RÜCKSCHAU Berlin Festival 2013 (06.-07.09.2013)

Fotos: Stephan Flad

Es hatte erst begonnen, da war es auch schon wieder vorbei. Das Berlin Festival 2013 fand wie die Jahre zuvor auf dem Tempelhofer Flughafengelände und in Kreuzberg in der Arena statt. Die Veranstalter bescherten dem Publikum ein beachtliches Line-Up, eine überproportionale Dixikloausstattung und Promotionstände en masse.

 

Berlin Festival 2013: Neil Tennant (Pet Shop Boys) // Zur Vollansicht auf das Blid klicken!

 

Am Freitagabend standen die Pet Shop Boys als Headliner auf der Hauptbühne. Das Publikum sang lauthals mit zu Liedern wie „Suburbia“, „West End Girls“ und „Somewhere“. Das Grölen sich outender BVB-Fans bei „Go West“ war deutlich wahrzunehmen. Doch was war mit dem Soundsystem los? Es kratzte, knirschte und hüpfte vereinzelt. Die Reaktionen des Publikums waren als Tweets auf der Twitter-Wall auf dem Festivalgelände zu lesen: „Och nö … bitte nicht abkacken liebe PA auf der Mainstage“, oder „Die Pet Shop Boys streamen ihr Playback wohl mit 56k aus dem Internet“. Schade. Dennoch machten zwei tolle Tänzer, visuelle Effekte und ausgefallene Kostüme (schwarze Igel-artige Jacken, neonfarbige Anzüge, Discokugel-Helm und so weiter) die Performance zu einer Show, die einen in die achtziger Jahre zurückkatapultierte, oder besser gesagt, die Achtziger zu uns brachte.

John Talabot spielte live mit seinem Label-Genossen Pional auf einer der kleineren Bühnen. Die beiden waren mit einer Sampling- und Drummachine ausgestattet, bedienten sich an kleinen Synthesizer-Keyboards und sangen sogar zu zweit. Ein Katalane und ein Madrilene harmonisch auf der Bühne? Kaum fassbar. Eine einstündige Show mit live gespielter elektronischer Musik vom Feinsten.

Mit Shuttlebussen konnte man direkt vom Tempelhofer Festivalgelände bis zur Arena nach Kreuzberg fahren, wo beim angegliederten Club X-Berg weitere Künstler und Clubacts die Massen unterhielten. Siriusmo, der für Röyksopp eingesprungen war, beeindruckte mit einem freakigen Set. Ihn auf der Bühne zu sehen, war wie einmal in der Woche zu schreien. Der Eklat in der Stille. Ziemlich überraschend, zumal er erst vor gar nicht langer Zeit in einem Interview betonte, bühnenscheu zu sein. Meiner Meinung nach unbegründet. Miss Kittin legte eine großartige Show hin. Ihre Bühnenpräsenz, ihr Outfit und die Musik, alles passte so gut zusammen, dass man mit offenem Mund dastehend fast vergaß zu dem fetten Beat mitzutanzen.

 

Berlin Festival 2013: Miss Kittin // Zur Vollansicht auf das Bild klicken!

 

Bei Mike Q, einem Produzenten und DJ, der den 90er Vogue-House modernisierte, ließ das Publikum zu wünschen übrig. Es war ernüchternd zu sehen, wie der Großteil der Leute nicht wusste, was man mit seiner Musik anfangen sollte. Er brachte bassigen Vogue-House-Sound auf die Tanzfläche. Für mich unerklärlich warum viele steif dastanden, ohne auch nur annähernd zu versuchen, sich von der Musik mitreißen zu lassen.

