SOUL CLAP Duo mit vielen Hüten

Text: Carlos de Brito, Fotos: Franziska Sinn
Erstmals erschienen in Groove 129 (März/April 2011)

2010 war ein gutes Jahr für Soul Clap: ausgedehnte Touren in Europa, Remixaufträge en masse, gute Presse. Und dann war da noch ihre Bearbeitung von Jamie Foxx’ „Extravaganza“, ohne Zweifel einer der prägnantesten Clubhits des Jahres. Mit gleich zwei aufeinander folgenden Mix-CDs und großen Plänen mit der Wolf+Lamb-Posse kündigt sich für das DJ- und Produzentenduo ein weiteres großes Jahr an.

„Viele Leute denken, dass wir aus New York kommen. Falsch, wir kommen aus Boston. Das ist uns wichtig“, stellt Eli Goldstein gleich zu Beginn des Gesprächs klar. Zusammen mit Charles Levine sitzt er im wunderbar vertäfelten Konferenzraum des Berliner Hotels Michelberger, im Duo sind die beiden als Soul Clap, mit Tanner Ross und Sergio Santos als SECT bekannt. Obwohl erst seit kurzer Zeit einem größeren Publikum geläufig, sind sie durchaus alte Hasen: „Wir sind seit fast 15 Jahren DJs.“ Das allerdings klingt zunächst glamouröser, als es ist.

Boston ist für das MIT und für Harvard auf der anderen Flussseite in Cambridge bekannt. Musikalisch verbindet man mit der Hauptstadt von Massachusetts vielleicht noch die Pixies und Aerosmith, aber nicht unbedingt elektronische Musik. „Es gibt in Boston keine Szene, zumindest nicht mehr“, sagt Levine. „Es gab die Rave-Zeiten bis Mitte, Ende der Neunziger. Aber um dein Leben als DJ in Boston zu bestreiten, musst du alles spielen können.“ Hiphop auf Hiphop-Partys, Pop in „fürchterlichen Popclubs“, Reggae auf Reggae-Veranstaltungen, alles säuberlich voneinander getrennt. „Wir haben uns dem gefügt, schließlich mussten wir unsere Brötchen verdienen. Wir dachten, so ist das halt“, sagt Goldstein.

Dabei hatten sie in ihrer musikalischen Früherziehung ein ganz anderes Verständnis von Musik mitbekommen. Als Endzwanziger, die früh angefangen haben, sich für Musik zu begeistern, sind sie gerade an der Schwelle zu den ersten digital natives geboren. Sprich: Ihr Archiv, ihre Bibliothek war zunächst nicht das Internet. „Unsere Schule war Vinyl Connection, der beste Plattenladen der Stadt“, erklärt Goldstein. „Dort haben wir alles über Disco, Funk und die Ursprünge von House gelernt“, fügt Levine an. „Eli kommt vom Jazz, ich komme vom Funk. Dort merkten wir, dass House Music mehr bedeutet, als nur einen bestimmten Sound zu spielen. House wears many hats.“

Bis sie aber ihre Vorstellung von Tanzmusik ausleben können, gehen noch einige Bookings in den Unterwäscheabteilungen der heimischen Shopping Mall ins Land. Auch für „Hochzeiten, Wet-T-Shirt-Partys und allen möglichen Unsinn“ lassen sie sich über eine Promotionfirma buchen. „Irgendwann haben wir unsere Anteile an unseren dritten Mann abgegeben“, sagt Levine, „das führte zu nichts, wir wurden als Pop-DJs gebucht, wollten aber Underground-Dance-Music-DJs sein.“ Die beiden brechen mit ihrer Laufbahn und fokussieren nur noch auf Gigs bei PR-Events tagsüber. So können sie nachts wenigstens eigene Sachen produzieren.

Whacke Ente

In dieser Zeit entstehen zwei Arten von Produktionen: Techhouse-Tracks und Edits von Soul-, R’n’B- und Popstücken. Erstere landen als „The Giraffe“ und „Die Ente“ bei Airdrop Records und verschaffen ihnen erste Aufmerksamkeit, kommen aber bei ihrem künftigen Mentor Gadi Mizrahi gar nicht gut an. „Er hat uns klar zu verstehen gegeben, dass er diese Sachen whack fand“, sagt Goldstein. „Er meinte lapidar: ‚Das wird nie auf meinem Label erscheinen.“ Es sind ihre Edits, unter anderem von Womack & Womack (eigens angefertigt, um in den Mall-Sets zwischen Todd Terje und Mark E etwas mehr Pop einzuflechten), die den Labelchef von Wolf+Lamb aufhorchen lassen. „Das war für diese New Yorker Underground- und Burning-Man-Szene plötzlich reizvoll. Damit haben wir die Brücke zu ihrem housiger werdenden Sound schlagen können.“

