MODERAT Ein bisschen Größenwahn darf schon dabei sein

Text: Numinos, Foto: Kai von Rabenau
Erstmals erschienen in Groove 118 (Mai/Juni 2009)

Techno, Theater und Proberaum – die Berliner Modeselektor und Apparat zeigen, wie all das zusammengeht. Das Dreamteam all jener Dance-Abteilungen, denen Einsortierer ratlos das Etikett leftfield aufkleben, macht ab sofort gemeinsam Musik: Moderat-Pop. Der klingt weniger nach dem großen Rumms von Modeselektor, aber schön nachhaltig nach Rundumerlebnis. Man darf darauf wetten: Damit werden Moderat Konzertsäle genauso erobern wie Festivalbühnen.

Kronleuchter und Kerzenschein müssen es diesmal schon sein. Durch die große Glasfront hindurch scheint von der gegenüberliegenden Straßenseite her ein rötliches und blaues Glimmen von der Monumentalfassade der Volksbühne Berlin. Im Hintergrund perlt dezent Klaviergeklimper, und über der schneeweißen Tischdecke klingen die Sektflöten. Ein bisschen fühlt man sich wie in einen Film von Luchino Visconti geraten, in eine jener kammerspielhaften Bankettszenen des Großbürgertums, in denenso gut wie alles passieren kann, auf jeden Fall aber das Unerwartete. Ein wenig Überraschung darüber, das sie es letztendlich doch geschafft haben, ist Sascha Ring alias Apparat sowie Sebastian Szary und Gernot Bronsert alias Modeselektor an diesem Abend in diesem Berliner Restaurant tatsächlich anzumerken. Das erlesene Visconti-Ambiente ist also durchaus angemessen, um mit Kaisersekt auf Holundersirup erstmals auf ihr gemeinsames Album anzustoßen: auf das Debütalbum von Moderat. Angefangen hatte nämlich alles als unendliche Geschichte.

ModeratModeselektor plus Apparat ist gleich Moderat. Rein physisch betrachtet eine Addition, die aber sprachlich eher als Subtraktion erscheint: Bei beiden Namen wird etwas gekappt, übrig bleibt ein etwas schüchternes Wörtchen, das wie ein ironischer Kommentar auf den Anspruch des gesamten Unterfangens wirkt. Denn wenn sich eine Supergroup wie diese zusammenschließt und außerdem noch mit dem Visual-Team der Pfadfinderei gemeinsame Sache macht, dürfte klar sein: Moderat wollen alles. Den besten Sound, die beste Optik, die beste Show. Sie wollen Tanzmusik als audiovisuelles Gesamtpaket, das auf der Theaterbühne funktioniert und auf dem Festivalrasen. Für Dubstepper und Shoegazer genauso wie für Techno-Traumtänzer und Emo-Boys. Die Rechnung wird mit ziemlicher Sicherheit aufgehen – wenn sicherheitshalber noch ein paar Variablen für eventuell auftretende Missverständnisse in die Gleichung eingebaut werden.

Etwa so wie an diesem Abend in der Volksbühne Berlin, die sich mit einem bunt gemischten Minifestival ein letztes Mal selbst feiert, bevor das Haus wegen Sanierung für einige Monate schließt: Der Typ mit dem Modeselektor-Affen auf dem T-Shirt legt den Kopf etwas schief, während er Peter Thiessen zuhört. Der Sänger der Diskurspop-Band Kante doziert vorne auf der Bühne mit trockenem Salonhumor über ein Percussion-Instrument, das der Legende nach den Schrei eines brunftigen Affen imitiert. Und ein paar Reihen weiter hält es einige Trendfrisuren, die für das abschließende DJ-Set von Apparat und Modeselektor deutlich zu früh eingelaufen sind, beim nächsten Einsatz von jazzigen Pianoklängen auch nicht mehr länger auf den Sitzen. Natürlich alles eine Frage des Kontexts. Aber ähnliche „Was soll das?“-Momente könnten Moderat und ihrem Publikum in nächster Zeit durchaus öfter bevorstehen, wenn sie sich anschicken, eine Musik, die mal Techno gewesen ist, auf größere Bühnen zu heben.

