum Venue. Afterparty auf irgendeiner Dachterrasse. Per Taxi zurück ins Hotel. Apropos Hotel: Mit dieser neuen Frühflieger-Politik von Modeselektor ist Sascha als Junggeselle gar nicht einverstanden. „Nach einer guten Show hab ich keinen Bock gleich Schlafen zu gehen. Das wird bei der nächsten Moderat-Tour noch Probleme geben. Am Ende wird’s darauf hinauslaufen, dass wir mit zwei Bussen reisen. So Jane’s Addicition-mäßig“, sagt er und lacht.

 

„Wir mussten nicht nur musikalisch und geschmacklich zueinanderfinden, sondern auch unsere Leben synchronisieren.“ Sascha Ring (Apparat)

 

Der veränderte Lebensrhythmus hat sich tatsächlich schon bemerkt gemacht. Bei den Aufnahmen zum neuen Moderat-Album. Während Bronsert und Szary durch ihre Familien zu Tagarbeitern wurden – zu Technoprofis, wie Ring sagt – ist er nachtaktiv geblieben. Das heißt: Morgens will es mit der Kreativität einfach nicht recht. Dateien sortieren ist vor Mittag das höchste der Gefühle. „Wir mussten nicht nur musikalisch und geschmacklich zueinanderfinden, sondern auch unsere Leben synchronisieren. Untertags arbeitete ich in meinem Kämmerchen. Am Abend trafen wir uns dann, ließen unsere Ideen zusammenlaufen – und hatten dann noch vier gemeinsame, produktive Arbeitsstunden.“

Ein Novum auf II ist, dass Apparat häufiger am Mikrofon zu hören ist. Nicht unbedingt freiwillig. Szary und Bronsert wollten das so. Für Ring keine leichte Aufgabe. „Weil ich beim Singen total von meinen Launen abhängig bin. Für mich ist das eine emotionale Achterbahn“, sagt er. „Für die Jungs waren meine Stimmungsschwankungen sicher nicht immer einfach zu handhaben.“ Bronsert betont, dass er Ring vor allem anspornte, laut und richtig zu singen. Und seine Stimme nicht immer in Soundwolken zu verstecken. „Nicht ohne Zufall hat Koze seinen Apparat-Collabo-Track ‚Nices Wölkchen‘ genannt“, sagt Bronsert mit breitem Grinsen. Erklärtes Ziel bei der Arbeit an II waren klare Strukturen, klare Songs. Allerdings ohne vorhersehbar zu klingen. Denn Pop, so betont Bronsert, sei ein gefährliches Gebiet. Kitsch – für Moderat ein absolutes No-Go. „Schließlich kommen wir alle vom Techno. Da kann sich Sascha noch so viele Geigen um sich herumstellen und Gitarren umhängen. Auch er ist im Herzen ein Raver.“

Wie ein altes, eingespieltes Ehepaar

Wenig später gehen Bronsert und Szary im Roundhouse-Café in die zweite Interviewrunde des Tages. Diesmal geht’s nicht um die kommende Moderat-Platte, sondern um die Dokumentation We Are Modeselektor, die dieser Tage auf DVD erscheint – und heute vor dem Konzert ihre London-Premiere feiert. Der Film zeigt Archivmaterial aus den Anfängen, lässt Weggefährten wie Ellen Allien zu Wort kommen und dokumentiert das Tourleben der beiden. Sechs Monate heftete sich ein Kamerateam dabei an ihre Fersen. „Am Anfang war’s komisch. Aber nach einer Zeit gewöhnt man sich daran“, berichtet Bronsert dem britischen Journalisten. Beim Interview sind die Rollen klar verteilt: Bronsert spricht, Szary nickt. Wortanteil: 80 zu 20. Während der eine aufgekratzt gestikuliert, nippt der andere entspannt an seiner Cola und tappt unterm Tisch im Takt mit dem Fuß. Nur gelegentlich ergänzt Szary seinen Partner mit amüsanten Anekdoten. Das kommt charmant. Ein bisschen so wie ein altes, eingespieltes Ehepaar.

