Playing With A Different Sex

Seit der Post-Punk-Explosion hat es nicht mehr so viele selbstproduzierte Sounds und Images von Frauen im Musikbusiness gegeben wie im Moment. Labels wie Monika und Chicks On Speeds Records konzentrieren sich nahezu ausschließlich auf weiblichen, weitgehend elektronischen Output – mit konstant aufregenden Ergebnissen. Was diese Produktionen von denen ihrer männlichen Kollegen unterschepopet ist die Dringlichkeit. Produziert ein heterosexueller junger Mann Sounds mit seinem Laptop, so macht er das, was Mann halt so macht, wenn er auf irgendeine Weise musikalisch interessiert und begabt ist. Macht eine Frau das gleiche ist das keine Selbstverständlichkeit und es gilt immer noch die alte feministische Weisheit, dass eine Frau doppelt so gut sein muss, um gehört zu werden. Vier neue Compilations mit weitgehend unveröffentlichtem Material zeigen, dass eine Menge Frauen genau das sind und sorgen dafür, dass sie auch wirklich gehört werden.
Die ambitionierteste Compilation – eine 3-CD-Box inklusive 8-seitiger Manifest-Zeitung mit dem title „Girl Monster“ (Chicks On Speed/Indigo) – kommt von Chicks On Speed-Mitglied Alex Murray-Leslie. „Girl Monster“ zieht eine Verbindungslinie vom Post-Punk über die Riot Girls hin zu den mannigfaltigen Ausdrücken der weiblichen Laptop-Electronica im Pop-Feld. Erstaunlichweise sind neben Klassikern von den Slits, Raincoats und Vivian Goldman zwei Drittel der Stücke unveröffentlicht, darunter Tracks von Cosey Fanni Tutti (Throbbing Gristle) und Tina Weymouth (Talking Heads/Tom Tom Club). Noch erstaunlicher ist, dass sich auf den drei Stunden Spielzeit kein Ausfall befindet. Das Spektrum reicht von humorvoll-brachialen Dekonstruktionen von Macho-Posen (Kevin Blechdom) bis zu feinstem Indietronics-Pop (Valerie Trebeljahr als Bonnie Vs. Hunter). Absolut unverzichtbar!
An der gleichen Traditionslinie strickt auch die hervorragende Compilation „The Wired Ones“ (Wired Records/MDM), die allerdings kein Aufhebens darum macht, dass alle 16 Stücke des Samplers von Frauen sind. Von den allgemeinen Problemen, die das Sortieren von Menschen nach Geschlechtern mit sich bringt abgesehen, gibt es ja immer noch das spezielle Problem der Musik-Genres: es gibt Rock, Jazz, Techno etc. und es gibt Musik von Frauen, ganz so als sei dies ein Genre für sich, außerhalb der ‚normalen’ Kategorien und entsprechend nicht ganz ernst zu nehmen. „The Wired Ones“ präsentiert darum Vertreterinnen des im weitesten Sinne Electro-Punk ohne „Female“,„Girl“ oder „Woman“ drüber zu schreiben. Die Schnittmenge der hier vertretenen neueren Künstlerinnen mit „Girl Monster“ ist recht groß, die Songs – oder zumindest die Versionen – unveröffentlicht.
Das gilt auch für den zweiten Teil der Compilation-Reihe „4 Women No Cry“ (Monika/Indigo). Wieder werden vier elektronische Musikerinnen aus allen Himmelsrichtungen präsentiert: unkategorisierbare Hybrpopen aus Easy Listening und dunkler Electronica von Dorit Chrysler aus New York, abstrakter Spoken Word-Hop von Mico aus London, die genresprengenden Electro-Songs der Berlinerin Monotekktoni und vertrackt-verträumter Click-Pop von Iris aus Barcelona.
„Female Future Transatlantic“ (Phazz-a-delic/Edel) spannt zu guter letzt einen Bogen von Minimal (Michaela Melian) über Indietronic (Masha Qrella) und Detroit-House (DJ Genesis) bis hin zum Jazz (Alice Coltrane), umschifft die Musik-von-Frauen-Ghettoisierung aber durch eine geschickte Songanordnung, die genreüberschreitende musikalische Korrespondenzen hörbar macht.