We Are Monster

Wie mag sich Rajko Müller wohl gefühlt haben in den vergangenen sechseinhalb Jahren, seit „Beau Mot Plage“ erschienen ist, dieser Zwitter aus Steeldrums und Acpop, Samba und Techno, diese Übersingle, die Playhouse an Spiritual Life, Classic sowie haufenweise Compilations auf der ganzen Welt lizenzierte und die von Sven Väth bis Louie Vega nun wirklich jeder liebte? Wie mag sich Rajko Müller wohl gefühlt haben, seit vor knapp fünf Jahren sein Debütalbum „Rest“ erschienen ist, dieses Artefakt von einem anderen, besseren Planeten, das noch heute zu den besten House-Platten überhaupt zählt und auf dem „Beau Mot Plage“ zwar der Hit, keineswegs aber das einzig unglaubliche Stück war? Wie mag sich Rajko Müller wohl gefühlt haben mit diesen ganzen Erwartungen im Rücken und mit diesen Massen von glanzäugigen Fans vor sich? Eine erste Antwort gab kürzlich ein Live-Set von Rajko Müller in Berlin, wo er erst beherzt und straight einen Saal rockte und dann am Ende „Beau Mot Plage“ liebevoll zu kleinen Brocken zerbrach, um aus dessen Splittern etwas noch Glänzenderes, noch Zwingenderes zu erschaffen. Wie mag sich Rajko Müller also wohl gefühlt haben?
Die Antwort lautet: Rajko Müller hat in den vergangenen fünf Jahren anscheinend die Schönheit von Disco gefühlt und er hat darob alles Unwichtige erfolgreich verdrängt. Denn „We Are Monster“, Müllers zweite Platte als Isolée, ist eine Neodisco-Platte geworden. Keine gewöhnliche Discoplatte, natürlich nicht. Hier gibt es keine Kuhglocken zu hören, keine ziellosen Acpopdub-Effekte, keine unnötige, und damit seelenlose Effizienz. Nein, „We Are Monster“ ist, um einen alten Begriff mal wieder aufzugreifen, wahrer Discokubismus. Hier ist die Spiegelkugel nur am Anfang eines Tracks rund und makellos, schnell wuchern ihr Ecken und Kanten, sie wird zu einem Polyeder, der immer weiter ausfranst und oft genug kurz vor Schluss gänzlich zersplittert, um sich dann blitzschnell wieder zusammenzusetzen und weiter so zu swingen und bouncen und treiben, als wäre nichts gewesen. Das ist dieses spezielle Isolée-Zerbrechen und -Zerlegen einer Struktur, und Müller wendet dieses Verfahren nun auf Disco an, weil er diese Musik als eleganten, verheißungsvollen, wunderschön erleuchteten Weg entdeckt hat. Diese Platte mit ihren warmen Analogbässen, ihren Gesangsfetzen, ihren Störgeräuschen, ihren Gitarrenakkorden und ihrer ständigen Selbstdekonstruktion ist in all ihrer Erhabenheit, Verspieltheit und Liebe nicht nur ein ganz wunderbarer Nachfolger für „Rest“. Sie ist, und das sollte man nicht übersehen, auch dessen Weiterentwicklung. Wie mag sich Rajko Müller wohl jetzt fühlen, da die Welt all das endlich hören kann?