MEHR BASS! Mai/Juni 2012

Spätestens seit Ende Februar ist es offiziell: House ist die neue Bassmusik. „Plötzlich ist es das Format für die experimentellste, kreativste Tanzmusik Großbritanniens“, wunderte sich der Autor Andrew Ryce in einem Artikel für die weltweit führende Online-Plattform für elektronische Musik, Resident Advisor, über die vielen Dubstep-DJs, die House für sich entdecken. Als Beispiele führte er den Tectonic-Labelchef Pinch und Ben Ufo vom seit jeher vielseitigen Hessle-Audio-Kollektiv an. Die Entwicklung eines Teils der Dubstep-Szene hin zu langsameren 4/4-Beats ist aber tatsächlich keine atemberaubende Neuigkeit. Produzenten wie (die Niederländer) Martyn und 2562 haben bereits vor Jahren vorgemacht, wie sich die beiden Stile überzeugend verbinden lassen, und in Bristol finden sich mit Peverelist oder Appleblim Dubstep-Freigeister, die Genre- und Geschwindigkeitsgrenzen schon immer ignorierten. In einem Punkt hat Ryce jedoch Recht: 2012 scheint House auch in England das Format zu sein, auf das sich alle – vom Untergrund bis zum Pop-Mainstream – einigen können. Die Masse an jungen Talenten und Newcomern wie Gerry Read oder Kowton, die sich vor einigen Jahren wohl zuerst mit Dubstep beschäftigt hätten, jetzt aber mit geraden Beats ihre ersten Schritte wagen, spricht Bände.

Ein Aspekt wird in der Diskussion um House und Bassmusik jedoch gerne vernachlässigt: Mit UK Funky hat das britische Rave-Kontinuum seit Jahren eine eigene Nische, die direkt auf den Cousin House Bezug nimmt. Dass es auch außerhalb der Insel nur einige wenige Produzenten wie Roska oder DVA ins Rampenlicht geschafft haben, hat vielfältige Gründe. So sorgen unter anderem die von Grime entlehnte Do-it-yourself-Ästhetik, die gebrochenen Beats, aber auch die Cheesiness mancher Pop-Songs des Genres dafür, dass UK Funky auf den House-Tanzflächen dieser Welt kaum eine Rolle spielt und gerne nur als exotische Ghetto-Variante wahrgenommen wird.

Irrelevant und wenig innovativ, wie etwa von manchen Diskussionsteilnehmern im Resident-Advisor-Forum behauptet, ist UK Funky 2012 aber noch lange nicht. Ein Gegenbeispiel hält etwa der 20-jährige Sam Walton aus Manchester parat, der mit seiner zweiten Single für Hyperdub die Vielseitigkeit des Stils unter Beweis stellt. Beim Titelstück der „All Night EP“ verbindet er verwaschene Post-Dubstep-Flächen gekonnt mit Wonky-Bleeps à la Rustie und augenzwinkernden 2Step-Reminiszenzen, auf der B-Seite findet sich mit der Rhythmusexkursion aus Steeldrums und Percussion namens „Mallet“ ein weiteres Highlight.


Stream: WaltonAll Night EP (Preview)

 

Die Definitionshoheit in Sachen UK-Funky-Knaller hat dagegen im Augenblick das Trio Funkystepz inne. Auf der „Royal Rumble EP“ (Forever Live Young) genügt ihnen beim Track „Warrior“ ein einziges Synthesizer-Riff, um massive Schäden auf allen Tanzflächen anzurichten. Bei soviel Effektivität verzeiht man der Gruppe sogar das wenig originelle Michael-Buffer-Sample beim Titelstück „Royal Rumble“, das sich eher untypisch auf der B-Seite der Platte versteckt.


Stream: FunkystepzRoyal Rumble EP (Preview)

 

Einen anderen Ansatz verfolgt der Blogger und Produzent Paul Meme alias Grievous Angel, der seinen Stil schon einmal als „Ragga Techno“ bezeichnete. Nach einer Sendepause meldet er sich mit einer Single für das junge Label Forefront zurück, auf der mit „Kleer“ ein Stück zu finden ist, das tatsächlich viel mehr Techno mit gebrochenen Beats als UK Funky ist.


Stream: Grievous AngelKleer

 

Vollkommen minimalistisch und düster ist der Klang von Beneath aus Sheffield, der in seinen Produktionen die Verwandtschaft von UK Funky und Grime betont. Seine zweite EP „No Symbols 002“ auf seinem gleichnamigen Label besteht fast nur aus spärlichen Beats und düster grummelnden Bässen. Die Radikalität der Platte ist beeindruckend, auch wenn die Stücke manchmal etwas eindimensional wirken. Der letzte Track „Trouble“ mit seinen Melodie-Ansätzen gibt aber Anlass zur Hoffnung, dass Beneath noch andere Tricks auf Lager hat.


Stream: BeneathNo Symbols 002

 

Neben House gibt es zurzeit mit Jungle noch ein zweites großes Thema im Bassmusik-Universum. Mit Paul Woolford ist es ausgerechnet ein Techno-Produzent, der dazu den aktuell spannendsten Beitrag liefert. Für die zweiteilige, selbstverlegte EP seines Seitenprojekts Special Request bringt er auf dem Stück „Lolita“ 4/4-Beats mit Reese-Bässen wie aus den besten Metalheadz-Zeiten zusammen, beim umwerfenden „Alone“ lässt er Amen-Breaks mit Diva-Vocals kollidieren. Eine langsamere Dub-Version von „Lolita“ und ein House-Remix des Stücks „Deflowered“ aus den kompetenten Händen von Kassem Mosse & Mix Mup runden das Paket gebührend ab.


Stream: Special RequestSpecial Request 1 & 2 (Preview)