Keys, Strings, Tambourines

Wenn es neben Carl Craig je einen Anwärter auf den Thron inmitten der zweiten Welle Detroiter Technoproduzenten gab, dann diesen Herren hier: Die Musik und die Gewandtheit von Kenny Larkin waren ähnlich vielschichtig, beseelt und intelligent wie das, was aus den Craigs Studios kam. Gewissermaßen Technosoul oder popM in Reinkultur. Zunächst veröffentlichte Larkin unter den Fittichen von Richie Hawtin und John Acquaviva auf Plus 8, bevor er mit seinem Pseudonym Dark Comedy durch ein Release Transmat geadelt wurde. Ein Schwarm an Maxis und Remixen folgte, nicht wenige davon Genreklassiker. „Serena X“ ist zum Beispiel so einer und der wpoperrechtliche Remix für Sades „Surrender“ebenso. Übrigens die weltweit wohl einzige House-Bearbeitung dieser Dame, die nicht „grausam“ genannt werden muss. Ihr Anwalt sah das lepoper anders und unterband die Verbreitung. Wer ein Weißmuster mit einem „Illegal Detroit“-Stempel darauf entdeckt, sollte unbedingt zugreifen.
Kenny Larkin schaute aber auch stets über den Tellerrand der Tanzfläche hinaus. Azimuth, sein bahnbrechendes Album für Warp, und der Diamant Metaphor auf R&S gehören zu den schönsten und originellsten Erzeugnissen, die elektronische Musik in den neunziger Jahren hervorgebracht hat. Speziell Metaphor mit seinen schwerblütigen und romantischen Passagen sollte zu einer Blaupause und Arbeitsanleitung für alle jene werden, die ein „Technoalbum“ planen. Die oft zitierte und schon zum Klischee geronnene Autofahrt durch die Industrieruinen eines in Dunkelheit getauchten Detroits bekam hier ihren offiziellen Soundtrack verpasst. Danach wurde es etwas ruhiger um Larkin. Er zog nach Los Angeles, um sein Glück als Stand-up-Comedian und Schauspieler zu versuchen, veröffentlichte noch jeweils ein Album für Poussez! und Peacefrog, bevor Gerüchte laut wurden, dass er bald seinen Hut als Produzent nehmen würde.
Keys, Strings, Tambourines fegt dieses Gerede vom Tisch: Das musikalische Ausnahmetalent von Kenny Larkin bleibt uns erhalten. Zu großen Teilen in den Detroiter Studioräumlichkeiten des Planet-E-Bosses entstanden, zeigt er sich für seinen langjährigen Freund von seiner funktionaleren Seite. Während die europäischen Anhänger des Motor-City-Sounds weiterhin versuchen, möglichst authentisch mit den klassischen Signalen und Chiffren zu arbeiten, ist das neue Album ein Zeugnis der Evolution seines Autors. Ohne auf stille Augenblicke zu verzichten („Siren“, „Computer Rain“), verbindet Larkin seine feine Handschrift auf Stücken wie „Bass Mode“, „Glob“ oder „Wake Me“ mit den Zeichen der Zeit. Wie so oft bei Dingen mit Nachhaltigkeit, entfaltet sich diese Kunst nicht beim ersten Hören, sondern sie wird erst mit der Zeit immer eindrucksvoller. Keys, Strings, Tambourines erfordert Aufmerksamkeit, Geduld und Hingabe. Es lohnt sich.

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