THE KNIFE Klänge, die wehtun

The Knife

Text: Florian Obkircher
Erstmals erschienen in Groove 141 (März/April 2013)

Sechs Jahre sind vergangen, seit The Knife ihr letztes Album veröffentlichten. Sechs Jahre, in denen das schwedische Geschwisterpaar solo aktiv war – und seine Ideenwelt weiter ausbaute. Diese bildet den Unterbau des neuen Albums Shaking The Habitual. Denn – so finden The Knife – Musik als Selbstzweck ist bedeutungslos.

 

Eine urige Konditorei in Stockholm. Marmortische mit karierten Deckchen und Plastikblumen. Alte Holzstühle, Duftkerzen und Topfpflanzen. Betagte Damen trinken Kaffee, Kinder drücken ihre Nasen an die mit Brot und Torten gefüllten Glasvitrinen. Ein Ort wie aus einer anderen Zeit. Gerade hier im hippen Bezirk Söndermalm, wo sich eine Straße weiter eine Jungdesigner-Boutique an die nächste reiht. An einem der Fenstertische sitzt ein Paar, das sich von der Demografie der Bäckerei abhebt. Sie: blond, asymmetrischer Haarschnitt mit kurzen Zöpfchen, schwarzes Designertop, schwarze Fingernägel. Er: zerzauster Undercut, grüne Kapuzenjacke, grüne Fingernägel. Die beiden winken höflich. „Wir haben schon für dich bestellt. Kaffee und Semla. Musst du probieren.“ Die junge Frau schiebt einen mit Süßschaum prall gefüllten Krapfen über den Tisch. Mit gespanntem Blick warten die beiden auf die Reaktion nach dem ersten Bissen – und kichern, als ihrem Gegenüber der Schaum im Bart klebt. „Das passiert mir auch oft“, sagt der Typ. „Aber es schmeckt so gut, nicht?“

Die Verwunderung ist groß. Sollen diese zwei herzlichen Menschen wirklich Karin Dreijer Andersson und Olof Dreijer sein? Sollen es tatsächlich diese zwei lächelnden Gesichter sein, die sich hinter den schwarzen Pestmasken von The Knife verbergen? Viel weiß man über das Geschwisterpaar nicht. Spätestens seit dem zweiten Album Deep Cuts ranken sich Mythen um das Duo. Mythen, an denen die Dreijer-Geschwister fleißig mitbasteln. Vielleicht kommen die beiden aus Göteborg. Vielleicht ist Dreijer Andersson 37 Jahre alt und spielte in ihrem früheren Leben in der Indie-Rockband Honey Is Cool. Vielleicht wurde ihr Bruder 1981 geboren. Und vielleicht gründeten die beiden im Sommer 1999 The Knife. Vielleicht. Ist aber auch gar nicht so wichtig. Denn die von dem Duo selbst propagierte Version ist ohnehin viel spannender. Einem animierten Video der Regisseurin Amy Engles nach fand Frau Rabid, Hasendame und Labelboss von Rabid Records, zwei mit Synthesizern ausgestattete Äffchen in einer Waldhütte. Nach nur einer Listeningsession bat sie den beiden einen Plattenvertrag und eine Zigarre an.

