VISIONQUEST Die Jungsbande im Partykeller (Teil drei)

Text: Todd L. Burns, Fotos: Michael Mann
Erstmals erschienen in GROOVE 131 (Juli/August 2011)

Teil eins | Teil zwei | Teil drei

Um ans Ziel zu gelangen, werden sie vermutlich viel Musik brauchen. Etwas, das ironischerweise für Visionquest selbst Mangelware ist. Die vier gemeinsam haben tatsächlich noch kein einziges Originalstück veröffentlicht. Ihre gesamte Diskografie besteht aus Remixen. Stücke von Kiki, Tracey Thorn und Dinky haben sie schon überarbeitet. Die Reaktionen auf diese Remixe waren enthusiastisch, vor allem auf den Kiki-Remix, der zu einem Schlüsseltrack auf Dixons Temporary Secretary-Mix von 2009 wurde. Aber bis jetzt gab es noch keine eigenen Stücke, trotz Gerüchten um ein Album. Worauf man sich aber noch nicht freuen sollte. Trotz ihres vollen Tourkalenders sind Visionqest nämlich überzeugte Auf-die-lange-Bank-Schieber. Reeves erzählt lachend: „Wir haben neulich einen Mix für Transitions (John Digweeds Radiosendung beim britischen Radionsender Kiss 100, Anm. d. R.) eingereicht, kurz bevor er gespielt werden sollte. die waren schon im Studio und haben auf uns gewartet.“

Aber alle vier sind mit Engagement dabei. So haben sie jeder irgendwo an ihrem Körper ein Visionquest-Tattoo. Troxler erinnert sich: „Als Shaun uns das Foto mailte, fragt er: ‚Wer ist als nächstes dran?‘“ Nicht nur das zeigt, wie ernst es ihnen mit dem Projekt Visionquest ist. Wer daran zweifelt, sollte nur daran denken, was das Label mit drei kleinen Veröffentlichungen erreicht hat. In einer Zeit, in der Labels Kosten senken wollen, indem sie nur digital veröffentlichen, stehen Visionquest-Releases für Zeit, Geld und Sorgfalt. Jede Vinylveröffentlichung kommt mit speziellen Extrabeilagen wie Postern – „Kunst um der Kunst willen!“, erklärte Troxler in einem Interview Anfang des Jahres. Und die ägyptisch beeinflusste Symbolik verleiht dem Label eine kohärente, aber mysteriöse Aura, ähnlich wie Perlon sie zu Beginn pflegte. Visionquest hatten mit Benoit & Sergios „Walk & Talk“ auch schon ihren ersten echten Hit. Ein Lied, das zu einem großen Teil von seinem eingängigen Refrain beflügelt wurde: „My baby does K all day/she doesn’t wash her hair, she doesn’t wash her clothes / When i come home, she doesn’t even say hello.“ Für Clubgeher ein Mitsing-Hit, wo immer sie hingehen – auch wenn sie nicht immer die Pointe zu verstehen scheinen.

„Das ist wie Green Velvets ‚La La Land‘“, sagt Troxler: „Es glorifiziert nicht den Drogenkonsum. Wieso sollte man den ganzen Tag mit seiner Liebsten rumhängen, K einwerfen und nicht duschen?“
„Viele große Lieder nehmen Bezug auf Drogen“, erklärt Reeves.
„Ich dachte, die Leute würden sich den Text anhören und die Ironie verstehen, den düsteren Tonfall in den Worten“, sagt Curtiss.
„Wir haben sogar versucht, ein Video dazu zu machen“, führt Troxler fort.
„Noch ein Thema fürs Buch, denke ich“, fällt ihm Curtiss ins Wort.


Stream: Benoit & SergioWalk And Talk

Es war eine bewusste Entscheidung, in den Anfangstagen kein eigenes Material auf dem Label Visionquest zu veröffentlichen. In dem Versuch, die vielen verschiedenen Sounds zu präsentieren, die die Betreiber unterstützen wollen, kommen die zwei Originaltracks auf dem zweiten Release kaum über 100 BPM hinaus. Die Macher arbeiten auch mit einem mexikanischen Folksänger zusammen. „Die Benoit-&-Sergio-Platte liegt so ziemlich in der Mitte von dem, was wir tun wollen“, erklärt Crosson (im Bild links, d. Red.): „Als wir erstmals Demos bekamen, war da eigentlich nichts dabei, das uns gefiel. Jeder leitete sich das, was Visionquest in ihren oder seinen Augen sein sollte, von Benoit & Sergio ab. Ich glaube, man wird nicht wirklich verstehen, worum es uns geht, bis wir acht oder neun Sachen veröffentlich haben.“ Und dennoch fällt es dem Quartett schwer, genau zu definieren, wonach es sucht. Es ist so ein Du-weißt-es-sobald-du-es-hörst-Ding. „Aktuelle Dancemusic mit ein bisschen Underground-Pop“, ist die Erklärung, an der sich Troxler versucht. Und dann steht da dieses Album von Ryan Crosson und Cesar Merveille an, das aktuelle Tanzmusik ist.

„Das ist kein klassischer House oder klassischer Techno“, sagt Troxler.
„Es ist einfach … ich weiß nicht, was zum Teufel das ist. Weißt du, was ich meine? Ich will einfach, dass die Leute fragen: ‚Was ist das denn?‘ Kennst du die Young Marble Giants? Ihr Debütalbum Colossal Youth? Was für ein großartiger Albumtitel. Und kein einziger Song hatte eine Bassdrum! Wir würden liebend gern solche Sachen auf dem Label veröffentlichen.“
„Das wär’ so geil“, stimmt Crosson zu.
„Wir machen gerade dieses coole Projekt mit diesem Mädchen, das ich beim Burning-Man-Festival kennengelernt habe“, fährt Troxler fort: „Banana Lazuli. Lee nennt es ‚Live-Rollenspiel-Folk‘.“
Alle lachen.
„Das wird ein Doppelvinyl mit Remixen von ein paar Leuten, inklusive einer CD mit ihrer Musik und einem Bilderbuch für Kinder.“

Wenn das teuer klingt, dann ist es das vermutlich auch. Aber wie Troxler mich erinnert: „Wir haben vier leute, die das Label betreiben, also ist es etwas einfacher.“ Und der Zweck heiligt die Mittel. „Nach all den Jahren, in denen man seine eigenen Ideen hatte, wie die Dinge laufen sollten …“, hebt Crosson an, um dann zu schließen. „Wenn man mir sagen würde, dass ich jeden Monat etwas Verlust machen werde, aber dafür ein Label genau so betreiben kann, wie ich es will – ich würde es jedes Mal tun.“

Die Compilation-12-Inch „Club Collection Spring Summer 2011“ ist bei Visionquest, die Mix-CD Watergate 08 von Lee Curtiss ist bei Watergate Records erschienen.