GRIMES Visions (4AD)

Pluckernde IDM-Beats, ein Springbrunnen hyperfarbener Melodiebögen, tiefste Bässe aus dem Alternativ-Universum, Bling-Bling-freier Leftfield-R&B und dazu ätherischer Gesang, der sich wie ein feiner Opiumschleier zwischen all diese Elemente legt. Mit ihrer vierten Veröffentlichung in weniger als zwei Jahren zeigt die Kanadierin Grimes, dass sie scheinbar ein nie versiegendes Füllhorn an Ideen zuhause versteckt. Auf 4AD, der einstigen Heimat von Bands wie Dead Can Dance, Cocteau Twins oder auch Pixies, ist sie damit wohl genau richtig gelandet.

Claire Boucher, wie Grimes’ bürgerlicher Name lautet, gründete ihre Band (deren einziges Mitglied freilich sie allein ist) als Hybrid von Performace- und Musik-Projekt nach ihrem Umzug von Vancouver nach Montreal, wo sie auch in der umtriebigen alternativen Kunstszene aktiv ist – unter anderem stammt etwa das Cover zu Visions von ihr selbst. Diese Kunstszene, geprägt von einem starken DIY-Ethos, von einer Melange aus Punkästhetik und Popzitaten, hatte denn wohl auch einen großen Einfluss auf den artifiziellen Plastik-Psychedelik-Charakter ihrer Musik – sie selbst nennt ihren Stil „Post-Internet“.

Zahlreiche Liveshows mit starkem Performance-Charakter, einer Mischung aus Gesang, Tanz, Videokunst-Performance, und die in Eigenregie veröffentlichte Kassette Geidi Primes führten schließlich zu ihrem ersten Langspieler Halfaxa auf Arbutus Records und einem Engagement als Vorband auf Lykke Lis Nordamerika-Tour im Jahr 2011. Nach einer Split-Maxi mit dem nicht weniger begabten D’eon, welche den Mini-Hit „Vanessa“ barg, nun der Deal mit 4AD und Visions.

Das Album, ihr bisher wohl reifstes Werk, sprüht nur so vor Einfällen und Überraschungen, verdichtet Einflüsse von Gothic und Wave mit moderner abseitiger Tanzmusik à la Aphex Twin, Indie, Trance und Gott-weiß-was-noch. Das mag wie ein wildes, gar wahlloses Potpourri klingen, eine angestrengte, kalkulierte Mischung. Doch Grimes gelingt es, all diese Einflüsse, Verweise und Zitate unter ihrem artifiziell-kunstvollem Schleier auraler Mystik zu vereinen und in höchst futuristische Designer-Popmusik zu verwandeln, ohne dabei auch nur einmal in schmutzige Achtziger-Retro-Untiefen abzudriften. Das Stichwort Post-Internet, bezogen auf den schier unendlichen Referenzraum, der sich durch World Wide Web und Online-Vernetzung auftut, ist in diesem Sinn durchaus zutreffend. Langweilig wird es hier auf jeden Fall nicht. Wenn Björk Bubblegum-Pop machen würde anstatt anstrengender Möchtegern-Hochkultur, dann würde sie vermutlich wie Grimes klingen. Musik zwischen allen Stühlen, die sich nirgends niederlassen möchte und genau dadurch ihr ganz eigenes Klang-Universum schafft. 21st Century Pop direkt aus dem DIY-Cyberspace. Großartig.

 


Stream: GrimesVanessa