 

Einmal Spaghetti Bolognese, bitte!

Aber lassen wir die unendliche Geschichte doch bei einer bodenständigen Mahlzeit beginnen. Kennengelernt haben sich die Anfang-Dreißiger Bronsert, Szary und Ring schon rund um das Jahr 2000 bei einer der ersten Bärenmarken-Veranstaltungen, jener damals von Gudrun Gut und Thomas Fehlmann veranstalteten Leistungsschau elektronischer Musik aus Berlin. Für Sascha Ring, der schon zwei Jahre zuvor aus dem Harz in die Stadt gezogen war, nach Eigenaussage aber nie den Weg aus seinem Studio hinaus in die Welt gefunden hatte, war es die Nacht der ersten Kontaktaufnahme zur Szene vor Ort. Auf einen Schlag lernte er Ellen Allien und ihre Bpitch-Control-Clique kennen, die Grafiker und Videokünstler der Pfadfinderei und nicht zuletzt die zwei Jungs von Modeselektor. Die Begeisterung über den Sound der jeweils anderen war wechselseitig. Sascha Ring: „Als ich Gernot fragte, was sie denn so machen, sagte er: ,Wir machen Noise.‘ Ich dachte nur: ,Was ist das denn für eine geile Antwort?‘.“ Und Bronsert erinnert sich: „Das war einer unseren ersten Modeselektor-Live-Auftritte, so Gabba-Breakcore-HipHop-Wasauchimmer. Ich fand ziemlich unglaublich, was Sascha gemacht hat. Das war total seichte, na: ,Weichspülermusik‘ will ich nicht sagen, aber so Mädchen-Electro-IDM. Ich fand’s richtig Hammer.“

 


Video: Moderat6-Minuten-Terrine

 

Aus der gegenseitigen Bewunderung ergaben sich schnell gemeinsame Aktionen. So hat es die Kooperation Moderat über die Jahre verstreut immer wieder mal gegeben, bisher sozusagen im Kleinformat. Vor sechs Jahren zum Beispiel in Form des Videos „6-Minuten-Terrine“. Apparat und Modeselektor schickten damals Zwiebeln, Knoblauch, Tomaten, Gehacktes und kochendes Wasser durch den Sample-Fleischwolf, die Pfadfinderei servierte Bilder in Hackmesser-scharfen Schnitten – fertig war en die audiovisuellen Spaghetti Bolognese. Schnipseln, brutzeln, einkochen: Mit dieser Methode waren Ring, Szary und Bronsert auch an ihre gemeinsamen Live-Abenteuer herangegangen. Mit einer von Ring programmierten Software, dem „Looperaten“, stürzten sie sich damals direkt vor Publikum in anarchische Jams. Nach zahllosen Aufbohr- und Umbauaktionen hört das Programm inzwischen auf den kriegerischen Namen „Dschihad“, und Modeselektor schwören bei ihren sonischen Attacken auch heute noch darauf.

„Eigentlich ist die Software maßgeblich für die Art und Weise verantwortlich, wie wir Musik machen“, sagt Bronsert: „Für mich ist es undenkbar, mit etwas anderem zu arbeiten.“ So sind die drei seit jeher auch wegen des kollektiven Abnerdens über Studiotechnik miteinander verkabelt: Apparat und Modeselektor sprachen praktisch von Beginn an dieselbe Sprache, auch wenn sie diese dann ästhetisch völlig unterschiedlich umgesetzt haben. Der Reiz dieser Supergroup liegt denn auch gerade in der Gegensätzlichkeit – auch für die Protagonisten selbst: Wie das wohl klingen mag, Modeselektor plus Apparat? Ein bisschen Urlaub vom jeweiligen Image war jedenfalls auf beiden Seiten willkommen, berichtet Bronsert: „Wir waren froh , dass wir nicht immer so losballern müssen und nicht dauernd die erste Reihe vor Augen haben, die sich das T-Shirt vom Leib reißt.“

 

