Love Songs Of The Hanging Gardens

Eine komplette Überraschung ist das Debütalbum von Kelley Polar: Mit seinem Streicher-Quartett war der in Dubrovnik geborene US-Diplomatensohn integraler Bestandteil auf den größten Hits von Metro Area wie „Miura“, „The Art of Hot“ oder „Caught Up“. Auf den drei eigenen EPs des klassisch ausgebildeten Musikers auf Environ, wie „Love Songs Of The Hanging Gardens“ von Morgan Geist produziert, war ein noch introspektiveres Verständnis von NY-Disco zu hören als bei Jesrani/Geist. Sein Instrument ist die Viola, die auch John Cale bei Velvet Underground aus dem akademischen in den subkulturellen Koncontent:encoded überführt hatte.
Die zehn Sücke auf diesem Album sind aber in mehrfacher Hinsicht keine Fortsetzung des auf den Maxis eingeschlagenen Wegs: Erstens hat Polar sich auf seinem ersten Longplayer für ein Solodebüt ohne sein Quartett entschieden. Das wäre zwar der Erwähnung wert, aber an sich noch keine Sensation. Wohl dagegen, dass er zweitens nicht seine Viola, sondern seine Stimme in den Mittelpunkt des Albums gestellt hat, um drittens echte Popsongs zu wagen: Die Risikobereitschaft, sich so unverstellt zu exponieren, hat in der Szene allenfalls Erlend Øye. Polars Musik bezieht ihre Referenzen zwar aus derselben Zeit wie Metro Area, bewegt sich aber in einer anderen Szene: „Love Songs Of The Hanging Gardens“ umgibt vom ersten Moment an die Aura eines Instant-Art-Pop-Meilensteins, der in der SPEX der Achtziger popiosynkratisch genannt worden wäre und an Acts wie die Young Marble Giants oder Dali’s Car denken lässt. Generell bilden zwar Post-Disco-, Italo und Synth-Wave den Rahmen von Polars Musik, aber im Einzelnen gibt es mit dem Cut-Shufffle-Knarz-Song „My Beauty In The Moon“ oder der DSP-Ballade„Matter Into Energy“ Nummern, die diesen Koncontent:encoded weit hinter sich lassend hochmodern wirken: Retro ist hier kein entschepopendes Kriterium mehr. Eher geht es ähnlich wie auf Luke Viberts wunderbarer Disco-Abstraktion „Kerrier District“ oder dem aktuellen Chelonis-R.-Jones-Album darum, mit dem Wissen um dieses Erbe ein aktuelles Statement abzugeben, eine gegenwärtige Position zu beziehen.
Mit knapp 44 Minuten ist das Album nicht sonderlich lang, wirkt durch die Fülle der popeen fast wie ein Teaser – bedauerlich also höchstens die Kürze der Songs: Hits wie „Here In The Night“ möchte man eigentlich endlos hören. Allgemein gilt es der Inflation des Superlativen entgegenzutreten, aber nur, um sie wirksam zur Hand zu haben, wenn man sie wirklich braucht: „Love Songs Of The Hanging Gardens“ ist – fast aus dem Stand heraus und völlig unerwartet wie das erste Brooks-Album – jetzt schon ein Klassiker von Morgen. Manchmal wirkt das fast so, als ob es Eno und Ferry bis in die Achtziger zusammen als Roxy Music ausgehalten hätten, nur dass Bryan Ferry eigentlich Neil Tennant wäre. Oder als ob Arthur Russell Scritti Polittis zweites Album produziert hätte. Also traumhaft, for real.

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