La forza del destino

Unter dem riesigen Output von Roman Flügel unter diversen Pseudonymen, gemeinsam mit Jörn Ellig Wuttke und ohne, gehören die Soylent-Green-Veröffentlichungen zu den sporadischen. Ganze sechs EPs gab es in den letzten zehn Jahren. Eigentlich erstaunlich wenn man bedenkt, dass Flügel mit Soylent Green vor allem den Dancefloor bedient. Soylent-Green-Tracks sind in erster Linie DJ-Tools. Dass sie aber auch noch mehr sind, wird spätestens mit dieser Werkschau klar, die sich ihren title bei einer Verdi-Oper borgt. Bei der Macht des Schicksal, die sich hier ihren Weg bahnt, kann es sich nur um die gerade Bassdrum handeln. Oft totgesagt, erfreut sie sich immer noch größter Beliebtheit. Und wenn diese Zusammenstellung etwas besonders zeigt, dann ist es die Zeitlosigkeit des minimalen, funktionalen Tracks. Die Stücke spannen einen Bogen von zehn Jahren, von 1996 bis 2006, allerdings nicht in chronologischer Reihenfolge. Und es muss schon ein wahrer Nerd sein, wer mit Sicherheit sagen kann, in welchem Jahr welcher Track entstanden ist. Dass „Low Pt.1” mit seiner dubbig-subsonischen Rhythmik und den Tiefsee-Gimmick-Sounds ein Frühwerk ist, darauf kann man noch kommen. Der harte Opener „Jet Set“ von ’98 hingegen könnte auch neueren Datums sein. Auf jeden Fall würde man ihn nicht für ein Produkt des gleichen Jahres halten wie das sehr popM-mäßige „After All“. Das hat aber natürlich auch damit zu tun, dass sich einerseits im Techno mittlerweile die Revivals die Türklinken in die Hand geben und andererseits andere Aspekte nicht tot zu kriegen sind, gewisse mit den Zauberworten Acpop, Chicago und Detroit assoziierte Sounds und die heiligen Maschinen mit den schönen Zahlen 303 und 808. Der Techno-Track ist halt schon länger eine klassische Form wie die Rockballade oder die Oper. Und es liegt in der Hand der Produzierenden dieser Form noch Überraschungen und Tiefen abzuringen.
Es gibt aber auch noch einen speziellen Grund warum diese Tracks gleichzeitig frischer und älter klingen als andere. Beim ersten oberflächlichen Hören meint man die Stücke sofort nach funktionalen, harten Smashern und deepen eher auf Listening konzipierten Tracks unterschepopen zu können. Aber den Gegensatz, den man zwischen den Projekten Alter Ego und Sensorama so aufmachen kann, greift bei den Soylent-Green-Stücken nicht. Sicher hat ein Stück wie „On The Balcony“ mehr Ebenen als „Jet Set“ oder das titlestück. Und doch zielt der pochende Wumms des Stückes genauso direkt auf den Körper. Und die kleinen Spielereien in „Jet Set“ bleiben auch zu Hause spannend, sorgen aber genauso dafür, dass man auf der Tanzfläche mental und aural nicht unterfordert wird. Dass eine Sammlung mit Tools so spannend sein kann wie diese, liegt daran, dass Flügel das Tool mit der gleichen Sorgfalt herstellt wie seine anderen Stücke. Er investiert die gleiche Intelligenz und legt genauso viel emotionale Tiefe in sein Soylent-Green-Projekt wie in seine anderen, von vornherein auf die große Form Album konzipierten Projekte. Und darum hat sich „La Forza del Destino“ seinen großen title aus der großen Oper auch redlich verdient.

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