Wild Angels

Mark Pritchard alias Harmonic 313 zieht mit seinem „?“ betitleten Intro jede Restrealität aus dem, was an Klangfiktionen folgen wird. Ein dissonanter Synthie-Akkord schält sich erst nach mehr als zwanzig Sekunden aus dem Nichts, um in eine lyrische Melodie hineinzugleiten. Überraschung! Denn „Mary und die wilden Engel“, so könnte auch der title einer neuen Jugendbuch-Serie im Kosmos-Verlag lauten. Wenn Mary Anne Hobbs das Publikum ihrer Show „Experimental Music“ auf BBC Radio 1 anspricht, so entsteht tatsächlich der Eindruck, die Moderatorin sei bei Michael Schanze in die Lehre gegangen. Über jeden neuen Tune freut sich Hobbs in einer jeden Mittwochnacht, als habe sie gerade das Universum entdeckt. Und damit nicht genug: Wenn sie erst einmal eine Produzentin wie etwa die Hotflush-Künstlerin Vaccine in ihrer Sendung spielt, dann bleibt sie diesen, „ihren“ Entdeckungen gegenüber auch künftig loyal.
So kommt es, dass rund um Mary Anne Hobbs längst ein Energiefeld pulsiert. Wer erst einmal von ihm berührt worden ist, gewinnt Superkräfte. Zum Beispiel Verträge bei angesehenen Labels wie Apple Pips oder gut bezahlte DJ-Buchungen im Londoner Dubstep-Club DMZ. title und Cover-Gestaltung von Wild Angels scheinen mit der Machtposition von Hobbs zu spielen. Ihre dritte Compilation nach Warrior Dubz (2006) und Evangeline (2008) zeigt die Moderatorin und DJ aus London als Wesen, das ans Licht tritt wie aus dem Schatten des Unbewussten heraus. Diese Bewegung spiegelt sich in Pritchards eröffnendem Track „?“, Hinterlässt er doch den Eindruck heiligen Ernstes und weckt so die Erinnerung daran, dass Hobbs in ihrem Radio-Special „West Coast Rocks“, das vom Sound von Flying Lotus und anderen berichtete, das Harfen- und Klavierspiel der verstorbenen Alice Coltrane als „Wilde Engel“ bezeichnete. Der Boden ist bereitet.
Nach der Eröffnung legt Hobbs nun nicht allmählich los, sondern lässt auf die Lyrik Pritchards die wilden Partyhasen folgen: Die Synthesizer von Hudson Mohawke, Mike Slott oder Gemmy lassen gelackte Leuchtfarben prasseln. Mit „Discipline“ von Untold zieht wieder die Dunkelheit ein, und die finsteren Hände von Paul White und Architeq tragen sie weiter. Erst mit Rusties Digi-Fuge „Zig-Zag“ kehrt der Rave zurück, der sich über vier, fünf Stücke am Leben erhält, bis Sunken Foal etwas Wunderbares einleitet: Der Schlussteil der Wild Angels nimmt die Seriosität und Klangforschung des Beginns wieder auf. Auch seine Protagonisten Teebs, Legion Of Two und besonders Nosaj Thing belegen die These, nach der Mary Anne Hobbs an einem besonders dicken Knotenpunkt in den Kommunikationsschleifen der elektronischen Musik jenseits der geraden Bassdrum sitzen muss. Anders gelänge ihr das nicht, so etwas wie Wild Angels.