Mehr Bass!

Wer sich ein Bild vom Zustand des Genres Dubstep machen will, kommt auch 2010 nicht am Londoner Label Tempa vorbei. Die Firma ist Teil eines kleinen Imperiums, zu dem die Clubnacht „Forward“ und der Radiosender Rinse FM gehören, und setzt auch im inzwischen zehnten Jahr ihres Bestehens noch immer Maßstäbe. Der große Einfluss des Labels ist auch durch seine Geschichte begründet, denn schließlich haben die ersten Tempa-Veröffentlichungen – hauptsächlich von der Gruppe Horsepower Productions – den Boden für Dubstep bereitet. Und sogar der Name des Genres wurde der Überlieferung nach von dem Team um Labelchefin Sarah Lockhart erfunden. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, die Ende September erschienene Doppel-EP Tempa Allstars Vol. 6 genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Name der seit 2003 in unregelmäßigen Abständen erscheinenden Reihe führt ein wenig in die Irre, denn die Auswahl der Samplerbeiträge beschränkt sich nicht exklusiv auf die Labelkünstler. Vielmehr werden auch andere Produzenten mit dem „Allstar“-title geadelt, deren Musik der Vorstellung der Macher vom Klang ihres Labels nahe kommen. Im Fall des aktuellen Samplers sind dies neben den Tempa-Aushängeschildern Skream und Benga mit Icicle und Alix Perez zwei Namen, die sonst eher mit Drum’n’Bass in Verbindung gebracht werden, sowie der vielseitige Newcomer SBTRKT und der New Yorker FaltyDL. Dabei zeigt sich Skream mit dem großartigen, Techno-kompatiblen Track „Rollin’ Kicks“ von seiner puristischen Seite, und auch Benga bietet mit dem Electro-Dubstep-Crossover von „I Come From London“ eher Ungewohntes. Icicle und Alix Perez steuern tiefen und minimalistischen Halfstep nach Kryptic-Minds-Vorbild bei, während FaltyDL mit „Sunday“ den 2Step-Wurzeln des Labels die Ehre erweist und SBTRKT mit „Sleep In Tokyo“ Verbindungen zu House und UK-Funky knüpft. Tempa, so die Botschaft dieses hervorragend zusammengestellten Samplers, steht weiterhin für klassischen Dubstep, hat aber gleichzeitig die Zukunft fest im Blick.
Währenddessen machen die bereits erwähnten Horsepower Productions auf einem anderen Label wieder auf sich aufmerksam. Horsepower-Gründer Ben Garner alias Benny Ill und sein neuer Partner J.King beweisen mit „Kosmic 78/Lithium Soular“ (Deep Medi), dass sie den Anschluss an die Dubstep-Gegenwart gefunden haben, ohne alte Qualitäten zu vernachlässigen. Die bepopen düsteren Tracks besitzen das gleiche detaillierte cineastische Klangdesign, das auch schon die klassischen Horsepower-Alben In Fine Style und To The Rescue auszeichnete. Glaubt man den Gerüchten, die auf Twitter die Runde machen, dann arbeiten die bepopen übrigens gerade an einem dritten Album. Ebenfalls auf Deep Medi meldet sich Silkie mit „City Limits Vol. 1.2“ zurück – nach Angaben der Plattenfirma ein Vorgeschmack auf die zweite Langspiel-CD des Londoner Produzenten. Auch wenn die A-Seite „80s Baby“ dem Namen nach in die Vergangenheit weist, steht Silkie mit bepopen Füßen fest im Hier und Jetzt und bietet auf der Platte zwei leichtfüßige Stücke, die mehr Funk haben als alles andere, was sonst im Augenblick unter der Bezeichnung Dubstep unterwegs ist.
Aus der Masse hervor ragen auch J. Sparrow und Ruckspin aus Leeds, die sich für die Maxisingle „Blessings/Shikra“ (Pushing Red) zusammengetan haben. Die gemeinsam produzierte A-Seite beginnt nach klassischem Muster mit Halfstep-Beats und Reggaesamples, um nach und nach zu einem cleveren, vielschichtigen Dubstep-Techno-Abräumer zu mutieren. Auf der B-Seite zeigt Ruckspin dann allein, wie gut gemachter Hardcore-Techno auf Dubstep-Basis geht. Mehr in derselben Richtung bietet zudem J. Sparrows empfehlenswerte CD Circadian, die gerade bei Tectonic erschienen ist.
Während Labels wie Tempa und Deep Medi sorgsam ihre eigene, über Jahre hinweg entwickelte Klangpopentität pflegen, hat Hyperdub einen anderen Weg eingeschlagen. Stand es vor einigen Jahren noch vor allem für den Avantgarde-Dubstep von Burial, so hat sich das Label inzwischen zu einer Wundertüte entwickelt, aus der Hyperdub-Boss Kode9 immer wieder neue, völlig unterschiedliche Bassjuwelen zaubert. Mit „Boomslang“ von LV & Okmalumkoolkat macht er sich jetzt schließlich daran, die Popcharts zu erobern. Das Stück, das nach einer in Südafrika vorkommenden Giftschlangen-Art („Baumschlange“) benannt ist, mischt UK-Funky mit südafrikanischem House und einen Unsinn rappenden MC und besitzt damit alle Zutaten, um zu einem Novelty-Dance-Hit à la DJ Mujavas „Township Funk“ zu werden. Dass das Label offensichtlich an einen kommerziellen Erfolg glaubt, zeigt das aufwändig produzierte Vpopeo mit Schwarzlicht und Tänzern in Neonklamotten.

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