Winterschlaf zum Karrierehöhepunkt

So der Gründungsmythos von The Knife. Weniger geheimnisumwittert ist allerdings, was danach geschah: Das erste, selbstbetitelte Album 2001 erntete gemischte Kritiken. Zu verschroben, zu heimwerklerisch erschien der schwedischen Presse die Mixtur aus Björk, Aphex Twin und Kate Bush. Für Karin und Olof ein Grund, ihr nächstes Werk bewusst poppiger anzugehen. Mit Erfolg: Deep Cuts erschien 2003 und verkaufte allein in Schweden 30.000 Stück. Im gleichen Jahr gewannen The Knife auch das dortige Grammy-Pendant als beste Popgruppe. Und schon bei der Verleihung stellten die zwei klar, dass sie definitiv nicht der nächste niedliche schwedische Pop-Export sein würden: Sie schickten zwei als Gorillas verkleidete Freundinnen zur Preisabholung auf die Bühne – Aktivistinnen der feministischen Gruppe Guerrilla Girls. Die Singleauskoppelung „Heartbeats“ brachte dem Duo dann den internationalen Durchbruch. Erst in der akustischen Coverversion des befreundeten Musikers José González, dann im Original. Als 2006 schließlich Silent Shout erschien, war der mediale Hype perfekt. Allein die Haltung des Duos war eine journalistische Steilvorlage: Ein schwedisches Geschwisterduo, das seine Gesichter stets hinter Masken versteckt. Der textliche Gestus: Wir sind politisch – und sexuell andersdenkend. Dazu ein düster retro-futuristischer Klangkosmos, geprägt von Karins nach unten gepitchtem Gesang: Alien-Musik fürs 21. Jahrhundert. Plattformen wie Resident Advisor und Pitchfork waren sich einig: Beide wählten Silent Shout zum Album des Jahres. Die folgenden raren Live-Shows des Duos waren rund um die Welt ausverkauft. Und dann? Stille.

 


Video: The KnifeHeartbeats

 

Am Höhepunkt der noch jungen Karriere schickten die Dreijer-Geschwister The Knife für sechs Jahre in den Winterschlaf. Obwohl, stimmt nicht ganz. 2010 vertonte das Duo gemeinsam mit den wahlverwandten Musikern Mount Sims und Planningtorock eine Oper namens Tomorrow, In A Year. Basierend auf Charles Darwins Schrift Über die Entstehung der Arten, kommissioniert von der dänischen Performance-Gruppe Hotel Pro Forma, veröffentlicht auf dem hauseigenen Label Rabid Records. Für Fans ein harter Brocken. Denn mit dem dunklen Electro-Pop von Silent Shout hatte das Werk wenig gemein. Die Grundlage der Stücke bildeten Bearbeitungen von Olofs Field-Recordings aus dem Amazonasgebiet. Verfremdete Naturgeräusche, gepaart mit geisterhaften Synthesizersounds und Operngesang. Ein kurzer Ausritt in die Gefilde der ernsten Musik? „Mehr als das“, sagt Olof. Er hat damals Blut geleckt. In dem Sinn, dass man als Musiker nicht notgedrungen Musik als Inspirationsquelle braucht. „Darwin war nicht unbedingt ein Thema, das ich von mir selbst aus gewählt hätte“, sagt er. „Mich interessiert die politische und soziale Auslegung seiner Theorien. In der Oper ging es aber vor allem um die biologische Seite. Nach dieser Erfahrung war klar: Der Weg ist ein guter. Aber für unser nächstes Album wählen wir die Themen selbst.“

 

The Knife

 

Eine gemeinsame Basis

In den vergangenen Jahren waren die beiden solo aktiv. Als Fever Ray schuf Karin eine düstere, tribalistische Klangwelt. Hypnotischer und reduzierter als The Knife, den einschlägigen Duktus aber immer im Rückspiegel. Olof hingegen machte sich als Oni Ayhun in der Clubwelt einen Namen. Mit vier eleganten wie experimentellen Techno-EPs, einem exzellenten Remix für Jason Fine und etlichen DJ-Sets. Diese Auszeit nach Silent Shout sei sehr wichtig gewesen, sagt Karin. Die sieben Jahre davor habe das Duo sehr intensiv zusammengearbeitet. Eine Zeit der gemeinsamen Entwicklungen, aber auch Kompromisse. In einem Interview kurz nach Erscheinen des selbstbetitelten Fever Ray-Albums 2009 betont Karin deshalb, wie wichtig es gewesen sei, die eigenen Ideen zu vertiefen, der eigenen Stimme zu folgen. Heute aber, und das stellen sie gleich zu Beginn des Gesprächs klar, soll es nicht um diese Soloexkurse gehen. Sie waren wichtig, keine Frage, die Projekte werden auch beide weiterlaufen. Doch jetzt wollen die beiden über ihr neues Album sprechen: Shaking The Habitual. Das erste richtige The Knife-Album seit über sechs Jahren.

