presents Choice – A Collection Of Classics

Mit US-amerikanischen DJs und Produzenten der späten Achtziger und frühen Neunziger hat man in den letzten zehn Jahren seine liebe Not. Entweder ruhen sich die Jungs auf ihren Lorbeeren auf oder versuchen sich gegenseitig im Beschmutzen ihrer ehemals weißen Westen zu übertreffen. Superclubs, Ibiza, der Filter und die Folgen. Eine Rehabilitationsmöglichkeit wurde vor einiger Zeit vom „kleinen“ Defected Bruder Azuli geschaffen. „Legenden“ resümieren ihre ganz persönlichen Klassiker im Rahmen der Choice-Serie. Bereits lädierte Charaktere wie Tony Humphries oder Frankie Knuckles lieferten so tolle Beiträge zu ihrer glorreichen Vergangenheit ab. Da die meisten Schwergewichte mittlerweile abgehakt wurden, darf jetzt Roger Sanchez alias S-Man ran. Der hat sich in den letzten Jahren nun wirklich nicht mir Ruhm bekleckert, sondern Musik produziert und protegiert, die auf diesen Seiten keine Relevanz hat und selbst Tom Novy die Schamesröte in Gesicht trieb. Zu gute halten kann man dem Mann mit Bärtchen und Kangol-Kappe, dass er in seiner frühen Periode vor allem für Strictly Rhythm Meilensteine aus Granit meißelte. DV8, Egotrip oder Underground Solution waren die Capes, die der New Yorker damals trug und die ein ganz eigenes, unverkennbares Sounddesign hatten. Platten wie „Luv Dancing“ definierten mit ihren warmen Bässen und der kindlich verspielten Funkyness überhaupt erst Begriffe wie Deep House.
Traurig und löblich zugleich, dass Rogers persönliche Klassiker ohne die eigenen Großtaten auskommen. Die aufwendige Doppel-CD enthält zwar einige seiner Re-Edits, aber eben keine einzige Produktion. Stattdessen gibt es auf der ersten CD einen Schnellkurs in Sachen Tanzmusik im Postbezirk New York. Loft-Klassiker von Fela Kuti werden von B-Boy-Standards wie Babe Ruth und HipHop-Sample-Quellen wie der Lafayette Afro Rock Band verfolgt, bevor es endgültig um Electro- und Garage-Hits geht. Alles sehr sanft, gemächlich und mit dem richtigen Blick für Details zusammengefügt. Die Platitüde, dass Zuhören Spaß macht, ist sogar ernst gemeint.
Der zweite Teil führt Housemusik und den Zustand New Yorks in der Hochphase der Shelter, Zanzibar, Red Zone, Wild Pitch Ära vor. Den liebenswerten Proleten Todd Terry sucht man zwar vergebens, aber dafür wird der Chicago-Kanon (Mr. Fingers, Hercules, Lil Louis, Knuckles) mit Bravour abgehandelt. Steve Poindexter bedient seinen wahnsinnigen Computer, Bobby Konders predigt knietiefe und spirituelle Reggae-Psalmen, die Blunted Dummies wissen um die vereinigende Wirkung der ganzen Angelegenheit und wie könnte man einen Romanthony nicht lieben. Wer denkt, dass dies zu offensichtlich sei, hat zu viel Zeit hinter und zu wenig Zeit vor den Plattenspielern verbracht. Bleibt nur die Frage, wann, wo und wieso Roger vom Pfad der Tugend abkam?
Tipp: B-Beat Girls „For The Same Man“, Fingers Inc. „Bring Down The Walls“, Lafayette Afro Rock „Darkest Light“

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