Ein kräftezehrender Prozess

Der ursprüngliche Zugang zur Musik zu dritt war spontan, frech, stets ergebnisoffen. Was einige Probleme mit sich brachte, als es zum ersten Mal darum ging, das Ganze in eine endgültige, sozusagen seriösere Form zu bringen: eine EP für Bpitch Control. „Bis dahin gab es Moderat nur als improvisiertes Live-Projekt“, sagt Sascha Ring zwischen einem Bissen Wiener Schnitzel und einer Gabel Kaiser-Erdäpfeln mit Petersilie. „Das auf Platte zu kriegen hat ein Weilchen gedauert. Wir wussten alle nicht genau, was wir machen und je mehr Leute involviert werden, desto komplizierter wurde das natürlich. Es war ein wahnsinnig langer und schwieriger Prozess.“ Und zwar derart schwierig und kräftezehrend, dass das Ergebnis 2002 als EP unter dem sprechenden Titel „Auf Kosten Der Gesundheit“ erschien. Sebastian Szary erinnert sich an einen traumatisierenden Ritt auf dem Drahtesel, um, gebeutelt vom Kreuzberger Kopfsteinpflaster, nach mehreren durchgemachten Nächten die fertigen Tracks frühmorgens noch rechtzeitig zum Schneidetermin zu Dubplates & Mastering zu bringen. Danach waren alle reif fürs Sanatorium, die gemeinsamen kreativen Kräfte fürs Erste aufgebraucht. Dabei stand der große Trubel bei den jeweiligen Solo- beziehungsweise Duoprojekten zu diesem Zeitpunkt erst noch bevor.

Modeselektor brauchten weitere drei Jahre bis zur Veröffentlichung ihres ersten Albums, Hello Mom!, das, einmal erschienen, dafür umso schneller immer größere Kreise zog. Zu der ungehörten Kombination aus Ballerbässen, Stolper-Beat-Fallen und eindeutigen Rave-Signalen hatten echte Berliner Schnauzen ebenso Ihre Stimmen geben wollen wie französische Rapper, Gabba-Haudraufs aus Miami oder der Maximo-Park-Sänger Paul Smith. Schließlich outete sich sogar Thom Yorke öffentlich als Modeselektor-Fan, bot seinen Gesang im Tausch gegen einen Remix an und nahm Bronsert und Szary auch noch als Vorband von Radiohead mit auf Tour. Apparat türmte derweil seine Shoegaze-Frickeleien am Laptop zu immer imposanteren Klangwänden auf, holte wieder die Gitarre aus der Ecke und stellte eine Band mit echtem Schlagzeug, Keyboard und mit Sänger Raz Ohara zusammen. Spätestens mit der elegischen Elektronik auf seinem dritten Album Walls holte Apparat auch alle Indierock-Fans zum Weinen auf die Tanzfläche, bewies fast zeitgleich aber auch mit dem Orchestra Of Bubbles gemeinsam mit Ellen Allien, dass er wieder Lust auf Rave mit Herz und Melodie bekommen hatte.

Wann Apparat und Modeselektor es wieder miteinander versuchen würden, war also nur eine Frage der Terminkalender-Synchronisation gewesen. Die Idee eines größeren gemeinsamen Projekts spukte sowieso ständig in ihren Hinterköpfen herum. Wasjetzt letztendlich den Ausschlag gab? Bronsert gibt sich so ehrlich wie pragmatisch: „Der Erfolg, den wir jeweils als einzelne Acts hatten. Damit war der Punkt erreicht, an dem wir so etwas in Angriff nehmen können. Einfach, weil wir jetzt die Möglichkeiten haben – und weil es interessant ist.“

 

Meine Bassdrum, deine Bassdrum

Diesmal wurde – im Gegensatz zur Produktion der EP – zwar niemand krank, gearbeitet haben aber trotzdem alle wieder auf den letzten Drücker. Leises Stöhnen ist zu vernehmen, wenn die drei nach dem Toast auf das gemeinsame Baby ihre Sektgläser wieder hinstellen. „Wir haben vor über einem Jahr mit der Arbeit am Album begonnen“, erzählt Sebastian Szary. „Anfang Februar 200B haben wir die ersten Files rumgeschickt, und die Grundsatzentscheidung war noch mal ein halbes Jahr vorher gefallen.“ Dass die Drei überhaupt irgendwann mit dieser Platte fertig geworden sind, erscheint einem Außenstehenden allerdings wie ein Wunder sobald ihm auch nur ein kleiner Einblick in die Arbeitsabläufe gewährt wird.

