MOTHERBOARD März/April 2012

Der Klang von Schiffshörnern ist ja durch die aktuellen Ereignisse etwas in Verruf geraten. Höchste Zeit für eine Ehrenrettung: Peter Prautzschs Schwere See (Neo Ouija) unternimmt sie und beschreibt mit suggestiver orchestraler Musik die launische maritime Natur. Dabei werden alle Register gezogen: Oh Graus – der Blanke Hans! Furchtbare Wellen türmen sich und klatschen ans Ufer, Leuchttürme blinken durch die Nacht, und lähmend grüßt der glatte Meeresspiegel. Die Szenerie kann aber auch ganz zauberhaft sein (“Auf Grund”). Mit an Bord der schlingernd-stolzen MS Prautzsch: Sasu Ripatti (Percussion), Marc Weiser (Schlagwerk), Masayoshi Fujita (Vibrafon) und Friso Van Daalen (Gitarre). Existentielle Verlorenheit findet sich auch in Mark van Hoens The Revenant Diary (Editions Mego): ramponierte Electronica, seltsame Choräle, Rückwärtsschleifen, geheimnisvolle Field-Recordings und mehr. Auf dem neuen Album findet sich weniger Pop als zuletzt, dafür dunkle Psychedelik, die es in sich hat. Ganz klar: Das Seefeel-Gründungsmitglied erlebt einen zweiten kreativen Frühling.

Wie eine wiederentdeckte Kassette aus den frühen Achtzigern wirkt Whisper Not/The Wrong Holiday (Forced Nostalgia), das fast dreißig Jahre nach Entstehung der Musik ins Leben gerufene Split-Release von Vazz und La Bambola Del Dr Caligari. Exklusiv auf Vinyl treffen sich zwei Bands, die wohl unbekannterweise – da in Glasgow beziehungsweise Bologna tätig – mit fast identischem Konzept unterwegs waren: rasanter, quasi bassloser Drumcomputer, Walking-E-Bass samt engagiert-ätherischem Gesang in Echokammern. “Doom & Gloom” nannte man das, später wurde Darkwave daraus. Tape-Rauschen als Etikett für Kult und gut abgehangene Wertigkeit begleitet einen weiteren Schatz aus dieser Epoche: Flux (Spectrum Spools) von Robert Turman aus dem Jahr 1981. Direkt von Kassette gemastert, erklingt hier das Kontrastprogramm zum experimentellen Noise, in den Turman als Mitglied von Non (mit Boyd Rice) und Z.O. Voider verstrickt war. Flux ist sehr minimalistisch angelegt (Kalimba, Klavier, sporadische Tape-Loops) und eine introspektive Reise, die vom ersten Ton an etwas mysteriös Aufgeräumtes hat.

Weiter geht es mit J.R. Planktons Neon (Karaoke Kalk/Indigo), einer grandiosen Kraut-/Kraftwerk-/Disco-Interpretation. Mit einer Handvoll Riffs und kleinen Verschiebungen entwickeln Jens Strüver und Robert Ohm einen mächtigen Drive und haben mit “Musique Electronique” und “Sundance” zwei Hits mit deutlichen Referenzen an Düsseldorfs Fab Four und Super Discount im Gepäck. Fast noch besser sind die beiden Zehnminüter “Nakamura” und “Regen”, in denen Ambient aus spacigen Synthesizern graduell zu pulsierender Materie wird. Dürre Worte, kurzer Sinn: Neon ist die Bombe.

Das beste Alter Ego hat allerdings immer noch Jeff Pils – und viele Jahre nach der Dönerlounge, die „Alpharaver“ Oliver Kiesow als DJ musikalisch mitprägte, erscheint jetzt mit Useless (Digital Gadget) das Debütalbum. Pils macht alles, was bei Bogger, dem zweiten Soloprojekt, ausgeklammert wird: in Melodien schwelgen (“Lullaby”), Tribute an Autechres Tri Repetae verteilen (“Part 71”) und den Tracker von der Leine lassen – “Syncoreal”. Hier schallt das Beste von Dubstep, IDM und Gabber zeitgleich aus den Boxen – beziehungsweise wütet darin.

In einem anderen Spannungsfeld – Minimal, Jazz, Clicks & Cuts – bewegt sich Thomas Bachners Debütalbum Human Too (Playtracks). Zehn abwechslungsreiche Tracks voller Wohlklang, die ohne Seichtheit funktionieren. Gerne wird zugunsten sperriger Details innegehalten und nach ganz eigenen Grooves geforscht. Wonders (Erased Tapes/Indigo) von Oliveray (alias Peter Broderick & Nils Frahm) ist eine schlichte Kombination aus Folk und multi-instrumenteller Kammermusik. Hier haben sich zwei Musiker wirklich gefunden, und der Raum spielt mit: Jeder Schritt, jedes Schräubchen ist zu hören. Und was ist mit Ólafur ArnaldsHollywood-Soundtrack-Debüt Another Happy Day (Erased Tapes)? Dazu lässt sich kaum etwas sagen: Da bin ich echt ergriffen und will gar nicht mehr ins Kino.

 


Stream: Rdio-PlaylistMotherboard März/April 2012