Gegen 18 Uhr füllt sich der kleine Raucherhof des Backstage-Bereichs. Ständig treffen neue Familienmitglieder und Freunde der Affenbande ein: Marit Posch, Managerin von Monkeytown. Sebastian Szary (Foto: Lars Borges)Martin Aleith von der Pfadfinderei. Jan St. Werner und Andi Toma von Mouse On Mars. Und, und, und. Gut fünfzehn Leute drängen sich auf den von Backsteinwänden begrenzten neun Quadratmetern. Geschnatter und Gelächter bei Bier und Kippen. Bronsert erzählt den Jungs von Mouse On Mars, dass er beim Aufräumen ein altes T-Shirt von deren US-Label Thrill Jockey ausgegraben hat. Toma wird wegen seiner dicken Hornbrille geneckt: „Mit der kannst du Bierflaschen öffnen, was?“ Szary erzählt stolz von seiner Fahrradtour von Berlin nach Tacken in Brandenburg letzte Woche: hundert Kilometer in acht Stunden.

„Modeselektor haben uns quasi adaptiert“, sagt Toma. „Wenn man Monkeytown als Familie sieht, dann ist Marit der Vater und Gernot die Mutter. Eine Mutter wie im Bilderbuch. Fürsorglich und dennoch streng. Zuckerbrot und Peitsche halt. Aber Kinder wie uns kannst du nicht anders erziehen.“ Ob Mouse On Mars später noch zur Aftershow-Party kommen? „Aber sicher doch“, sagt Toma. „Wir lassen die Jungs da nicht im Stich.“

Gegen 20 Uhr sind die zwei Electronica-Veteranen aber erst einmal selbst an der Reihe. Erst Stille. Dunkelheit auf der Bühne. Dann geht die Leinwand an. Schwarzweißes Flackern, digitale Störungen. Dazu passend die Musik. Es knarzt und flirrt – bis sich nach wenigen Minuten die ersten Beats aus dem Rauschen herausschaben. Ihre Gesichter sind nicht zu sehen, nur die kopfnickenden Silhouetten. Und das passt. Denn Mouse On Mars klingen 2013 kühler und rauer – entmenschlichter – denn je zuvor. Während dem letzten Track holt St. Werner ein zunächst unidentifizierbares Objekt hervor und fängt wie ein Besessener an daran zu kurbeln: Eine Handsirene, deren Klang sich wie ein verzerrter Feueralarm über die knisternden Beats legt. Später wird Toma erzählen, dass sein Bandkollege ein passionierter Sirenensammler ist. „Die Geräte sind handlich, man kann sie stimmen. Was früher die Akustikgitarre war, ist heute die Sirene“, sagt er.

Danach ist Apparat an der Reihe. Fast unbemerkt betritt er die große Bühne von rechts. So unscheinbar, dass ihn offenbar auch die Techniker nicht bemerken. Während seinem ersten Track – „Open Eye Signal“ von Jon Hopkins – steht er im Dunklen. Erst beim zweiten Stück werden Lautstärke und Rampenlicht angepasst. Und von da an gibt’s kein Halten mehr. Hatte Ring nicht vor seinem Gig noch erzählt, dass er des Auflegens etwas müde sei? Heute merkt man davon nichts. Mit verträumt ravigen Tracks köchelt er das Publikum hoch, mit verhaltenen Tracks wie Patrice Baumels „The Woods“ hält er die Menge aber immer leicht unter dem Siedepunkt.

Geburtstag feiern mit Thom Yorke

Der Raucherhof ist während Rings Set wie ausgestorben. Der Grund dafür ist wohl auch das kleine Sushi-Buffet, das gerade in der Garderobe eröffnet wurde. Der einzig verbliebene Raucher ist Szary. Während sich sein sonst so aufgekratzter Kollege Bronsert vor dem Auftritt zurückzieht und die Ruhe sucht, wirkt Szary so entspannt, als ob er den Gig schon hinter sich hätte. Gelassen zeigt er Fotos auf seinem Smartphone. Besonders oft im Bild ist dabei seine kleine Tochter. Es ist bezaubernd: Wenn er von ihr spricht, beginnen seine Augen zu leuchten. Derzeit höre die Kleine gern Grimes, sagt Szary. Modeselektor mag sie aber auch. Besonders oft wünscht sie sich ‚die Stücke, bei denen der Typ singt, der am gleichen Tag wie sie Geburtstag hat‘. Die Rede ist von Thom Yorke. „Als wir vor einigen Jahren mit Radiohead auf Japantour waren, feierten die beiden sogar gemeinsam“, erzählt er. „Das heißt: Wir feierten ihren Geburtstag mit, sie war schon im Bett.“