Vor drei Jahren gab es die ersten Gespräche, die ersten Annäherungen. Im Zentrum stand dabei nicht die Frage, ob man ein neues Album machen sollte, sondern viel grundsätzlicher: Was könnte man überhaupt machen? Was wäre spannend? Denn in einem Punkt waren sich die Geschwister schon immer einig: Musik als Selbstzweck ist bedeutungslos. In langen Diskussionen sondierten die beiden gemeinsame Ziele und Interessensfelder. Wichtig war ihnen, einen Prozess zu finden, der es ermöglichen würde, außermusikalische Disziplinen miteinzubinden. Politik zum Beispiel. Oder genauer: Feminismus, Queer Theory- und Postcolonial Studies. Die beiden erstellten eine Literaturliste. Eine Liste, deren Lektüre einen neuen Ausgangspunkt für The Knife markieren sollte. „Nachdem wir jahrelang nicht zusammen gearbeitet hatten, war es notwendig, eine gemeinsame Basis zu schaffen“, sagt Olof. „Außerdem gefiel uns die Idee, sich beim Musikmachen weiterzubilden.“ Die Liste liest sich wie die Pflichtlektüre eines Cultural-Studies-Seminars. Ein bisschen Judith Butler. Dazu Frantz Fanon und Michel Foucault. Außerdem die postkolonialistischen Theoretikerinnen Gayatri Chakravorty Spivak und Chandra Talpade Mohanty. Man las sich gegenseitig aus den Büchern vor, Theorien wurden diskutiert – und in den Texten verarbeitet. „Of all the guys and the signori, who will write my story?” krächzt Karin in Björk-artigem Timbre im Albumvorboten „Full Of Fire“. Die kulturwissenschaftliche Referenz liegt auf der Hand: Wer schreibt unsere Geschichtsbücher? Richtig: Tote weiße Männer. „Am Anfang war das Ziel unserer Reise überhaupt nicht klar“, sagt Olof. „Wir fragten uns: Sollen wir die neuen Stücke als The Knife herausbringen? Oder besser ein neues Pseudonym finden? Aber gerade weil die neuen Tracks so anders klangen, schien es spannend, sie als The Knife zu veröffentlichen.“

 


Video: The KnifeFull Of Fire

 

Klangquellenforschung

In gewisser Weise ist Shaking The Habitual eine Kid A-Platte. Wir erinnern uns: Nach dem großen Erfolg von OK Computer zogen sich Radiohead 1997 zurück. Sie deckten sich mit Platten von Warp Records ein und hörten viel abstraktere Elektronikmusik. Mit Folgen: Radiohead experimentierten mit neuen Instrumenten und Effekten, ließen den traditionellen Song hinter sich. Um einen Bastard zu kreieren, der zwischen den Welten hing. Ein Meisterwerk, das die damals noch intakten Grenzen zwischen Pop und Avantgarde überwand.

Auf Silent Shout gab es trotz allem Mut zu schiefen Sounds und düsterer Klangästhetik noch immer ein Zugeständnis an das Popformat: Kaum ein Song sprengte die Sechs-Minuten-Grenze, die meisten waren in Strophe und The KnifeRefrain gegliedert. Auf Shaking The Habitual ist das anders. Ganz anders. Fast so, als ob sich The Knife über gängige Formate lustig machen würden. Kein Stück des 98-Minuten-Werks hat eine radiotaugliche Länge. Es gibt Tracks mit 39 Sekunden und welche mit 19 Minuten. Die erste Single „Full Of Fire“ ist mit ihren neun Minuten selbst für Alternativradios schwere Kost. Im Mission-Statement zur neuen Platte stellen die beiden klar: „Wir wollten mit Zeit experimentieren. Die Funktion von Popmusik infrage stellen. Musik machen, die Menschen Zeit und Konzentration abverlangt.“ Ist diese neue Lust an der Länge also eine Kritik an der stark verkürzten Aufmerksamkeitsspanne der Rezipienten? Karin und Olof zögern. Wie so oft im Laufe des Interviews blicken sie sich kurz gegenseitig in die Augen, bevor sie antworten. So als würden sie sich per Telepathie kurz absprechen. „Auch wenn die Tracks auf Silent Shout kürzer waren, diese Norm war uns schon immer sehr egal“, sagt Karin. „Der Grund für die langen Stücke ist unsere neue Arbeitsweise. Wir haben bei den Aufnahmen ausgiebig gejammt. Das war neu. Unsere bisherigen Alben produzierten wir am Computer. Aber das schien uns diesmal zu langweilig.“ Ihr Bruder ergänzt: „Wir wollten Instrumente spielen. Mit Stimmungen und Effekten experimentieren. Neue Klangquellen erforschen.“

