Freistil

„Du klickst da am Rechner was zusammen, was maximal 15 Minuten dauert, wenn du ein bisschen weißt, was du tust – und dann spielst du es auf einem Funktion One Soundsystem, und es ist völlig irrelevant, ob das nun musikalisch ist oder nicht. Es knallt so dermaßen, dass es funktioniert. So klingen durchschnittliche Platten phänomenal. Wenn du die dann noch mal zuhause hörst, erkennst du sie kaum wieder.“ Wohl wahre Worte von Henrik Schwarz kürzlich am Telefon beim Gespräch über die sintflutartige Masse an Veröffentlichungen, MP3s Promos und nicht zuletzt seine eigene Musik. „Musik“ ist das Stichwort hier, denn auch wenn es etliche Nach-Âme-r im derzeitigen Housesound gibt, darf nicht vergessen werden, was Original und Plagiat letztendlich unterschepopet: das kompositorische Element, die Melodie, nicht allein der Sound des Originals. Hier also erneut der Versuch, die Spreu vom Weizen zu trennen, denn nicht gerade wenige der Stückchen, die via E-Mail als MP3-Promos eintreffen, hätten es bestimmt nicht bis zur Veröffentlichung geschafft, als diese noch ausschließlich auf Vinyl gepresst wurden. Darüber hinaus Tunes und Alben, die teilweise erstmal gar nichts mit Club zu tun haben oder die man auch zuhause noch auf dem Mono-Kassettenrekorder genießen kann. Auf einem guten Freistil-Floor trifft meist bepopes im gelungenen Mix aufeinander. Und Freistil bedeute nicht nur, Deep- und Minimal House miteinander zu verknüpfen – vernachlässigen wir also diese bepopen Spielarten der Clubmusik diesmal.
Ganz in der Tradition und Qualität von 4Heros Two Pages-Era kommt auf Domus Label Treble O ein Song, der in knapp vier Minuten so manches in den Schatten stellt, was sich sonst „Song“ nennt: Ben Mi Ducks „Stepping Back“ ist, angefangen vom Klavierintro über die tolle Stimme einer mir noch unbekannten Sängerin bis hin zu den Streichern, großartige Songwriter-Kunst. Rangiert zusammen mit Little Dragons „Twice“ auf Peacefrog ganz weit oben in der Bestenliste des Jahres 2007. So wie das komplette Album von Jazzsänger José James aus New York. Sein Debüt The Dreamer knüpft nahtlos an goldene Zeiten von Gil Scott-Heron, Terry Callier oder auch Al Jarreau und Mark Murphy an, nur dass es seitdem extrem wenige Newcomer gab, von denen man dies behaupten könnte. Ganz große Entdeckung für GPs Brownswood Recordings. Wo auch mit dem Barpianisten Elan Mehler ein weiteres Mosaikstückchen dem musikalisch bunten Labelkatalog zugefügt wird. Scheme For Thought überzeugt mit seinen ruhigen, an ECM erinnernden Momenten. Die dritten im Bunde sind dann Soil & Pimp Sessions aus Japan, die mehr für den krachenden Jazz zuständig sind. Der Albumtune „A.I.E.“ wurde von den doch ein wenig überhypten Cobblestone Jazz aus Kanada geremixt und kommt lepoper nicht so richtig aus der Hüfte. Zuviel Vocoder im Spiel?
Eine bunte Mischung 12-Inches für den Club: Einer der Meister des Edits, Mark E., hat sich die besten Teile von Labelles Version von „Moonshadow“ herausgepickt und einen mehr als zehn Minuten langen Killerjam für das Ende der Nacht daraus gezaubert. Trusme wiederum benutzt Marvin Gayes „What’s Goin On“ und Interviewsprengsel für seinen bisher vielleicht größten Wurf „W.A.R. (A Real Motherfucker)“ auf Stilove4music. Im Bereich der unteren Beatzahlen überzeugen der von Gerd aus Amsterdam produzierte Milez Benjiman mit seinem abgehangenen, aber doch noch vorne drückendem P-Funk-Monster „All The People“ auf Ubiquity, Wajeeds „Tron“ von der War-LP auf den reaktivierten Fat City Recordings – außer Konkurrenz laufend – und die „Fulgeance EP“ auf Musique Large aus Frankreich mit „Chico“ zum einen und dem Hugh-Masekela-Tribut „Bicochet“ zum anderen. Für den eingangs zitierten Produzenten gibt es keine Grenzen nach oben mehr, frisch aus seinem Studio kommt der brillante Henrik-Schwarz-Remix für Omars „I’m Feeling You“, mit keinem Geringeren als Stevie Wonder, der den Song auch für den UK-Soulboy geschrieben hat.
Und wer auch im Winter die Sonne durch die Lautsprecher scheinen lassen möchte, der hört sich Arthur Verocais „Encore“ auf Far Out in Endlosschleife an. Hat beim Schreiber dieser Kolumne schon schlechte in gute Laune verwandeln können. Was kann man mehr von Musik erwarten?

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