ANTHONY NAPLES Das bisschen Schmutz

Text: Holger Klein
Erstmals erschienen in Groove 143 (Juli/August 2013)

Gleich mit dem Release einen Hit landen, davon träumen wohl alle Newcomer. Anthony Naples ist genau das gelungen, seine „Mad Disrespect“-EP, veröffentlicht vom hippen New Yorker Label und Partyveranstalter Mister Saturday Night, heimste Lob von allen Seiten und Plätze weit in den oberen Regionen der DJ-Charts ein. Soll das das eines Werk eines „Outsiders“ sein?

Um es gleich vorweg zu sagen: Nein, Anthony Naples ist kein Außenseiter, seine erste EP stand noch nicht mal am Rand irgendeines Genres. Der US-Amerikaner hat lediglich ein schlichtes Stück House-Musik in der Schule von Leuten wie Rick Wade aufgenommen – unpoliert, ungefiltert, ungewaschen und im Sound unscharf gehalten, ausschließlich aus Samples bestehend. Der 22-Jährige folgt keinem Produktionscredo. Es ist ihm gleichgültig, ob Hardware-Instrumente oder nur Software zum Einsatz kommt. Es muss schnell gehen. Dauert die Arbeit an einem Track zu lange, verliert Naples die Lust. „Ich denke, das geht vielen derzeit so“, sagt er. „Die Leute sind die überproduzierten Tracks leid, genau wie diese Cut-Up-Vocals.“

Vom ersten Demo zum eigenen Label

Mitte des vergangenen Jahrzehnts lernte Anthony Naples elektronische Musik kennen – ein Freund brannte ihm eine CD mit Boards of Canada. Nach und tauchte er, der sich bisher nur für Indie- und Punk-Bands interessierte, tiefer ein. Er lernte Aphex Twin, Daft Punk, Skream, Quasimoto, J Dilla, Flying Lotus, Burial oder Four Tet kennen. Anthony Naples verlor das Interesse daran, als Gitarrist mit seinen Freunden in irgendwelchen Noise-Bands zu spielen. Als er seinen ersten richtigen Computer bekam, probierte er aus, was man mit Logic und Ableton Live alles anstellen kann. „Eines Tages sah ich eine Dokumentation über die Paradise Garage“, erinnert er sich. „Plötzlich wurde mir klar, dass ich das, was ich bisher vergeblich auf Noise-, Punk- und Hardcore-Konzerten gesucht habe, in der Clubmusik tatsächlich finden konnte.“ Nachdem Anthony Naples von Miami nach New York gezogen ist, erlebte er in Brooklyn zum ersten Mal die Partys, die für ihn bis zu diesem Zeitpunkt nur in seiner Vorstellungswelt existierten. Er kaufte mehr und mehr Platten. Eine davon war das erste Actress-Album Splazsh: „Seither jage ich dieses Gefühl, das ich hatte, als ich sie das erste Mal aufgelegt habe.“

In New York hält sich Naples mit diversen Jobs über Wasser, so arbeitete er unter anderem für einige Zeit beim Label Captured Tracks. In dieser Zeit lernte er Will Bankhead von The Trilogy Tapes kennen. Das Label aus London bewundert er wie kein anderes. Die beiden tauschten regelmäßig Platten gegen Tapes und sind bis heute in regem Kontakt. Letztes Jahr schließlich schickte Naples Justin Carter von Mister Saturday Night eine E-Mail mit den Stücken seiner ersten EP – und schon war er im Geschäft. Drei weitere Maxis sind seither gefolgt, auf Mister Saturday Night Records, Rubadub und seinem absoluten Lieblingslabel The Triolgy Tapes. „Als ich aus London die Platte mitbrachte, die auf The Trilogy Tapes rauskam, starrte ich auf dem Rückflug die ganze Zeit das Cover an, so stolz war ich“, erzählt er lachend. Nun ist er sogar mit einem eigenen Label an den Start gegangen, Proibito heißt es. Den Auftakt darf sein Freund Huerco S. machen.

Sowas von real

Zu den Namen, die man inzwischen unter dem Begriff „Outsider House“ handelt, fühlt sich Anthony Naples zwar in einer gewissen Weise verbunden. Einer Szene oder Bewegung fühlt er sich aber keineswegs zugehörig. „Nur weil da plötzlich ein paar Produzenten da waren, die ihre Tracks schmutzig abmischten, sind gewisse Leute plötzlich durchgedreht und sprachen von einem neuen Genre“, winkt er ab. „Ich persönlich denke nicht, dass ich mit dem, was ich mache, außerhalb von irgendetwas stehe. Ich sehe es so, dass ich ganz einfach Clubmusik mache, und zwar eine Clubmusik, die sehr direkt ist.“ Überhaupt sei das, was unter „Outsider House“ zusammengefasst wird, doch nichts neues. Hieroglyphic Being aus Chicago, das niederländische Label Bunker, Legowelt – diese Leute würden doch seit Ewigkeiten etwas ganz vergleichbares machen: „Klar, das ist außerhalb des ganzen Dance-Mainstreams, außerhalb dessen, was man unter EDM versteht. Diese Musik steht aber nicht insofern außerhalb, dass sie die Grenzen dessen verwischt, was man unter House versteht. Auch wenn der Sound ein bisschen wilder ist, ist doch nichts dabei, was jemanden wie Hieroglyphic Being zum Outsider macht. Mehr real geht doch gar nicht.“

Die Single „El Portal“ ist bei The Trilogy Tapes erschienen. „RAD-AN1“ wurde von Rubadub veröffentlicht.