 

Gernot: Wir sind alle drei sehr hartnäckig.Wir haben uns manchmal um den Klang einer Snare gestritten. Wirklich boshaft gestritten, wegrn einer Snare!

Sascha: Und ich durfte nie die Bassdrum aussuchen. Aber eine hab ich doch gemacht.

Gernot: Welche denn?

Sascha: Die „Out Of Sight“-Bassdrum.

Szary: Dat Mumpfeteil?

Sascha: Ja, diese geile Mumpf-Bassdrum. Die hast du zwar noch mal verändert, zum Positiven hin, aber ich hab die angefangen.

Gernot: Kannste vergessen! Ich hab die komplett ausgetauscht.

Sascha: Niemals, du hast sie nur anders gemischt!

Gernot: Siehste, da geht’s schon wieder los…

 

Und die nervenaufreibende Detailarbeit an den Stücken, die sich hier abzeichnet, war ja noch nicht alles. Kaum waren die Drei damit durch, gingen schon die Proben für die Liveshow los. Für die vorerst angesetzten fünfzig Termine in vier Monaten (!) will man nun doch nicht mehr alles so dem Zufall und der Live-Improvisation überlassen wie einst. Dabei ist die Musik nur Teil eines größeren Gesamtpakets. Moderat verstehen sich als ein Projekt, das alle Sinne ansprechen soll. Für den visuellen Part – eine DVD-Edition des Albums und die Konzert-Visuals – wurde die gesamte befreundete Mannschaft der Pfadfinderei ganze drei Monate lang in Anspruch genommen, Schwächeanfälle und daraus resultierende angeschlagene Köpfe inklusive. „Drei Monate lang nur mehr Kunst“, lautet das Programm der zwei Pfadfinder Codec und Honza, die sich nach dem Schnitzelessen auch noch an den Tisch setzen und stellvertretend für ihr gesamtes Team von den Strapazen und Freuden der Produktion erzählen, die zu dem Zeitpunkt noch in vollem Gange ist.

 


Video: ModeratOut Of Sight

 

„Wir haben alle Aufträge abgesagt und unsere Sparschweine geschlachtet, um Zeit und Geld für dieses Projekt zu haben.“ Nachdem die Pfadfinderei Modeselektor und auch weitere Bpitch -Acts jahrelang mit Live -Visuals versorgt hatte, sollte sie nun (nach der 6-Minuten-Terrine und der Labland-DVD) wieder mal etwas Bleibend es fürs Regal produzieren. Fünf aufwändig gefilmte Clips wurden eigens für die DVD-Ausgabe des selbst betitelten Moderat-Albums gedreht und bilden auch das Ausgangsmaterial für die Konzerte. Endlose Splitterlandschaften, Nahaufnahmen von zerberstendem Holz oder explodierende Betonsäulen in extremer Zeitlupe sind da zu sehen. Die Pfadfinder sprechen von „Studien zu Materialitäten“ und wollen damit wie ihre Kollegen von der Klangabteilung einige Pfeiler im Clubgeschehen einreißen.

„Wir wollten auch ein klein bisschen referieren und die großen Thematiken der Bildhistorie quasi analog – also in diesem Fall ohne viel 3D oder Vektorgrafiken – nachskizzieren und ins Jetzt holen“, erklärt Codec. „Es kommen viele Referenzen vor. Aber im Endeffekt ist das alles Hirngewichse, druff geschissen. Es muss geil aussehen, und es muss Spaß machen, das ist unser oberstes Ziel. Die Leute sollen eine fantastische Liveshow sehen und audiovisuell mitgerissen werden.“ Damit das klappt und Bild und Tonschön multimedial miteinander kommunizieren können, muss Apparat seine „Dschihad“-Software für die Liveshow einmal mehr umprogrammieren. Aber was tut man nicht alles für einen ordentlichen kreativen Kurzschluss.

