GENERATION VINYL Pearson Sound, Joy Orbison und Floating Points (Teil zwei)

Text: Daniel Fersch, Foto: Will Bankhead
Erstmals erschienen in GROOVE 129 (März/April 2011)

Teil eins (Pearson Sound) | Teil zwei | Teil drei (Joy Orbison) | Teil vier (Interview: Floating Points)

VÖLLIG EINGETAUCHT

Es ist auf Anhieb etwas verwirrend, solche ernsthaften Vorträge aus dem Munde eines 22-Jährigen zu hören, der so aussieht, als ob er – wie er es tatsächlich vor einem halben Jahr noch tat – einen großen Teil seiner Zeit in Hörsälen und Seminarräumen verbringen würde. Zum Interview in einem Café im Berliner Stadtteil Neukölln erscheint David Kennedy Ende Januar, einen Tag vor einem Auftritt in einem der Clubs der Hauptstadt, in ausgetretenen Turnschuhen und einem Sweatshirt, das schon einmal bessere Tage gesehen hat, die halblang geschnittenen Haare fallen ihm immer wieder in Strähnen in die Stirn. Im Gespräch bleibt er zurückhaltend und kontrolliert. Immer wieder betont er, dass ihm sein Image absolut unwichtig sei. Was zähle, sei die Musik. Wenn er von seinem musikalischen Werdegang erzählt, wird langsam deutlicher, woher seine obsessive Begeisterung für Vinyl und die klassische DJ-Kultur stammt.

Kennedy ist in London aufgewachsen und als eines seiner prägendsten musikalischen Erlebnisse beschreibt er die Entdeckung von Dubstep vor etwa fünf Jahren. Die stark von der Londoner Soundsystem-Kultur geprägte Szene, in der Vinyl-Dubplates noch immer eine Rolle spielen und Anlagen mit mannshohen Bassboxen als Voraussetzung für die korrekte, druckvolle Wiedergabe der Musik gelten, zog den damaligen Teenager in ihren Bann. Kennedy, der bereits zuvor angefangen hatte, auf 100-Pfund-Plattenspielern zu üben, stürzte sich kopfüber in die Dubstep-Community, kaufte Platten, nahm Mixe auf und begann, eigene Stücke zu produzieren. Als er 18 Jahre alt war, erschien seine erste Vinylveröffentlichung, und als er ein Jahr später zum Studium nach Leeds zog, schloss er sich mit zwei Freunden, die er auf Dubstep-Partys kennengelernt hatte, zusammen und gründete mit Hessle Audio ein eigenes Label. „Ich bin völlig in die Szene eingetaucht“, sagt Kennedy. „Zwei Jahre lang habe ich nur Dubstep-Platten gekauft, bin nur auf Dubstep-Partys gegangen und habe nur Tracks im Dubstep-Tempo gemacht.“ Seine ersten eigenen Stücke bezeichnet er rückblickend als „nicht besonders originell“. „Ich habe am Anfang mehr oder weniger das imitiert, was ich gehört habe, und war auf der Suche nach meinen eigenen Klang“, so Kennedy. „Erst nach und nach habe ich meinen eigenen Platz gefunden und mache inzwischen etwas, das anders und eigenständig klingt, wie ich hoffe.“

In der Folge weitete er seine stilistische Bandbreite aus und produzierte auch Drum’n’Bass, House und Dubtechno. Diese Vielseitigkeit ist wahrscheinlich ein Grund dafür, dass Kennedy 2010 gleich mit zwei Veröffentlichungen den Nerv der Zeit traf. Sowohl das vom Juke-House aus Chicago beeinflusste „Work Them“ (Swamp 81) als auch die bei Untolds Hemlock-Label erschienene Maxi-Single mit dem von einem mutierten Breakbeat angetriebenen Titel-Track „Glut“ und einer Minimal-Exkursion im Dustep-Tempo namens „Tempest“ auf der B-Seite schafften es auf zahlreiche Jahresbestenlisten der unterschiedlichsten Genrevertreter. Kennedy sieht diesen Erfolg als Ansporn dafür, weiter offen für Veränderungen zu bleiben. Als nächstes Projekt will er sich von seinem bekannteren Alias Ramadanman verabschieden und nur noch als Pearson Sound produzieren und auftreten. Denn den Namen Ramadanman habe er sich mit 17 Jahren zugelegt, ohne groß darüber nachzudenken. „Pearson Sound ist in mehrfacher Hinsicht der bessere Name“, sagt er. „Er ist weniger leicht zu merken und vor allem ernsthafter.“


Stream: Ramadanman – Glut/Tempest (Hemlock Recordings, 2010)

MIT LEUCHTENDEN AUGEN

Nach dem Ende des Interviews macht Kennedy auf dem Weg zur U-Bahnstation vor dem Schaufenster eines Händlers für gebrauchte Hifi-Geräte halt und bewundert mit leuchtenden Augen den dort ausgestellten High-End-Plattenspieler. Dann erzählt er von einem anderen Gerät, das er für sich entdeckt hat und das bei den Acetate-Partys zum Einsatz kommt: Ein Urei-1620-LE-Mischpult, wie es House-DJs in den achtziger Jahren verwendeten. „Ein sehr einfacher Mixer“, erklärt er, „die einzelnen Kanäle haben keine Fader und Equalizer, sondern nur Drehknöpfe für die Lautstärke. Es gibt noch einen externen Equalizer, mit dem sich die Frequenzbereiche des Ausgangssignals regeln lassen. Die eingebauten Vorverstärker sind sehr gut und sorgen dafür, dass das Vinyl fantastisch klingt. Es ist schwer zu beschreiben, aber wenn du damit auflegst, ist es fast so, es fast so, als würdest du ein Instrument spielen.“

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