This Is Embracing

„Runbox Weather“ war eine Meldung. Eine wundersame Platte, die ein bisschen so klang, als würde Prefuse 73 jetzt R’n’B produzieren und dabei Codein trinken statt Joints zu rauchen. Sie war so gut, dass sogar Sonar Kollektiv dafür von ihrer strengen Linie abwichen und diese futuristischen Eine-langsame-Matrix-ist-möglich-Beats gleich selbst veröffentlichten, nachdem ihnen der Schweizer Dimitri Grimm sein Demo zugesandt hatte.
Die gute Nachricht lautet jetzt, dass Dimlite für „This Is Embracing“ schon wieder alles so hingekriegt hat. Er hat gerade nicht zwanghaft nach Veränderungen gesucht, vielmehr: die so präzise ausgearbeiteten Sounds, Beats und vor allem ja auch Spannungsbögen noch feiner, noch weiter und bunter gemacht. Die Platte zelebriert ein elektrifiziertes Grundsummen, und da hinein werden mal perkussive Banger, mal elegant flowende Schläge reinoperiert.
Es beginnt mit einer klassischen Ouvertüre, in der alle Motive, Brüche, Klangfarben eingeführt werden. Dann beginnt auch schon das Kontinuum aus großen Tracks und fitzeligen Interludes: „Lullaby For Gastric Ulcer“ scheppert mit Kontrabass, Streichern und eierndem Rauschen wie ein kaum noch funktionierender Fahrstuhl. Ziel ist das nächste Wurmloch oder vielleicht doch nur der Himmel: Gleich darauf deutet sich wie in so manchen Passagen die Tradition des spirituellen Jazz kurz mal eben an. Denn das „Outernational Duet“ lebt von der Sternenreisen-Stimme der Gaby Hernandez, die ansonsten bei Build An Ark und dem Life Force Trio mit dabei ist. Da hat Dimitri Grimm also eine Brücke zur L.A.-Posse rund um Ammon Contact gebaut, was angesichts der ästhetischen Gemeinsamkeiten wohl nur eine Frage der Zeit war. Er reizt diesen Bund aber nicht aus. Statt dessen gibt es auf „This Is Embracing“ bloß eine weitere Kollabo. Gemeinsam mit MC Buddy Leezle der mir zuvor völlig unbekannten Rapcrew 215: The Freshest Kpops hat Dimlite „Sophisticated Youthpower“ hingekriegt, einen kirre machenden Mix aus Sport, Halluzination und Schönheit. Ein Viereinhalb-Minuten-Track, der je nach Umgebung und Fremdsubstanzen wirken kann wie eine komplette Mix-Compilation, aus dem sich aber auch eine Passage für’s Rap-Set ziehen lässt. Überhaupt beeindruckt Dimlite damit, seine Stücke brutal vollzuhauen mit Sounds, sie dabei aber immer in lässigem Fluss zu halten. „Occassionally Touching Earth“ halt, wie ein komplexes Beat-Monster zu Recht heißt. Gegen Ende des Albums switcht sich Dimlite schließlich noch durch diverse Sonnen-Auf- und Untergänge, indem er in Eleganz ein Glitchkontinuum konstruiert. Es besteht aus diversen Chor- und Bläser-Samples und heißt „Count Your Sunrises“. Machen wir und nehmen die Instrumentals von Georgia Anne Muldrow und Nobody und Dabrye und Jay Dee und Alice Coltrane dazu und… Regenbogen, echt.

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