 

Ist Ex-Techno der neue Stadion-Rock?

Da schließen sich also drei Studio-Nerds mit einer Gruppe Visual-Geeks zusammen und geben plötzlich Interviews als Band. Sie berichten, dass sie on the road sieben oder acht Leute sein werden, endlich auch ihren eigenen Lichtmann dabei haben und in den USA in Tausender-Säle gebucht werden. Sie erzählen ein wenig atemlos vom tollen Bühnenbild, vom monatelangen Aufwand und Stress bis zur letzten Sekunde, um dem Publikum zu Hause, auf dem Tanzflur und dem nassen Festivalrasen ein audiovisuelles Gesamterlebnis zu besorgen, das sich gewaschen hat. Und man beginnt erst dann, sich über all diese Umstände, die Rahmenbedingungen und den ungewohnten Jargon zu wundern, als sich wenig später drüben auf der anderen Straßenseite, im großen Saal der Volksbühne, diese Momente der Irritation einstellen. Die sind schnell wieder vergessen. Denn 2009 ist die Zeit, in der man beim Gespräch über ein Album mit elektronischer Musik mitten aus dem Herzen von Techno-City Berlin ohne Verlegenheit Worte wie „Proberaum“ oder „Tourbus“ benutzen kann. Begriffe, die üblicherweise für das Geschehen im Rockzirkus reserviert sind. Haben wir es nur nicht gemerkt, ist es denn schon wieder so weit? Ist Ex-Techno der neue Stadionrock?

Gernot Bronsert zögert nicht lange mit einer Antwort: „Mit Modeselektor haben wir schon erlebt, dass das funktioniert. Wir haben als Support für Radiohead in Berlin, Spanien und Japan in Stadien gespielt – um 17.30 Uhr vor 20.000 Leuten. Das hat super funktioniert. Ich glaube schon, dass es in die Richtung geht. Obwohl ich mir vorstellen könnte, dass Thom Yorke die Moderat-Platte eher kritisch betrachtet. Radiohead stehen auf unseren harten Krams, auf den dollen Sound. Wir haben uns auf der Tour Mühe gegeben, so ästhetische Intros zu bauen, und dann meinten die: ,Ey, lass doch mal richtig brettern hier, verdammt!‘.“

„A New Error“ heißt das erste Stück des ersten Moderat-Albums, und das könnte in Modeselektortypischer Verdrehung auch a new era andeuten. Ein bisschen augenzwinkernder Größenwahn darf in diesem Fall schon dabei sein. Womit wir endlich auch bei der Musik dieses Debütalbums angekommen wären. Ein weiter Weg, aber schließlich war es für die Produzenten dahinter auch kein Spaziergang. Tatsächlich überrascht zunächst am meisten: Es haut nicht rein. Zumindest nicht gleich. Das Album Moderat funktioniert eher wie ein klassisches Popalbum, auf das natürlich auch das olle Klischee von den mehreren Hördurchgängen zutrifft. Und bei jedem dieser Durchgänge ist deutlicher zu hören, dass Techno hier seinen Weg in die Richtung von so etwas wie „empfindsamem Synthie-Pop 2.0“ fast zu Ende gegangen ist. Moderat ballern ein bisschen, aber mit Gefühl. Sie säuseln, verbreiten Rave-Nostalgie, dröhnen wie Indierock im Proberaum, nur um dann gleich eine 303 zwitschern zu lassen. Sie klingen überraschend und machen doch genau jene Art von Popmusik, die sich aus der Schnittmenge von Modeselektor und Apparat zwangsläufig ergeben musste: Dubstep zum Heulen.