Am Samstag ging es weiter mit dem Programm. Zu monieren waren die lästigen Promoter an jeder Ecke. Ob nun TicTacs durch die Luft flogen oder Sportbeutel von Adidas verschenkt wurden. Wo man auch hinblickte wurde man von ihnen eingefangen. Natürlich ist das die perfekte Occasion, um Menschen anzusprechen und an sich zu ziehen. Aber da vergisst man, dass der eigentliche Sinn eines Festivals darin liegt, Musik und Kunst zu rezipieren, nicht aber Werbung zu konsumieren. Da hat es einen schon eher gefreut, wenn Amnesty International-Aktivisten auf einen zugingen, um auf ihre Kampagne gegen Folter und Gewalt gegen Frauen in Ägypten aufmerksam zu machen. Im Art Village wurde unter anderem eine Spendenaktion gestartet, um dem Wiederaufbau des Festsaal Kreuzberg beizusteuern. Der spätsommerliche Mittag wurde zum Beispiel von Musik von Matias Aguayo & The District Union oder SOHN untermalt.

 

Berlin Festival 2013: Björk // Zur Vollansicht auf das Bild klicken!

 

Abends warteten dann alle brennend auf Björks Auftritt, dem diesjährigen Highlight auf des Festivals. Mit ihrer Show beendete sie ihre drei Jahre lange Biophilia-Tournee. Mit einer Orgel auf der Bühne, einem Schlagzeuger, einem Keyboarder und einem Chor, bestehend aus jungen Frauen in bunten Kleidern, einer Video-Installation mit vielen faszinierenden Bildern aus der Natur und einer in der Luft hängenden Tesla-Spule, bot sie nicht nur einen Genuss für die Ohren, sondern auch für die Augen. Es gab einige bass- und beatlastige Songs bei dem die Chormädchen, jedes ein Energiebündel für sich, ausflippten und die Bühne zum Beben brachten.

Später spielte dann noch Pantha du Prince. Mühsam hatte er mit Ambient sein Set aufgebaut, mit Obertönen und Klängen aus seiner Kollaboration mit dem „Bell Laboratory“, als ganz plötzlich eine Rückkopplung stattfand, ein lautes Piepen, woraufhin alles still war. Ärgerlich. Aber das ließ er sich nicht anmerken. Er setze dort fort, wo er aufgehört hatte und nutzte das Potential der Anlage voll und ganz aus. Er schaffte es die Zuschauer in eine Art Trance zu versetzen, in einen Musikrausch, den man mit geschlossenen Augen, sich synchron mit der Menschenmenge bewegend, am besten auskosten konnte.

In Kreuzberg spielte mittlerweile der French Funk-König Breakbot und erwärmte auf der Mainstage Discoherzen mit Musik voller Liebe. Seine Band, das i-Tüpfelchen seines Auftritts, ließ funky Gitarrenriffs, smoothe Basslines und einen poppiger Diskobeat erklingen. Währenddessen waren die Münchener von Cocolores schon dabei, das Glashaus einzuheizen. Das Duo ließ es richtig krachen. Bei dem Schlag der Bassdrum, war es kein Wunder, dass manch einer Angst hatte auf die Galerie aus Glasboden emporzusteigen, die den Eindruck erweckte, gleich einzustürzen. Zurückgehalten hat das aber keinen. Das Feuer und die Energie, die bei dem Set versprüht wurden und einen ins Schwitzen brachten, gelangen bis an den Sandstrand beim Badeschiff, wo man sich nach dem Set abkühlen konnte.

 

Badeschiff Club XBerg

Berlin Festival 2013: Badeschiff Club XBerg// Zur Vollansicht auf das Bild klicken!

 

Letztendlich muss man sagen, dass das Berlin Festival ohne große Probleme über die Bühne lief und glückliche und angeheiterte Menschen hinterließ. Unerfreuliche Line-up-Überschneidungen kann man bei Festivals immer anprangern. Aber wenn alles nach Wunsch liefe, müsste man schon von einem Wunder sprechen. Alles in allem ist es ein kleines und feines Festival der größeren Art, das die Schienen von Pop, Indie und elektronischer Musik ganz gut abdecken konnte und nicht nur Touristen, sondern auch Berliner anzog. Zu wünschen wäre, dass man unangenehme Soundprobleme in den Griff bekäme. Und sollte dies eine Tradition sein, dann, liebes Veranstalterteam, lasst es euch gesagt sein: Traditionen sind da, um gebrochen zu werden.