JULIA HOLTER Ekstasis (Rvng Intl.)

Tragedy von Julia Holter war ohne Frage eine der Platten des vergangenen Jahres. Ein Werk voller Dramatik – basierend auf Euripides‘ „Hippolytus“ – das mit jeder neuen Wendung überraschte. Zwischen ambienten, mit Klassik-Samples und Field Recordings arbeitenden Passagen waren die denkbar schönsten Songs gestreut. Obwohl die Texte eher assoziativ auf Euripides Bezug nahmen, kam Tragedy mit der Wucht einer Mini-Oper daher.

Ihr neues Album Ekstasis fährt die experimentellen Anteile ein wenig zurück beziehungsweise integriert sie in die Songs. Die Stücke sind zeitgleich zu den Tragedy-Aufnahmen entstanden, aber das Album erscheint luftiger, die Stücke loser verbunden. Einige Songs nehmen wieder Bezug auf Literatur: auf feministische Klassiker wie Virginia Woolf und Anne Carson – letztere ist eine Poetin, die auch Expertin für griechische Mythen ist. „Goddess Eyes“, der Autotune-Hit von Tragedy, taucht in zwei bezaubernden neuen Versionen auf und zeigt, dass Julia Holter nicht nur die Hochkultur wahrnimmt, sondern ebenso Trends im zeitgenössischen R&B und Hip-Hop. Überhaupt sind ihre musikalischen Vorlieben sehr breit gefächert. Ein Stück wie „In The Same Room“ könnte eine 80s-Pop-Nummer sein. Auf anderen Stücken arbeitet Julia Holter Teile aus indischen Ragas in die Songstrukturen ein. Sie arrangiert ihre Stimme zu einem Chor und lässt „Boy In The Moon“ in einer langen, sehr detailliert gearbeiteten Ambient-Passage enden. Auf „Four Gardens“ lässt sie dem Klarinettisten Max Kaplan und auf „This Is Ekstasis“ dem Saxophonisten Casey Anderson freien Lauf, was diese für lyrische Exkursionen in zirkularer Atmung nutzen.

Julia Holter arbeitet auf einem Feld zwischen Schlafzimmer-Produzentinnen wie Nite Jewel und Grimes sowie Synthesizer-Erkunderinnen wie Stellar Om Source und Laurel Halo. Deren Platten erschienen bislang in Kleinstauflagen auf Hip-Labeln wie Not Not Fun und Hippos In Tanks, meist in Vinyl- oder gar MC-Only-Editionen. Die zwei Vinyl-Editionen von Tragedy auf Leaving Records waren so klein, dass sie jeweils innerhalb von Tagen ausverkauft waren. Über Musik-Blogs, Filesharing und Downloads entwickelte sich dann ein regelrechter Hype. Was Julia Holter von diesen schon großartigen Musikerinnen unterscheidet, sind ihre Ambitionen. Die literarischen Assoziationen sind keine Angeberei, Holter glaubt wirklich an die transzendierende Kraft von Kunst. Und sie ist vor allem in der Lage, dieses Versprechen einzulösen. Damit reiht sie sich in die verfeinerte Traditionslinie der großen Unikate der Pop-Musik wie Kate Bush, Mark Hollis und David Sylvian ein.

 


Video: Julia HolterMoni Mon Ami