 

„Das Extravaganteste auf unserem Rider sind wohl die vier bis sechs Flaschen Champagner. Aber keine Sorge, da hat auch das Publikum was davon.“ Sebastian Szary

 

Wie sieht der Backstage-Rider von Modeselektor eigentlich aus? Nichts Ausgefallenes, sagt er. Früher wünschten sie sich in jeder Konzertstadt eine Postkarte mit lokalem Motiv. Die schickte Szary dann immer heim an seine Mutter. Bei Moderat-Konzerten stehen außerdem drei Paare frische Socken am Rider. Aber sonst? „Das Extravaganteste sind wohl die vier bis sechs Flaschen Champagner. Aber keine Sorge, da hat auch das Publikum was davon.“ Was er damit meint, wird schon wenig später klar.

Bühnen-Orgasmus der Extraklasse

Nachdem sich Ring mit Mobys großer Hymne „Go“ verabschiedet, erklimmen Modeselektor die Bühne. Bronsert links, Szary rechts. „Guten Abend, London“, hallt es mit runtergepitchter Stimme aus den Boxen. Dann geht’s los. Den Anfang machen „Grillwalker“ und „Pretentious Friends“ vom aktuellen Album. Wuchtige Beats im Hip-Hop-Tempo, knarzige Synthesizer-Hooks mit bassiger Erdung. Tracks, die einen Satz aus der neuen Modeselektor-Doku in Erinnerung rufen. Es ist ein Satz von Sascha über die Musik seiner Kollegen: „Oft knallen die Tracks live so, weil sie aufgeräumt sind. Und das ist die höchste Qualität, die Musik in so einem Kontext haben kann.“ Treffender kann man es nicht formulieren.

Noch ist das Publikum im Kopfnicker-Modus. Was sich schlagartig ändert, als Szary kurz nach der Rave-Hymne „Evil Twin“ zum Bühnenrand kommt. Gernot Bronsert (Foto: Lars Borges)In der Hand: eine Champagnerflasche. Als das Break reinkommt, beginnt er sie wie wild zu schütteln. Szary hat den Daumen am Korken. Langsam dreht Gernot den Beat wieder rein. Und … und … und … Explosion! Die Bassdrum schlägt ein, der Schampus spritzt, die Meute johlt. Ein Bühnen-Orgasmus der Extraklasse.

Ihre Entertainer-Qualitäten kann den Burschen niemand absprechen: Dancehall-Hupen, Filterspielchen, Headbang-Einlagen. Gelegentlich animiert Szary die Menge zum Mitklatschen. Einmal dirigiert er das Publikum sogar in die Knie – um es dann beim nächsten Tusch in die Luft gehen zu lassen. Rockistischer geht’s kaum. Bei fast jedem anderen Künstler würde man sich in dieser Sekunde ein bisschen fremdschämen. Warum geht es Modeselektor okay? Warum man ausnahmsweise sogar lustvoll mitmacht? Schwer zu sagen. Sicher hat es mit dem Charme der Jungs zu tun. Und natürlich mit der musikalischen Raffinesse der beiden. Denn wo andere hirnlos bollern, machen die zwei genau das Gegenteil. Auf das brachiale „Kill Bill Vol. 4“ lassen sie ihren feingliedrigen Remix von Radioheads „Good Morning Mr. Magpie“ folgen, auf den klaustrophobischen Dancehall-Knaller „Let Your Love Grow“ mit dem Gesang von Tikiman folgt die große Endorphin-Maschine „Berlin“. Und der Track zeigt seine Wirkung: Plötzlich stürmen auch Ring und St. Werner die Bühne, stellen sich zum Mikrofon und singen lautstark mit. Ein amüsantes Bild. Denn im Publikum ist trotz der Inbrunst der beiden nur die Playbackstimme von Miss Platinum zu hören. Danach ist abrupt Schluss. Der Roundhouse-Sperrstunde wegen. Umarmungen auf der Bühne, Verbeugungen, Winken, zum Abgang wirft Szary noch ein gepflegt deutsches „Dankeschööön“ ins Publikum.

