Modern Dance

Jacek Sienkiewicz aus Warschau ist einer der herausragenden Produzenten im Feld der Clubmusik. Seine Produktionen scheinen jenseits von Moden und Zyklen statt zu finden. Seit etwa zehn Jahren überrascht er mit jeder Maxi, mit jedem Album aufs Neue. Seine Tracks haben kein wiedererkennbares Markenzeichen, dem man überdrüssig werden könnte. Die düsteren und gleichzeitig strahlend schönen Stimmungen seiner Stücke lassen sich nicht an einzelnen Elementen festmachen, vielmehr entstehen sie aus der Ganzheit der Stücke heraus. Der größte Teil seines Output ist auf seinem eigenen Label Recognition erschienen. Seine drei Alben für Cocoon Recordings begleiten fast die gesamte Geschichte des Labels und bilden ein entschepopendes Rückrat von dessen Katalog.
Tatsächlich ist ihre extreme Eigenständigkeit ein besonderes Merkmal von Sienkiewicz’ Musik. Sienkiewicz ist kein Teil einer Szene oder einer Clique. Anders als in den frühen Jahren ist heute auch Detroit-Techno nur noch ein loser Bezugspunkt für ihn. Seine Isolation in Warschau, wo kaum anspruchsvolle Clubmusik produziert wird, ermöglicht ihm eine Sonderstellung ganz am Rand und doch mitten im Geschehen der Clubmusik. Trotz ihrer großen Verfeinerung wirken die Stücke auf Modern Dance alles andere als verkünstelt. Sie klingen zeitgemäß, trotzdem könnten sie auch aus einer anderen Epoche der Clubmusik stammen: Die Architektur der Grooves wirkt zeitgenössisch, die gewählten Drumsounds klingen klassisch und universal. Seine Beats basieren immer auf ganz klaren Vierviertel-Grooves, dieser Klarheit steht die Komplexität der anderen Drumsounds gegenüber. Die Sounds können lieblich und einschmeichelnd sein, aber ebenso unheimlich und fremdartig. Das Techno- oder House-typische Klangspektrum taucht in Sienkiewiczs Musik so gut wie nie auf: Manchmal verwendet er gesamplete Klänge von Saxophonen, Pianos oder Glockenspielen, manchmal sehr abstrakte Sounds aus dem Synthesizer oder von field recordings. So oder so gehen die Klänge vollständig in der Gesamtwirkung der Tracks auf. Die kompakte Dichte der Stücke auf Modern Dance erinnert an Musik von Thomas Melchior oder Luciano, die über die gesamte Dauer der Tracks entwickelten Spannungsbögen an Stücke von Gabriel Ananda, ihr organischer Charakter an Produktionen von Move D. Anders als Musik auf Perlon und Cadenza entwickelt Modern Dance keinen experimentellen Anspruch. Eine Differenzierung in Stile und Substile macht bei Sienkiewicz’ Musik kaum noch Sinn. Immer wieder ist man davon hingerissen, wie er die Körperlichkeit und die Emotionalität von Techno miteinander versöhnt: Erfüllender kann Clubmusik kaum sein.

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