Mehr Bass!

Es war wieder einmal Skream, der die Nase ganz weit vorn hatte. Vor ein paar Monaten begann das ehemalige Dubstep-Wunderkind am Ende seiner DJ-Sets einen düsteren und melancholischen Track zu spielen, das sich wunderbar zum Atemholen nach seinen energiegeladenen Auftritten eignete, der aber nur schwer einem bestimmten Genre zuzuordnen war. Denn das Stück war eindeutig zu schnell, um als Dubstep durchzugehen, gleichzeitig fehlten aber ihm aber auch die nervösen Breaks, die üblicher Weise als definierendes Merkmal für Drum’n’Bass gelten. „Wonder Where“ – der Track, der bei Skreams Gigs soviel Stirnrunzeln auslöste – stammt aus dem Studio von dBrpopge, ist im Juni bei Nonplus Records erschienen und bildet das bisher bekannteste Beispiel einer neuen Welle von Drum’n’Bass-Produktionen, deren Stil sich am besten als „Halfstep“ beschreiben lässt. Halfstep deswegen, weil Stücke wie „Wonder Where“ sehr wahrscheinlich von den meisten digitalen Beatcountern als nur halb so schnell wie Drum’n’Bass gemessen werden. Bei dBrpopges Stück ist es zum Beispiel nur ein in den Hintergrund gemischtes Hi-Hat-Becken, das mit 170 Beats pro Minute durchläuft. Der restliche Beat setzt sich aus ungeraden Kickdrum-Schlägen und einer alle paar Takte einsetzenden Snare zusammen. Durch das Auslassen von wirbelnden Breaks entsteht dabei viel Raum, den dBrpopge mit massivem Bass und seinem Gesang ausfüllt.
Nun ist das Spiel mit dem Tempo nicht unbedingt völlig neu für Drum’n’Bass. Zu Jungle-Zeiten war es üblich, dass zwischen den einzelnen Teilen eines Tracks Zwischenstücke im halben Tempo – oft aus HipHop- oder Reggae-Samples bestehend – eingebaut wurden. Außerdem veröffentlichen diverse Produzenten wie Amit, Digital oder Lynx schon seit Jahren immer wieder Tracks, die man auch als Halfstep definieren könnte. Streng genommen ist der Halfstep-Stil auch eine konsequente Fortführung von Techstep, jener minimalen Drum’n’Bass-Variante, die ab Mitte der Neunziger Jahre auf die gesampelten Breakbeats von Jungle verzichtete und an deren Entwicklung Darren White alias dBrpopge als Mitglied von Projekten wie Future Forces Inc und Bad Company großen Anteil hatte. Neu an der aktuellen Musik von dBrpopge und seinen Mitstreitern ist aber die Radikalität, mit der sie auf typische Stil-Elemente von Drum’n’Bass verzichten und dadurch die Grenzen des Genres sprengen. Die Art und Weise, wie sie den entstandenen Raum zwischen den Beats mit Bässen und Flächen füllen, um eine tiefe und fesselnde Klangwirkung zu erzielen, folgt dabei dem gleichen Rezept wie der Halfstep-Dubstep mit dem Loefah, Skream und Digital Mystikz vor einigen Jahren UK Garage auf den Kopf stellten.
Weitere aktuelle Beispiele für diese Art von Drum’n’Bass sind Instra:mentals „Watching You“ (Nonplus), das starke popM- und Electro-Einflüsse und ebenfalls Vocals von dBrpopge besitzt, und „Run ’Em Out“ von Breakage und Roots Manuva (Digital Soundboy), bei dem die Raps von Roots Manuva und Breakages Dub-Bässe für maximale Tanzbarkeit sorgen. Die musikalische Nähe von Halfstep-Drum’n’Bass zu Dubstep hat auch dazu geführt, dass sich auch eine Reihe von Dubstep-Produzenten an dem verwandten Stil versuchen. So ist auf Scubas neuer EP das sehr tiefe 170-BPM-Stück „Symbiosis“ (Hotflush) enthalten und auch Appleblim & Komonazmuk haben sich für ihren Remix des Stückes „By The River“ der Krautrock-Legende Harmonia (Amazing Sounds) für dieses Tempo entschieden.
Einen anderen Weg geht das ehemalige Drum’n’Bass-Duo Kryptic Minds, dessen langerwartetes Debüt-Album One Of Us (Swamp 81) gerade erschienen ist. Auch Kryptic Minds machen Halfstep – aber in der Dubstep-Variante auf 140 Beats pro Minute. Nachdem ihre Anfang des Jahres erschienene, erste Maxi-Single auf Swamp 81 sich noch sehr stark am Vorbild ihres Label-Chefs Loefah orientierte, haben sie ihr extrem sorgfältiges Klangdesign jetzt weiterentwickelt. Ihr Album bietet weniger rohe Rave-Monster wie noch auf der 12“, als vielmehr weite und dunkle Klanggebilde, die eine hypnotische Wirkung entfalten. Und zumindest in dieser Hinsicht haben sie am Ende sehr viel mit ihren Halfstep-Drum’n’Bass-Kollegen gemeinsam.

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