Als Gernot und Ring zurück im Raucherhof ankommen ist dort die Feier schon in vollem Gang. „Du Arsch hättest das Mirko ruhig aufdrehen können, ich hätte bei ‚Berlin’ eine richtig geile Kopfstimme reingebracht“, scherzt Ring und klopft Szary auf die Schulter. Auch der britische Elektroniker Tim Exile hat sich bis in den Backstage-Bereich vorgekämpft, um den Kollegen zu gratulieren. Die Stimmung ist prächtig, doch zum Entspannen bleibt nicht viel Zeit. „Wer fährt jetzt noch mit?“ fragt Tour-Manager Hubi in die Menge. Eh alle! Wie ein Reiseleiter zählt er seine kleine Gruppe durch und begleitet sie zu den Taxis.

Familie geht vor

Im Village Underground angekommen bietet sich ein ähnliches Bild wie zuvor im Roundhouse. Der Laden ist voll, alles wartet auf den Hauptact der Nacht. Bronsert baut seinen Laptop am DJ-Pult auf, Szary verkabelt seelenruhig seine Roland TR-909. An diesem Punkt sind die beiden seit 18 Stunden auf den Beinen. Doch sie wirken klar und konzentriert. Von Müdigkeit keine Spur. Trotzdem: Warum tut man sich so ein After-Party-DJ-Set an? „Es ist halt das Feuer, das man für die Sache hat“, erklärt Bronsert. „Guck mal, als Thom letztens mit Atoms For Peace im Berghain spielte, stand er danach noch drei Stunden am DJ-Pult. Nicht weil er musste, sondern weil er einfach Mucke geil findet. Und bei uns ist das genau so.“

Während vor der Bühne der Rave in die nächste Runde geht, sucht Ring hinten hektisch ein Kabel für seinen Laptop. Eigentlich wollte er gleich ins Hotel fahren, denn schon übermorgen geht seine „Krieg und Frieden“-Europatour als Apparat weiter. Aber scheiß drauf. Familie geht vor. Und mehr noch: Er ist hibbelig, er will mitmachen. Szary und Bronsert ist das nur recht. Sie würden ohnehin noch gern kurz ins Hotel fahren bevor es zum Flughafen geht. Um 4 Uhr früh übergeben sie die tanzende Menge dann an St. Werner und Ring – und steigen nach einer großen Verabschiedungsrunde ins Taxi. Bevor die Autotür zuschnappt eine letzte Frage: Gibt’s Momente, in denen sie das wilde, hemmungslose Partyleben vermissen? Gernot überlegt kurz. Dann meint er: „Wenn du Bücher wie Der Seewolf liest: Die richtig coolen Hunde, das sind nicht die 21-Jährigen. Das sind die Typen mit ledrig gebräunter Haut. Typen, die auch bei sechs Meter Seegang nicht gleich über die Reling kotzen. Typen wie wir.“

Moderat sind im Frühjahr 2014 auf Tour quer durch Europa.

 

Moderat live

26.01. München – Kesselhaus
27.01. NL-Amsterdam – Paradiso | ausverkauft
28.01. NL-Amsterdam – Paradiso | fast ausverkauft
30.01. Köln – Live Music Hall | fast ausverkauft
31.01. Wiesbaden – Schlachthof | Tickets

01.02. Erfurt – Stadtgarten | Tickets
02.02. PL-Warschau – Basen
07.02. UK-Manchester – Albert Hall
08.02. UK-Glasgow – Substance@The Arches
09.02. IE-Dublin – Button Factory | fast ausverkauft
11.02. UK-London – Koko | ausverkauft
12.02. UK-London – Koko | fast ausverkauft
13.02. Hamburg – Docks
14.02. DK-Aarhus – Train
15.02. DK-Kopenhagen – Studie 1 | fast ausverkauft
17.02. FR-Paris – Trianon | ausverkauft
18.02. FR-Paris – Trianon | fast ausverkauft
19.02. CH-Fribourg – Fri-Son
20.02. CH-Zürich – Komplex457
21.02. FR-Lyon – Le Transbordeur
22.02. IT-Milan – Magazzini Generali
23.02. Stuttgart – LKA | Tickets
24.02. AT-Wien – Arena | ausverkauft
25.02. Berlin – Columbiahalle | ausverkauft
27.02. Berlin – Columbiahalle | fast ausverkauft

05.03. BE-Brüssel – Ancienne Belgique
06.03. Dortmund – FZW
07.03. FR-Lille – Aeronef
08.03. Bremen – Pier 2
29.03. PL-Katowice – Szyb Wilson
30.03. HU-Budapest – Teatrum Millenaris
31.03. PL-Poznan – Zamek