Mehr Bass!

Rupert Parkes hatte großen Anteil daran, dass Drum’n’Bass in den neunziger Jahren lange Zeit als die futuristischste Spielart der elektronischen Tanzmusik galt. Unter dem Pseudonym <b>Photek</b> lieferte er eine ganze Reihe dunkel funkelnder Meisterwerke der komplexen Beat-Programmierung ab, die tatsächlich so klangen, als ob sie mit Hilfe einer Zeitmaschine aus der Zukunft gekommen wären. Neben den kunstvoll verschachtelten Beats, die zu Photeks Markenzeichen wurden, zeichnete sich seine Musik in dieser Phase vor allem durch ihre plastische Atmosphäre aus. Photeks Tracks klangen oft wie Soundtracks für gigantische Weltraumschlachten oder Cyber-Samurai-Epen – Bezüge, die Parkes durch die Verwendung von Film-Samples und titlen wie „Rings Around Saturn“ oder „U.F.O.“ noch verstärkte. Nach dem Erfolg seines Debütalbums <i>Modus Operandi</i> erschien es deshalb fast wie eine logische Konsequenz, dass Parkes von England nach Los Angeles übersiedelte, um dort an der Vertonung von Filmprojekten zu arbeiten. Im Jahr 2000 veröffentlichte Parkes dann mit <i>Solaris</i> noch ein weiteres großartiges Photek-Album, auf dem er sein stilistisches Repertoire um House und Downbeat erweiterte. Anschließend wurde es, abgesehen von vereinzelten Drum’n’Bass-Maxis, weitgehend ruhig um den Neunziger-Jahre-Helden. Doch jetzt meldet sich Parkes mit einer Maxi-Single auf seinem eigenen Label Photek Productions, die den Beginn einer neuen Phase seiner Karriere markieren könnte, eindrucksvoll zurück. Die bepopen Stücke „Avalanche“ und „101“ sind offensichtlich von den jüngsten Entwicklungen der englischen Bassmusikszene beeinflusst und zeigen, wie Photek in seinem kalifornischen Domizil Dubstep interpretiert. Die B-Seite „101“ ist dabei die stärkere und erinnert mit analogen Synthesizer-Akkorden und dem angedeuteten Hauch von sphärischem Sirenengesang an die Musik von John-Carpenter-Filmen aus den Achtzigern. „Avalanche“ geht mit einem quietschenden Electro-Riff deutlich mehr nach vorne und hätte auch hervorragend als Alternative für Daft Punks <i>Tron</i>-Soundtrack getaugt. Viele Fans des klassischen Photek-Sounds werden wahrscheinlich von den eher konventionell programmierten Beats enttäuscht sein. Wer genauer hinhört, wird aber feststellen, dass Photeks Musik auch in der 2011er-Version weiterhin pure Science Fiction ist.
Soundtrack-Qualitäten besitzt auch die Musik von <b>Orphan 101</b>, die dazugehörigen Filme muss man sich aber ziemlich düster vorstellen. Der Produzent aus Bristol liefert mit „Propa/Disemble“ (Apple Pips) nun das bisher beste Beispiel für seinen kantigen Crossover zwischen Dubstep und industriellem Techno ab. Die A-Seite klingt für seine Verhältnisse durch den beschwingten 2Step-Beat fast schon heiter, wird aber durch einen grummeligen Bass geerdet. Bei „Disemble“ sorgt dafür ein gerade stampfender Beat für eine düstere Lagerhallen-Rave-Atmosphäre. Ebenfalls empfehlenswert, aber nicht ganz so gut ist auch Orphans „Into You EP“ (Saigon), aus der das außerirdische Stück „Typical“ herausragt.
Mit einer ganz anders gelagerten Platte setzt das Glasgower Label Numbers seinen beeindruckenden Lauf fort: Die „Meltdown EP“ des Produzentenduos <b>Ill Blu</b> ist so ziemlich das rohste Stück UK Funky, das derzeit auf dem Markt zu bekommen ist. Besonders durchschlagende Wirkung besitzt der title-Track, der dem Hörer neben unnachgiebigen Trommelwirbeln auch Acpop-Bleeps und ein massives Bass-Riff um die Ohren schlägt. Im selben Tempo, aber dafür in etwas ruhigerem Gewässer bewegt sich der amerikanische Newcomer <b>Contakt</b>: Für „Not Forgotten“ (Local Action) vereint er gebrochene House-Beats mit abgrundtiefen Dubstep-Bässen und einem flockigen Melodie-Loop zu einer originellen Mischung. Ergänzt wird das Ganze durch einen druckvollen Remix der Detroiter Techno-Legende <b>Rolando</b>.
Aus New York schickt wiederum <b>Falty DL</b> seit einigen Jahren leicht schräge 2Step- und House-Beats um die Welt. Sein Stück „HipLove“ (Ramp) ist eine melancholisch schwankende 2Step-Hommage an die goldene Ära des New Yorker Hiphop, die klingt, als wäre sie vollständig aus De-La-Soul-Samples zusammengebaut worden. Auf der B-Seite befindet sich ein Remix von <b>Jamie XX</b>, dem zur Zeit massiv gehypten Produzenten der Indie-Dance-Band The XX, der das Stück mit einem stolpernden Wobble-Bass für die Hipster-Dubstep-Parties und Laufstege dieser Welt fit macht.