Eine gemeinsame Jamsession mit Zev Eisenberg (der anderen Hälfte von Wolf+Lamb), Lee Curtiss und Seth Troxler im New Yorker Marcy Hotel markiert schließlich den Heureka-Moment für ihre Karriere: Die drei Freunde führen sie in Ableton Live als Produktions-Software ein. „Wir benutzten Ableton bereits für unsere Mixes, plötzlich sahen wir aber, was damit alles möglich ist“, sagt Goldstein. „Unser erster Gedanke war: Fuck, wir haben bis dato alles falsch gemacht!“ Zurück in Boston, entstehen so in knapp einer Woche rund zehn neue Tracks.
Die neuen Möglichkeiten verwischen die Grenzen zwischen Produzieren und Auflegen und ermöglichen es den beiden, all ihre Einflüsse in einen Topf zu werfen. „Wir lieben Sampling. Mit Live war es plötzlich so einfach, daraus etwas Eigenes entstehen zu lassen.“ Das führt sie nach eigenem Bekunden zurück zu den Wurzeln der Tanzmusik: zu einem einzigen, unglaublichen Loop. „Darum geht es doch, oder?“, fragt Levine. „Das Break im Hiphop, die simple Acid-Hookline der 303. One take, let’s go!“ Goldstein ergänzt: „Vielleicht ist es ja so, dass wir neue Technologien benutzen, um wie in alten Zeiten zu spielen, ein verloren gegangenes Gefühl wieder zum Leben erwecken zu können. Jeder Sound darf gespielt werden.“

Hallo? Techno?

Ihre frisch erworbenen skills und ihre Bande nach New York öffnen den beiden international die Türen. Bis vor einem halben Jahr lebten sie jedoch in Boston. „Wir haben uns gegenseitig versprochen: Wir bleiben so lange hier, bis wir endlich genug Presse haben und lesen können: Boston! In Boston passiert was!“, erklärt Levine lachend.

 


Stream: Soul ClapExtravaganza

Nächste Ausfahrt: Berlin. Hier wohnen die beiden wahlweise in Neukölln oder auch mal für ein nicht enden wollendes Wochenende in der Bar25. Hier entsteht ihre temporäre Homebase, die Wege zu Gigs im europäischen Ausland verkürzen sich. Hier lancieren sie mit „Extravaganza“ einen instant classic, veröffentlichen neben weiteren Edits für Wolf+Lamb ihre erste EP auf Crosstown Rebels, diverse Tracks auf Double Standard und unzählige Remixe, etwa auf Suol und Jonny Whites Label No.19 Music. Nach einer Reihe von Mixtapes und Podcasts (unbedingt zu empfehlen ist ihr EFUNK-Mix, vollgepackt mit G-Funk, R’n’B, eigenen Edits und Skits) erschien auf dem Label aus Toronto ihre erste offizielle Mix-CD Social Experiment 002. Damit nicht genug, dürfen sie sich wenig später in Kooperation mit Wolf+Lamb in die Liste jener eintragen, die um einen DJ-Kicks-Mix gebeten wurden. Ein Ritterschlag. „Das Timing, innerhalb so kurzer Zeit zwei Mix-CDs zu veröffentlichen, ist natürlich nicht gerade ideal. Aber so schlimm ist es dann auch nicht“, meint Goldstein. Zumal, wie er betont, die Mixe unterschiedliche Facetten beleuchten. Der Mix für No.19 Music kombiniere neue Musik aus dem erweiterten Umfeld mit Stücken aus dem Backkatalog des Labels und spiegele den Sound wider, den sie nachts im Club spielen würden. Die DJ-Kicks hingegen bestünde ausschließlich aus neuem Material aus dem Wolf+Lamb-Umfeld und ziele eher auf die Zeit nach dem Club, die After-Party zu Hause.

Apropos zu Hause: Das wird für die nächsten Monate das sonnige Miami sein. Zusammen mit Mizrahi, Eisenberg und Deniz Kurtel haben sie hier ein Haus bezogen, hier ist die Hälfte der DJ-Kicks-Tracks entstanden, hier wollen sie sich an das erste Album wagen und dazu beitragen, der jahrelang von Europa dominierten und brachliegenden elektronischen Musikszene in den USA neue Impulse zu geben. „Alles Elektronische war hier fast zehn Jahre lang verpönt, alles war ‚Techno’, ein schmutziges Wort“, erläutert Goldstein. „Aber jetzt wird es gerade spannend. Indie-Kids gehen zu Rave ab, House kommt zurück in die Clubs, und auf einmal ist Hiphop gleich David-Guetta-Trance! Hallo?“ Levine ergänzt: „Was der Hiphop-Mainstream macht und was wir machen, ist auf einmal viel näher beieinander. Das macht die ganze Angelegenheit spannend. Wir fühlen uns gerade zur rechten Zeit am rechten Ort.“

Das Album EFUNK erscheint am 20.04.2012 bei Wolf+Lamb.