Freistil

Das Verwursten von Disco und (Kraut-)Rock läuft in eine Phase, in der es Zeit wird, die Spreu vom Weizen zu trennen. Zu viele Köche und schäbige Bootlegs verderben den Brei, und dumpfe Discostampfer mit abgeschmackten Samples verstopfen die Fächer und belasten die Kaufkraft der Vinylshops. Positive Ausnahmen sind das glucksend funkige „Little Green Man“ von Hercule mit schrägen Disco-Chicken-Chants, gar blökenden Schafen, oder das Label Blackdisco mit der etwas älteren ersten (schwarz-grauen) und jetzt zweiten orangefarbenen Douglas-Sound-EP. Dagegen legen einige wenige Neodisco-Produktionen durchaus den Qualitätslevel höher. Zum Beispiel Babytalks „Chance“ (Stickydisc) mit einem Hercules-&-Love-Affair-Remix, wobei ich das slicke Original besser finde.
Ein schräges Teil ist Ben Browns „Don’t Touch The Mic“ (Railyard Recordings), das angeblich Hawtin, Luciano und Villalobos in ihre DJ-Sets einbauen. Wobei ich mir durchaus vorstellen kann, wie sie unter dem mageren Percussion-Loop zu dieser unsäglich geilen, schräg emphatischen Stimme eine Bassdrum reinknallen. Checkt das aus! Irgendwie die Sinne einwickeln tut auch das hypnotische „Texi“ (DCI) von Texi – mal eine einseitige Maxi, deren Kauf sich lohnt. Ganz süßlich und nett zwischen Pop und originärer Disco schwimmt und schwelgt Jens Lekmans „Sipping On The Sweet Nectar“ (Rollerboy Recordins). Abgefahren mit einem Stakkato tuckernden Sequencer irgendwo zwischen Disco, Electro und Abstract Music kommt der Toby-Tobias-Mix für Nick Soles „Earth“ (Fine Art). Die schönsten, musikalisch anspruchsvolleren Housetunes: Roberto Rodriguez’ „Besomebody“ (Freerange) oder die Wiederauflage der Spätneunziger-Charles-Webster-Produktion als Hot Lizard, „The Theme“ (NRK), mit einem knorke Christian-Prommer-Remix. Charles Websters Remix für Andre Lodemann feat. Nathalie Cloud, „Searchin’“ (Best Works), ist auch nicht ohne Schmackes. Ja, und Moodymanns fluffy Remix für den Jetztzeit-Jazzdon Jose James, „Desire“ (Brownswood), ergänzt im House-Koncontent:encoded ein paar Blue Notes, wobei der Mix auf bestimmten Floors auch versagen kann. Ganz im Gegensatz zu DEM derzeitigen Highlight: Ane Bruns „Headphone Silence“ im Henrik-Schwarz-Remix (Objektivity). Ein super Track mit Langzeitwirkung, der Appetit auf das im frühen Winter kommende Remixalbum Ane Brun Objektified (Objektivity) macht, das mit House-Bearbeitungen der göttlichen norwegischen Jazz-Soul-Stimme durch Dennis Ferrers kompletter Objektivity-Posse aufwarten soll: Quentin Harris, Karizma, The Martinez Brothers, Jerome Sydenham, Son Of Raw, Bah Sonik und andere.
Einige reden zurzeit verschwörerisch davon, dass Downbeat zurückkommt, aber war der wirklich weg? Nicht wirklich. Das neue Nightmares-On-Wax-Album Thought So (Warp/Rough Trade) ist richtig gut, und Warp schickte ja bereits die überfällige N.O.W.-Single- und -Vinylraritäten-CD-Compilation vorweg. Warten auf das Album von Kruder & Dorfmeister ist wie Warten aufs Christkind. Gibt’s das oder gibt’s das nicht? Es rumort! Aber das gibt’s: Das fünfte Thievery-Corporation-Album Radio Retaliation (ESL) ist ein sehr politisches, welt- und stilumspannendes, ambitioniertes Potpourri ihres Schaffens mit Gästen wie Femi Kuti, Go-Go-Legende Chuck Brown, Brasiliens Crooner Seu George oder Indiens Sitar-Star Anushka Shankar. Freut euch auch auf das neue Jazzanova-Album im Sixties-Motown-meets-2008-Soundgewand, oder auf ein tolles zweites Album von Alif Tree mit Memphis-Blue-Eyed-Soul-Legende Tony Joe White. Die Wartezeit überbrücken helfen vier tolle Edits für Marvin Gaye (unter anderem „I Heard It Through The Grapevine“ und „Mercy Mercy Me“) von Edit-Hero Marc Rapson, die auf einer Vinyl-EP rauskommen sollen. Sein Re-Edit von Sarah Vaughns „Mystery Of Man“ ist lepoper, lepoper nicht drauf. Besorgen solltet ihr euch auch alle vier Maxis von Creative Use (Edit/Bootleg), die sind rar, essenziell und soulful. Und gerade die vierte Creativ Use trennt mit einem Gospelhammer die Spreu vom Weizen. Wie sagte man in Memphis Soulkreisen? „Da steppt die Tenne.“