Ein Sound, der dir die Kehle durchschneidet

Allein dieser Ansatz stellt quasi einen Gegenentwurf zum bisherigen Schaffen des Duos dar. Auf dem Album Deep Cuts verwendete Olof fast ausschließlich Gratis-Software und Plug-in-Synthesizer. Um den Klang der Platte so demokratisch wie möglich zu halten, erklärte er damals. Auf dem Nachfolger Silent Shout tauchte das Duo dann vollkommen ab in eine finstere Klangästhetik, die in ihrer Konsistenz wie eine eigenständige Formensprache funktionierte, völlig losgelöst vom damaligen Popgeschehen. Eine Soundwelt allerdings, verhaftet im digitalen Raum. Ein Paradigma, mit dem The Knife nun brechen. Das zeigt sich schon im Eröffnungsstück „A Tooth For An Eye“. Statt der für The Knife bislang typischen Roland TR-909-Snare bilden organische Percussions den Unterbau, eine modifizierte Kalimba spielt eine westafrikanisch anmutende Melodie. „Der Unterschied zwischen akustischen und digitalen Sounds interessierten mich nicht primär, uns geht es um die Abstraktion von Klängen“, stellt Olof klar. „Ich finde es zwar toll, im Pulse-Percussion-Shop in der Graefestraße in Berlin auf komisch klingende Instrumenten zu stoßen. So wie auf Plastikrohre, die beim Schwingen in der Luft heulen. Aber am Ende ging es uns darum, den Authentizitätsbegriff infrage zu stellen. Klänge zu maskieren und ihre Identität mit Effekten zu verwischen. Der vermehrte Einsatz von Percussions hat vor allem damit zu tun, dass wir die Tracks tanzbar gestalten wollten.“

 


Video: The KnifeA Tooth For An Eye

 

Halt. Machen The Knife denn nun Tanzmusik? Das überrascht. Schließlich hatten die zwei in der Vergangenheit immer abgestritten, dass ihre Songs auch im Club ein potenzielles Zuhause hätten. Verschmitztes Lächeln. Kurze Denkpause. Dann sagt Karin: „Wenn man bedenkt, wie psychosomatische Krankheiten funktionieren, wie sich der geistige Zustand auf die körperliche Befindlichkeit auswirken kann, dann muss es doch auch umgekehrt möglich sein. Dass der Körper den Geist beeinflusst. Dass der Geist vom Tanzen angeregt wird. In diesem Sinn finden wir Tanzmusik toll.“

