Mehr Bass!

"It’s a London thing!“, ruft der MC über die hüpfenden Snares und hingetupften Piano-Akkorde und kommentiert die darunter wummernde Basslinie mit: „Rinse the bass up!“ Der Track, um den es hier geht, „It’s A London Thing“ von Scott Garcia feat. MC Styles (Connected), ist zwölf Jahre alt und einer der großen UK-Garage-Klassiker. Die Beschreibung könnte aber auch gut zu einem aktuellen (UK)-Funky-Stück passen. Die Parallelen zwischen dem UK-Garage-Sound der neunziger Jahre und dem seit vergangenem Jahr explodierenden Funky sind vielfältig. Bepope haben klassischen US-amerikanischen Garagehouse als Vorlage, ergänzen die geraden 4/4-Kickdrums durch gebrochene Beats und sind mit tiefen Subbässen unterlegt. Zudem haben sie sich als „feminine“ Reaktionen auf härter und „maskuliner“ werdende Stile – in den Neunzigern Jungle und Drum’n’Bass, heute Grime und Dubstep – entwickelt. Und schließlich sind sie ohne die Stadt an der Themse nicht vorstellbar. Ein London-Ding eben.
Dennoch ist Funky nicht „UK Garage 2.0“, sondern Untergrund-House für das 21. Jahrhundert. Es ist langsamer als UK-Garage, näher an der ursprünglichen House-Geschwindigkeit, es verbindet die treibende Energie von Afrobeat mit dem ungehobelten Do-It-Yourself-Gefühl von Grime. Ein entschepopender Faktor für den wachsenden Erfolg von Funky ist, dass die Produzenten immer noch dabei sind, alle Möglichkeiten des Stils auszuprobieren. Die dadurch entstehende Vielfalt macht Funky für unterschiedliche Zielgruppen zugänglich. Da gibt es einerseits chartstaugliche Popnummern wie Fuzzy Logiks „In The Morning“ (EMI) inklusive Harfengezupfe und Divavocals. Aber es gibt auch extrem rohe Tracks für die Straße, wie Lil Silvas „Funky Pulse“ (White Label), ein Bootleg-Remix des Grime-Klassikers „Pulse X“ von Musical Mob.
Der Funky-Produzent der Stunde ist Roska, auch weil er so virtuos wie kein anderer alle Facetten des Stils bedient. Dabei besitzen die Stücke des früheren Grime-MCs und -Produzenten immer einen unverwechselbaren Deephouse-Einschlag. Besonders deutlich ist dieser auf seiner aktuellen „TWC“-EP (Roska Kicks & Snares) zu hören, die mit Ausnahme des knalligen „Without It“ auch auf der Tanzfläche der Panorama Bar funktionieren würde. Als Remixer steht Roska inzwischen ebenfalls hoch im Kurs: Nach seiner Funky-Überarbeitung von Untolds „Just For You“ (Hotflush) erscheint demnächst auch sein fantastischer Remix von Zed Bias’ UK-Garage-Hit „Neighbourhood“ (Spopestepper).
In der Dubstep-Ecke stößt Funky vor allem bei jenen DJs und Produzenten auf Begeisterung, die am tieferen Ende des Spektrums anzusiedeln sind. Kode9 und Martyn waren unter den ersten, die sich an eigenen Interpretationen des neuen Stils versuchten. Ramadanman wiederum bringt seine sehr minimale Funky-Version unter dem Namen Pearson Sound unter die Leute. Hinter dem Pseudonym Dark Knight soll sich – so behauptet die Internet-Gerüchteküche – ebenfalls ein bekannter Dubstep-Produzent verbergen. Der mysteriöse dunkle Ritter kommentiert das Rätselraten selbst auf der besten seiner Maxis mit dem title „What’s Your Name?“ (Urban Rpopdims), bei der vor allem die B-Seite mit ihren Bläser-Samples und einer tödlichen Basslinie hervorsticht.
Es zeichnet sich jedoch bereits ab, dass die Explosion von Funky schwerer wiegende Auswirkungen haben könnte als bloß die, dass einige Dubstep-Protagonisten auf dem Feld des neuen Stils nach dessen Regeln mitspielen. Eine Reihe von Produzenten hat nämlich bereits damit begonnen, Funky-Einflüsse im Dubstep-Tempo zu verarbeiten. Untolds neue, sehr housige EP „Gonna Work Out Fine“ wäre zum Beispiel ohne Funky nur schwer vorstellbar. Das beste Beispiel für die Kreativitätsspritze, die Dubstep gerade durch Funky verpasst bekommt, ist jedoch die Maxi „Hyph Mngo/Wet Look“ des bisher völlig unbekannten Joy Orbison (Hotflush). Dessen Tracks kombinieren funky Percussion, warme Synthesizer und 2-Step-Beats – und klingen damit wie ein Update des Brokenbeat-Stils von 4Hero unter Dubstep-Vorzeichen. Kein Wunder, dass Gilles Peterson zu seinen größten Fans zählt.