Ma Fleur

Vier Jahre sind eine lange Zeit. Auf der einen Seite, wenn man nicht genug von einer bestimmten Art von Musik bekommen kann und darauf wartet, dass der betreffende Musiker endlich mal wieder was Neues hören lässt – obwohl das „alte“ Album immer noch schwer nachhallt. Und auf der anderen Seite gerade mal Zeit genug, um sich vom Burnout zu erholen und neue Inspirationen zu finden. Jason Swinscoe, der Mann hinter dem Cinematic Orchestra, war nach fast zweijährigem Touren und besserem Kennenlernen der Musikindustriemühlen mit dem großen Wurf „Everyday“ und der fantastischen Vertonung des Stummfilms „Man With The Movie Camera“ erstmal leer und ausgesaugt. Ein Ortswechsel vom fordernden London ins eher gemächliche Paris war der erste Schritt, wieder zu sich selbst zu finden und neue Musik zu komponieren. Die so entstandenen Layouts reichten Swinscoe bei der Suche nach einem neuen Sound des Cinematic Orchestra aber noch nicht aus. Erst nachdem er diese bei einem befreundeten Drehbuchautor zu einer imaginären Story reifen ließ, wurde die Richtung klarer, in die es nun gehen sollte.
Die Story erzählt in verschiedenen Abschnitten das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, von der gefundenen und wieder verlorenen Liebe des Lebens bis hin zum Tod. Der Film dazu wird nicht gedreht werden, doch herausgekommen ist „Ma Fleur“ , welches für Swinscoe den nächsten großen Schritt darstellt. Vom Jazz zum Songwriting.
Eingefleischte Fans des vor allem von Drumloops geprägten Jazzsounds, für den das Cinematic Orchestra bislang stand, könnten leicht enttäuscht sein. Wahre Kenner und Zuhörer werden aber im nun mehr akustischen Gewand immer noch die unvergleichliche Handschrift Swinscoes erkennen und genauso lieben wie die ersten bepopen Alben. Der aus Kanada stammende Sänger Patrick Watson bringt das Ganze ein wenig in eine melancholische, fast schon Stadion-kompatible Richtung, vor allem im Opener „To Build A Home“, der in einschlägigen Foren schon für heftige Diskussionen sorgte. Lou Rhodes von Lamb und die unvergleichliche Fontella Bass schließen aber den Kreis wieder hin zum Cinematic Orchestra. Schon ein Konzeptalbum, denn neben dem deutlich höheren Anteil an Songwriting ging es Jason Swinscoe auch darum, auszuprobieren, was bleibt, wenn man 128 Spuren eines Audioprogramms auf die Basis-Bestandteile Gitarre, Strings, Bass und Klavier herunterfährt und die Drums nur noch bei einem Viertel der LP einsetzt. Und das, was geblieben ist, ist so großartig gelungen, dass man immer wieder eintauchen möchte. Eintauchen in eine Welt, die einfach mal den Atem anhält und stehen bleibt. Nehmt euch die Zeit und Muse, die „Ma Fleur“ fordert, aber auch in voller Länge verdient hat. Der nächste große Wurf des nun wieder im Chaos einer Weltstadt lebenden Jason Swinscoe. Brooklyn, New York. Bin schon gespannt, was diese Stadt dann auslösen wird. Ganz großes Kino.