Phusion

Also manchmal ist es so: Ein Jahr geht in die letzte Runde und wenn man schon mal ein kleines Fazit der musikalischen entwicklungen ziehen will, stellt man fest: soviel hat sich eigentlich nicht getan. 2006 ist so ein Jahr. Alles schön, alles gut – aber auch viel Langweiliges und tausendfach Gehörtes. Hier nun ein Blick in die Box mit Ausnahmen. Der Sound von Âme findet sich mittlerweile auch in vielen Produktionen wieder, doch die Originale sind es eben, die am meisten rocken. Nun wurde der Konsenshit „Rej“ vom japanischen Liveprojekt A Hundred Birds veredelt – und alle Arme nochmal nach oben! Ein weiterer Housemusic-Produzent, der immer wieder neue Standards durch seinen eigenen Sound setzt ist Karizma. Seine Mini LP „K“ hat mit „The Darn Thing“ einen mit Jazzpiano-Licks versetzten Monstertune drauf. Gute Gelegenheit, alle Karizma-Produktionen der letzten Jahre noch mal zu checken. Aus Schweden kommt SUMOs beste Nummer des Albums, „Lovebeat“ auf dem eigenen Heya HiFi-Label mit Remixen von genau diesem Karizma, im Dub, und den klasse Produzenten aus Polen, nämlich den Innocent Sorcerers. Die haben auch Koops „I See A Different You“ für Compost mit ein paar immer noch swingenden Broken Beats gestretcht und eine polnische Sängerin namens Novika geremixt – und wenn alles gut geht, wird auch endlich ihr uplifting Remix für Sistars „Inspirations“, ein vom Major Label verschmähtes Meisterwerk, bald auf Vinyl in den Läden stehen. Auf Japans Especial Recordings erscheint ein netter Broken Boogie-Tune von Opolopo namens „Life’s A Dance“ mit Amalia an den Vocals, die auch schon mit dem New Yorker Projekt 1Luv gearbeitet hat. Deren „…“ im Dixon Edit ist sehr schöner Soul im Housetempo.
Bleiben wir in Berlin, beim Sonarkollektiv. Irfan melden sich zurück mit „ListenTo The Drums“, wo mir die Vocals viel besser gefallen als beim offiziellen Release von „Just A Little Lovin’“ – toller Song, der im Jazzanova Remix garantiert schon mehrmals im 12. Stock am Alexanderplatz gelaufen ist. Die Headliner des Kollektivs schicken eine Sneak Preview ihres für 2007 geplanten zweiten Albums mit einer 7“ namens „The Sirens Call“, Thief an den Vocals, musikalisch definitiv pures Songwriting, sehr schön und die Erwartungen sehr hochschraubend. Slope wiederum blicken ein wenig zurück und nach vorne mit ihrer „Slope Is Dope“-Compilation diverser Mixes und Remixes. Auch Henrik Schwarz liefert wieder mittlerweile gewohnte Qualität bei seinem Mix von „Keepin’ It Up“. Übrigens hat der studierte Grafik-Designer auch eine der besten DJ-Kicks der Serie überhaupt zusammengestellt. Viel Funk und Soul treffen auf Detroit und African Chants. Wer ihn immer noch nicht mit dem sehr nach vorne gehenden, größtenteils improvisierten Laptop-Set gesehen und gehört hat, sollte dies nun schleunigst nachholen. Auch was für Livemusik-Puristen. Die gab’s immer bei den mittlerweile fast 20 Jahre zurückliegenden Sessions am Sonntag Nachmittag in einem Camdener Theater namens Dingwalls. Gilles Petersons Club vermochte Clubber verschiedenster Interessen zu vereinen. Raver, die das ganze als After Hour noch mitnahmen, die Hardcore-Jazztänzer, die HipHop Heads, Early Houser und eben Livemusiker. Einen schönen Querschnitt eines möglichen Sets gibts nun auf einer Doppel CD „Sunday Afternoon At Dingwalls“ auf Ether Records. Hört sich eigentlich so frisch an wie damals. Mehr neue Produktionen präsentiert der Radio-Supremo auf seinem wieder zum Leben erweckten Brownswood Recordings Label. „Brownswood Bubblers“ mit sehr soulfulen Tunes von größtenteils bisher unbekannten Namen, Avantgarde 44-Mann Orchester-Jazz im Sinne von 4 Hero mit dem Heritage Orchestra, schöne 3-Minuten Popsongs von Ben Westbeech oder puren Vocal Jazz aus Brooklyn von Jose James. Diverser geht’s eigentlich nicht. Wie auch beim Münchner Compost Label, die bringen Slow Motion Disco auf „Elaste Vol. 1“ als Verbeugung zur italienischen Cosmic Bewegung vor 25 Jahren, Koops zweites, tolles Album mit viel Yukimi Nagano an den Vocals, Kölns Karma mit ihrem folkigen Pop-Entwurf… dies alles vielleicht der Schlüssel zu einem spannenden 2007.