Natürlich ist das ein wenig kokett. Shaking The Habitual ist die bisher klar experimentellste Platte des Duos. Selbst die rhythmischen Stücke, wie das erwähnte „A Tooth For An Eye“ oder die Single „Full Of Fire“, sind definitiv keine Peaktime-Granaten. In ihrer Zerrissenheit und Komplexität vermutlich nicht einmal Warm-up-tauglich. Daneben gibt es Tracks wie „Old Dreams Waiting To Be Realised“. Ein gespenstisches 19-minütiges Experimental-Epos mit verhaltenen Drones, das in seiner klaustrophobischen Stimmung an die Dark-Ambient-Experimente von Aghast erinnert. Oder „Fracking Fluid“, eine akustische Kritik der gleichnamigen Tiefbohrtechnik zur Erschließung von Gasvorkommen, bei der man unterirdisch künstliche Risse erzeugt – inspiriert von dem Dokumentarfilm Gasland. Im Zentrum steht eine mit Geigenbogen gespielte Bettfeder. „Es ist interessant, einen Klang zu erzeugen, der weh tut. Der Geigenbogen ist mit harmonischer, klassischer Musik konnotiert. Damit eine Bettfeder zu spielen, finde ich sehr spannend“, sagt Karin. Und: „Während der Aufnahmen diskutierten wir oft die Frage: Worin liegt der politische Gehalt von Sounds?“ Anders als Matthew Herbert gehen The Knife aber nicht ins Schlachthaus, um dort Schweine beim Abstechen aufzunehmen, das Duo geht den subtileren Weg. „Queering the sound“, nennt Olof die Technik. „Wir sprechen darüber, welches Gefühl der Klang erzeugt. In diesem Fall schneidet er dir förmlich die Kehle durch. Dann besprechen wir Themen, die dazu passen. Aber natürlich ist das ein Kreislauf. Denn der Grund, warum ich eine Bettfeder so klingen lasse, hängt davon ab, was ich im Vorfeld an Literatur oder Filmen rezipiere.“

Zwischen Stockholm und Berlin

Der Kaffee ist inzwischen leer, der Krapfen halb aufgegessen, das Teelicht brennt in letzten Zügen. Draußen geht die schwache Sonne endgültig unter. Olof blickt auf die Uhr. „Ich muss leider bald los“, sagt er höflich, fast entschuldigend – obwohl das Interview schon jetzt länger dauert als vereinbart. „Ich habe noch einen Termin. Wenn ich in Stockholm bin, bin ich meistens recht ausgebucht.“ Sein dichter Terminplan hat mit dem Umstand zu tun, dass Olof eigentlich gar nicht mehr in Stockholm wohnt. Vor einigen Jahren ist er nach Berlin gezogen, zwei Drittel der Zeit verbringt er dort. Der Hauptgrund für den Umzug war damals die Verschlafenheit der schwedischen Hauptstadt. Zwar gäbe es viele gute Produzenten, aber kaum Clubs, meinte er. Und das sei noch heute so. „Ich komme immer nur zum Arbeiten her. Ausgehen ist in Stockholm total öde. Es gibt das Re:Orient, das mag ich. Sonst aber nichts“, sagt er. An Berlin schätzt er die Weltoffenheit, die Vielfalt der Lebensentwürfe. Und anfangs natürlich auch die hedonistischen Seiten. Nicht nur einmal hat er bis Sonntagvormittag im Berghain durchgetanzt. Gelegentlich tut er das noch immer. Auch wenn er den Sonntag mittlerweile als Arbeitstag zu schätzen gelernt hat. Weil es der Tag mit den wenigsten E-Mails und Anrufen ist – weniger Ablenkung.

Weite Teile von Shaking The Habitual sind in Berlin entstanden. Denn auch seine Schwester mag die Stadt. Sie vor allem, weil sie dort – weit weg von ihren zwei Kindern – total in den Arbeitsmodus schalten kann. Olof über seine The KnifeWahlheimat: „Klar brauchst du in Berlin mehr Selbstdisziplin als in anderen Städten. Aber für mich fühlt sich das Leben dort wie eine permanente Künstlerresidenz an. Mir hat die Distanz außerdem geholfen, einen neuen Blickwinkel auf Schweden und seine Politik zu bekommen.“ Damit bezieht sich er sich auf die seit vergangenem Herbst aufgeheizte politische Stimmung in seinem Heimatland. Schweden, lange Zeit europäisches Vorzeigeland und politischer Saubermann, fand sich plötzlich in einer Debatte über Migration und Rassismus wieder. Im Süden des Landes kam es zu Angriffen auf somalische Flüchtlinge, die rechtspopulistische Partei Schwedendemokraten erreichte in Umfragen Rekordwerte. „Der latente Rassismus war in Schweden immer sehr verbreitet“, sagt Karin. „Das Thema wurde in der Vergangenheit nie wirklich verhandelt. Immer hieß es: Schweden, ein demokratisches Prachtbeispiel mit einem Sozialsystem, das allen hilft. Seit der Wirtschaftskrise werden die Klassenunterschiede aber immer größer und sichtbarer. Dadurch tritt dieser unterschwellige Rassismus ans Tageslicht.“ Hätte sie keine Familie, sie würde vermutlich auch nicht mehr in Stockholm leben. Derzeit wohnt sie am Stadtrand, die Innenstadtwohnungen seien ohnehin unbezahlbar.