 


Video: ModeratRusty Nails

 

Das Langweilerwort „erwachsen“

Die Worte sind im Gespräch mit Sascha Ring, Sebastian Szary und Gernot Bronsert, mit Honza und Codec immer wieder gefallen, jeder von ihnen hat das eine oder andere davon mindestens einmal in den Mund genommen: „gediegen“, „ernsthaft“, „besonnen“ und sogar noch das Langeweilerwort „erwachsen“. Von „Entschleunigung“ war die Rede, einem Konzept, das die Pfadfinderei letztlich zum Leitmotto ihrer Video arbeiten auserkoren hat, und auch davon, trotz Monsterstress bei der Produktion diese „neue Ruhe“ richtig genießen zu können. Gewachsen ist man auch an der basisdemokratischen und daher mühsamen Zusammenarbeit im Studio. Oberste Regel: Alle müssen mit allem vollkommen zufrieden sein. Oder zumindest „98-prozentig“ zufrieden – eine Phrase, die sich während der Produktion zum Running Gag entwickelt hat. Geduld haben, die Meinungen der anderen akzeptieren, den Bass nicht immer zu laut aufdrehen: Es gab lauter zwischenmenschliche Lektionen zu lernen. „Ich finde die Platte auch ziemlich menschlich“, sagt Bronsert. „Techno zu machen, der menschlich ist, ist sehr schwierig. Die wenigsten schaffen es, da etwas Organisches und Lebendiges, so eine humanoide Wärme reinzubringen. Und für Modeselektor-Verhältnisse ist es eine ziemlich erwachsene Platte, eine ziemlich zurückhaltende Platte geworden. Ich musste mir oft auf die Zunge beißen, denn ich hätte immer noch doller gemacht, immer noch krasser. Aber irgendwann fand ich es cool zu sagen : ,Ey, wir lassen das jetzt so!‘.“

Das klingt alles reichlich unaufgeregt. Aber es entspricht eben auch dem bescheidenen Projektnamen. Andererseits, wenn man beim Wortspiel bleibt: So moderat ist das Unternehmen nun auch wieder nicht, sondern durchaus ein bisschen gigantomanisch. Wird das der Berlin-Sound der Zukunft ? Sind Moderat die Pink Floyd des 21. Jahrhunderts? Geht es gleich um die Weltherrschaft? Gemach, gemach! Vorerst geben sich Moderat wohl noch mit einer großartigen Festivalsaison zufrieden. Und dann können die ach so erwachsenen Herren ja durchaus noch mit einer ihrer anderen Wortketten rumspielen, die es neben der ernsthaft-gediegenen Abteilung auch gibt. „Mumpfig“, „Atompilz“ und „Bunsenbrenner“ zum Beispiel: alles Namen für Sounds aus dem Moderat-Universum. Oder mit einer dritten Kette, auf der sich Surgeon, Godspeed You! Black Emperor, Zomby, Stereolab und der ganze Rest von Shellac bis Rustie aneinanderreihen. Man könnte sich diese Liste gut als das mögliche Line-up eines Moderat-Festivals vorstellen, für das die Pfadfinderei dann die Gebrüder Lumiere, Max Ernst, Oskar Fischinger und Kurt Schwitters als VJs verpflichtet hat. Es könnte durchaus in der Berliner Volksbühne stattfinden.

Dort gibt es in dieser Nacht, irgendwann gegen drei Uhr früh, nachdem Kante ihren Flügel und die brunftigen Affen längst schon beiseite geräumt haben, wieder einmal Szenenapplaus. Diesmal allerdings nicht wegen eines Posaunensolos. Sondern einfach, weil Sascha Ring die DJ-Kanzel auf der Hinterbühne betreten hat und sich neben Gernot Bronsert und Sebastian Szary stellt, die die tanzende Menge auf dem Parkett vor sich mit Trommelwirbeln und fiesen Subfrequenzen bearbeiten. Da stehen sie nebeneinander im Klanggewitter: Techno-B-Boy Bronsert, Szary stilbewusst in Hosenträgern und Ring als melancholischer Paradiesvogel. Ein schönes Bild. Ein Bild für die Ewigkeit? Nach der endlosen Vorgeschichte wird es Moderat dieses Mal wohl etwas länger geben. Ein Erwachsenenleben kann schließlich dauern.