Songs For The Gentle

Ricardo Villalobos, Troy Pierce oder Pan-Pot produzieren so inhaltsreiche und erzählerische Tracks, dass man die Stücke erleben kann wie eine Reise. Diese Reise ist keine ravige Abfahrt, sie ist eher introspektiv, ins Innere gerichtet und kann ziemlich strange, düstere, bedrohliche Momente haben. Diesen Musikstil nehmen My My aus Berlin auf ihrem Debütalbum „Songs For The Gentle“ auf, entwickeln aber eine positive, sonnige, verspielte Version davon.
My My sind die DJs Carsten Kleemann und Nick Höppner und der Produzent Lee Jones. Die Tracks auf dem Album wurden aber fast ausschließlich von letzteren hergestellt. Es ist natürlich überraschend, dass die Produktionen eines Trios von einem der drei Musiker stammen. Dabei ist der Einfluss der DJs nicht zu unterschätzen: Ohne den ständigen Input von Höppner und Kleemann hätte Jones möglicherweise nie eine so spezifische Perspektive auf die Afterhour-Szene und deren Musikverständnis entwickeln können. Der Erfolg des Produzenten ist nicht vom dem der bepopen DJs zu trennen.
Lee Jones hat als Hefner zwischen 1997 und 2002 eine Serie von Platten produziert, deren souverän inszenierter Stilmix zwischen Funk, Soul, Reggae, Pop und elektronischer Musik besonders von Nu-Jazz-Fans geschätzt wurde. Immer wieder überraschte er durch seine souveränen Kompositionen und den geschmackssicheren Einsatz akustischer Instrumente. Der Umzug nach Berlin und das Zusammentreffen mit Kleemann und Höppner bewirkte eine musikalische Neuorientierung.
In seiner formvollendeten und supereleganten Produktion erinnert „Songs For The Gentle“ an Tracks von Alex Smoke, das an Soul und Jazz geschulte musikalische Schönheitspopeal an Produktionen von Henrik Schwarz. Die Stücke sind harmonisch ausproduzierter als die Afterhour-Tracks etwa aus dem Tuning Spork- oder Perlon-Umfeld. Es bleibt eine offene, spielerische Musik, trotzdem klingt sie niemals chaotisch oder verloren. Jones bewahrt immer eine gewisse Kompaktheit: keiner der Tracks ist länger als sechs Minuten. Deutlich spürt man Jones’ Erfahrungen mit Klassischer Musik und Jazz: Wo andere mit Sounds und Melodien experimentieren, komponiert er. Die Überraschung liegt in der Fusion der Vielfältigkeit des aktuellen Afterhour-Sounds mit Jones’ souveränem stilistischen Eklektizismus.
Manchmal erinnern die Tracks auch an geschmackvollen britischen House. Dessen Gediegenheit wird aber immer gebrochen, entweder durch minimale Abstraktion oder durch spielerische Trippigkeit. Er mache filmische Musik, erklärte Lee einmal: „Es sind diese träumerischen, aber nicht irrealen Stimmungen, die mich interessieren.“, erzählte er. In Maja Classens Dokumentarfilm „Feiern“ schildert Jones den Blick aus der Bar25 auf die verregnete Spree: Solche Momente materialisieren sich in den „Songs For The Gentle“. Alexis Waltz