Außerdem haben The Knife in Stockholm kaum musikalische Verbündete. „In kleinen Kreisen reagiert die Kunstszene schon auf diesen Rechtsruck“, sagt Olof. Und Karin ergänzt: „Aber im Mainstream ist davon nichts zu spüren. Die Rockszene ist total entpolitisiert. Ganz anders als in den siebziger Jahren, als es in Schweden die ‚Progg‘-Szene gab. Heute verkauft die Swedish House Mafia die größte Arena der Stadt drei Nächte in Folge aus. So sieht’s aus.“ Die angesprochene „Progg“-Bewegung war ein wichtiger ideologischer Impulsgeber für Shaking The Habitual – und für The Knife überhaupt. In den siebziger Jahren fanden unter diesem Begriff schwedische Bands, Theatergruppen und Künstler zusammen, die für linke Ideale und alternative Lebensentwürfe eintraten. Und vor allem: gegen die Kommerzialisierung von Popmusik. Die Musiker gründeten ihre eigenen Labels sowie Vertriebe und organisierten ihre Konzerte selbst ohne die Mittelsmänner der Industrie. „Durch unsere Eltern sind wir mit dieser Kultur aufgewachsen“, sagt Karin. „Ihre Standpunkte und Ansätze haben uns geprägt.“

Ungreifbar sein

Dort hat sie also ihre Wurzeln, die The Knife’sche Ablehnungshaltung, die bei dem Geschwisterpaar so unbemüht wie ehrlich rüberkommt. Warum nach den Regeln der Industrie spielen, wenn man diese genau damit ködern kann, indem man sie übergeht – oder transparent macht? „Wir fühlten uns sicher hinter unseren Masken“, heißt es im Pamphlet zum neuen Album. „Aber die Masken wurden zu unserem Image. Das Mittel, mit dem wir Identität und Ruhm hinterfragen wollten, wurde zu einem kommerziellen Produkt.“ Diesbezüglich: Heißt das denn, dass The Knife demnächst ihre Gesichter zeigen werden? Und: Wird nicht irgendwann jede Maske zu einer Nicht-Maske? „Wir haben diesmal zehn verschiedene Künstler eingeladen, unser visuelles Erscheinungsbild zu kreieren. Videoregisseure, Comiczeichner, Dramaturgen. Alle mit einem anderen Ansatz, aber ähnlichen politischen Anschauungen. Damit sollte es uns hoffentlich möglich sein, eine Zeit lang ungreifbar zu sein“, sagt Olof lächelnd.

Die umliegenden Tische sind mittlerweile leer. Die Kellnerin wischt die Brösel von den Tischen, sammelt das leere Kaffeegeschirr ein. „Darf’s noch etwas sein?“, fragt sie. Höflich verneinen Karin und Olof, schlüpfen in ihre dicken Parkas, verabschieden sich und verschwinden in den dunklen Gassen der Stadt. Zurück bleiben ein halber Semla-Krapfen auf dem Teller sowie die Gewissheit, dass The Knife zu den spannendsten Künstlern der Gegenwart zählen und ihren kreativen Höhepunkt vermutlich noch vor sich haben. Zieh dich warm an, Radiohead.