Tribute To The Sun

Luciano Nicolet ist einer der spannendsten Produzenten der Clubszene und zugleich einer der geheimnisvollsten. Seine Stücke sind weit davon entfernt, typische Housetracks zu sein. Er gehört zu den wenigen Musikern der Szene, die einen eigenen, autarken Stil entwickelt haben. Seine Nummern arbeiten mit kleinteiligen, schwebenden Grooves. Luciano liebt sehr künstliche, entrückte, feine Klänge. Obwohl er ununterbrochen produziert, veröffentlicht er vergleichsweise wenig. Kein Produzent hat mit so vielen anderen Musikern kollaboriert. Während seine eigenen Produktionen um einen abstrakten, digitalen Funk kreisen, beweist er in seinen zahllosen Remixen Talent im Umgang mit Songs und Melodien.
Die Erwartung an ein Opus Magnum erfüllt Luciano mit seinem Debütalbum auf Cadenza zwar nicht. Die neun Stücke schlagen keine grundsätzlich neue Richtung ein. Die Grooves decken das gesamte Spektrum ab, das wir von ihm kennen. Bei den meisten Tracks handelt es sich aber um Songs: mal ist es ein afrikanischer Stammesgesang, mal ein Kinderchor, mal ein spanisches Volkslied. Tribute To The Sun kreist um folkloristische, mehrstimmige Gesangsformen. Luciano setzt die Clubmusik mit Formen des außereuropäischen Musizierens in Beziehung, die Grooves und die Lieder fügen sich aber nie zu einer Ganzheit. Vielmehr bleiben die Tracks immer offen und kollagenartig. Dem Arrangement-Terror, der heute große Teile der Clubmusik bestimmt, verweigert sich Luciano äußerst entschieden. So ist nie ganz klar auszumachen, was genau ihn an der Folklore interessiert. Deutlich wird allerdings, dass es ihm um mehr als um eine elementare Offenheit und einen unspießigen Umgang mit dem Formenschatz der Clubmusik geht.
Tribute To The Sun strahlt eine gewisse Mystik aus, ein Moment des Spirituell-Esoterischen zieht sich durch das gesamte Album. Die Tracks wirken wie die Huldigung von etwas Größerem, Absoluterem als der indivpopuellen menschlichen Existenz. Es ist die Sakralmusik eines unbekannten Kults, einer unbekannten Religion. Die Grooves sind perfekte Tanzmusik, gleichzeitig zielen sie durch ihren ungreifbaren, entrückten Charakter auf einen Punkt jenseits von Körper und Rausch. Eine ähnliche Wirkung entsteht durch die Zusammenstellung der unterschiedlichsten folkloristischen Stile. Indem die verschiedenen Musiken zusammenkommen, besingt jedes einzelne Lied mehr als das, worum es in dem jeweiligen content:encoded, in dem jeweiligen kulturellen Zusammenhang geht. Religiöse, kultische Musik gibt sich meist eine Blöße, weil sie es wagt, ein Bild des Göttlichen zu erzeugen. Bei Luciano liegt der absolute, universale Sinn allein in der Bedingungslosigkeit der Grooves und in der fragmentarischen Form seiner Tracks. Ebenso wie das Geheimnis seines Kults gewahrt wird, bleibt Luciano für uns geheimnisvoll.

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