Freistil

Wer hätte das gedacht: Sommer 2008, und der Rütten schreibt schon wieder diese paar Zeilen. Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Nein, ich habe diese Kolumne nicht komplett übernommen, und ja, der Reinboth schreibt dann nächstes Mal. Aber gar nicht schlecht für mich eigentlich, denn die Plattenkiste quillt über mit guten bis sehr guten Platten und CDs. MP3s werden, wie immer, vernachlässigt. Zunächst einmal möchte ich noch mal Do You Overstand?! über den grünen Klee loben – dieses Soulphiction-Album (Sonar Kollektiv) wächst mit jedem Hören und Spielen weit über das hinaus, was es zuerst als Eindruck hinterlassen hat! Michel Baumann hat eine so eigene, raue Art House Music entwickelt, die man erst gar nicht mit anderen Helden aus anderen Ländern vergleichen muss. Sein „Prison Song“ ist so minimal und funky und warm und voller Seele, dass er meine Kiste nicht mehr verlässt und beim Auflegen auch gern mal länger editiert läuft. Nun wurden ein paar Nummern des Albums geremixt, davon gefällt mir „Ghana Wadada“ im Lost-Men-Remix am besten. Super Set-Opener und mehr. Genau wie der Vorbote zum im Herbst anstehenden Lars-Bartkuhn-Album, „Dimensions“. Ist im Original ein tolles Spiegelbild dessen, was Lars musikalisch inspiriert.

Apropos Inspirationen – es gibt immer noch unzählige Edits und Bootlegs, wahrscheinlich mehr als in der damaligen Hochzeit der Disco-Edits. Vieles ist immer noch unnötig, beispielsweise die ungenau und soundmäßig schlecht gemachten Versionen von Gap Bands „Outstanding“ oder von Angela Bofills „People Make The World Go Round“. Aber es gibt auch solche Highlights wie den Output der Labels Jiscomusic und Creative Use, bepope irgendwie verbunden mit dem Namen Mark E. Der hat nun endlich seinen Killer-Edit von Labelles „Moonshadow“ und die housige Interpretation des Detroit-Experiment-Meisterstücks „Highest“ auf Platte pressen lassen, und zwar als Creative Use. Auf Jiscomusic wiederum gewinnt das 6th Burough Project mit dem psychedelischen Uptempo-Soulstück „The Planets“. Klingt, als habe Norman Whitfield selbst die Hand am Regler gehabt. Als vor einiger Zeit das auf weite Strecken unbrauchbare, teilweise respektlose und obendrein noch ungenehmigte James-Brown-Remixalbum Dynamite X herauskam, wanderte es direkt in die Schmuddelkiste der Promos. Doch ein gewisser Neter S nahm sich die Version von „Sunny“ noch mal vor und machte daraus einen DER Re-Edits des kommenden Hochsommers. Muss man bestimmt ein wenig suchen, aber lohnt sich auf jeden Fall.

Sehr ans Herz legen möchte ich jedem, der auch nur ein bisschen was für Afrobeats übrig hat, folgende unverzichtbare Compilations. Da ist zum einen African Scream Contest auf dem Frankfurter Label Analog Africa von Samy Ben Redjeb, der hier vor allem das Albarika Store Imprint aus Benin und Togo vorstellt. Mit liebevoll und sehr detailliert gemachtem Booklet obendrauf. Dann gibt es zum anderen Nigeria Disco Special und Nigeria Rock Special aus dem Hause Soundway. Sie bringen bepope nur Knüller für die DJ-Box, großen Dank an den unermüdlichen Miles Cleret, der immer wieder Afrika bereist, um solche Schätze zu heben.

Wer die mittlerweile wohl sehr gesuchten Fania-Remix-12-Inches verpasst hat, bekommt nun via Mr. Bongo alle gesammelt auf einer Doppel-CD namens I Like It Like That plus alle Originale dazu.
Von Compost kommt eins der progressivsten HipHop-Alben des Jahres: Red Handed vom Blumentopf-DJ Sepalot strotzt nur so von tollen Flows und der einzigartigen funky Mischung aus elektronischen Klängen und HipHop-Beats. Als letztes noch ein paar Worte zu IG Cultures Konzeptalbum Zen Badism, das bisher nur in Japan auf dem neuen Freedom-School-Label erhältlich ist. Auf genau so etwas hatte IG nur gewartet nach dem Desaster mit Major Virgin: ein Labelmanager, der ihm völlige Freiheit lässt. Das hat er sich nicht zwei Mal sagen lassen und die gesamte Geschichte des Jazz in einen neuen Koncontent:encoded gesetzt. Muss man im Ganzen hören. Dann versteht man, warum IG Culture immer noch zu den Top 5 Produzenten weltweit gehört. Weit, weit draußen.