Out Of Knowhere

Was man in Europa als Detroit-Techno kennt, findet in den Underground Clubs der Stadt kaum noch statt. Nach dem Technoboom Anfang der Neunziger kehrte man wieder zum Electro-Sound aus der Zeit vor Techno zurück. Aus Electro entwickelte sich ein Stil, der Detroit Bass, Ghetto Bass, Techno Bass oder Booty Bass genannt wird. Zu den DJs dieser Musik gehören DJ Funk, DJ Assault oder DJ Di’jital, die Labels heißen Direct Beat oder Databass. DJ Bone ist der einzige DJ dieser sehr lokal ausgerichteten Szene, der den melodiebezogenen Detroit-Sound aufnimmt. Für Bone sind die Bass-Styles bloß Ausgangspunkt, um Detroit-Techno als Untergrundmusik neu zu erfinden – jenseits der internationalen Superstars von Derrick May bis Rolando. DJ Bone war immer Einzelgänger, in den Interview-Inserts auf seinem Debüt-Album „Out Of Nowhere“ berichtet er, wie die negative, ablehnende Haltung in der Musikerszene der Stadt ihn dazu gemacht habe. Underground Resistances Mike Banks habe ihn als einziger unterstützt.
Bone ist seit Anfang der Neunzigerjahre DJ, seit zehn Jahren veröffentlicht er regelmäßig Platten auf seinem Label Subject Detroit. In dieser Zeit hat er einen eigenen Stil entwickelt, der das beschleunigte Tempo von Detroit Bass mit gradlinigen Beats und Basslines sowie sparsamen Detroit-Sounds kombiniert. Während die ersten Techno-Generationen mit ihren 4/4-Grooves an das Körpermodell von Chicago House anknüpften, geht Bone von den Booty Bass-Grooves mit ihrer beschleunigten, zuckenden Körperlichkeit aus, die keinen discopop-housigen Swing kennt. In den Melodien und Flächen erscheinen aber die klassischen Detroit-Sounds. Die Sparsamkeit und Beschepopenheit, mit der er sie einsetzt, erinnern an die Musik von Theo Parrish. Niemand außerhalb Detroits würde auch nur auf die popee kommen, derart skizzenhafte, kompositionslose Tracks zu veröffentlichen. Die Beats sind bloß ein Grundgerüst, die Sounds finden ziemlich unabhängig von ihnen gleichzeitig statt. Obwohl die Tracks kaum ein Volumen haben, ist ihr Funk in jedem Moment absolut bezwingend. Auch beim wiederholten Hören begreift man nicht, warum und wie diese Musik funktioniert: So unmittelbar ist das Funk-Gen in die einfachen, schnellen Pattern der Beats implementiert.
„Out Of Knowhere“ macht so viel Spaß, weil das Album so weit von dem entfernt ist, was Clubmusik in Europa ausmacht. Das geniale Wortspiel des Albumtitles stellt eine Verbindung zwischen dem Nirgendwo, dem Ortlosen her und dem Wissen, das entsteht, wenn man einen solchen Ort bewohnt. Da in Detroit das musikalische Erbe der Stadt kaum noch präsent ist, erkennt Bone Detroit als einen solchen Nicht-Ort. Deshalb bleibt ihm nichts anderes übrig, als aus dem Vorgefundenen die eigene akustische Geschichte in rohen Fragmenten neu zu erarbeiten.

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