Freistil

Frankfurt 2011, Soulsearching Studio, kurz vor Aufnahme einer neuen Radioshow und daher auf der Suche nach Inspiration, ein Stapel Promos aus allen Ecken und Enden der musikalischen Welt, manchmal mehr analog denn elektronisch, es gibt viel Musik da draußen, übermäßige Hypes, die nicht halten, was ver- und besprochen wird, werden ausgeblendet. Es sei denn, es handelt sich um Namen wie <b>James Blake</b> und <b>Jamie Woon</b>. Erstgenannter ist mit seinem Album im Februar eingeschlagen wie eine Bombe, zusammengemischt aus Pop und Avantgarde. „Wilhem’s Scream“ (Atlas) hallt immer noch wohltuend nach und legte die Messlatte für 2011 ziemlich hoch. <b>Jamie Woon</b> wollte schon immer Popmusik schreiben und sein anstehendes Album wirft mit den großartigen Entwürfen „Night Air“ und „Blue Truth“ (Candent Songs) sowohl im Songwriting als auch in musikalischer Frische große Schatten voraus. Bleibt zu hoffen, dass dies trotz Anbindung an ein Major-Label ohne Big-Floor-House-Remixe auskommen kann.
Die brauchen auch <b>Christian Prommer</b> und <b>Alexander Barck</b> nicht, denn das Album <i>Alex And The Grizzly</i> (Derwin) steht mit seinen wenigen Zitaten aus der New Yorker Zeit eines Arthur Russel sehr vorausschauend und durchaus inspirierend für ein gelungenes Beispiel eines durchweg hörbaren und auch mal tanzbaren Dance-Albums. Nur an die Stimme des nun singenden Jazzanova-DJs Barck muss ich mich noch gewöhnen. Ganz ohne Stimme, dafür mit dem Klavier als tragendem Instrument der vielseitigen, spannenden Musik von Volker Bertelmann alias <b>Hauschka</b> auskommend, sticht <i>Salon Des Amateurs</i> (Fat Cat) aus dem die letzten Jahre in Mode gekommenen Trend, ein Klavier im Clubkoncontent:encoded zu verwenden, heraus. Hier geht es um das von Bertelmann präparierte Klavier, fernab von Sounds aus dem Computer, es gibt keine pumpenden plumpen Beats oder Synthie-Streicher, abgesehen von einem Subbass als Sound gibt es ausschließlich live eingespielte Instrumente. Für den Club und die Hifi-Anlage zuhause. Bemüht man da den abgedroschenen und wahrscheinlich erst im Techno- und House-Koncontent:encoded aufgekommenen Begriff des „Zuhöralbums“? Nee, denn Alben möchten ohnehin immer gehört werden!
So wie das weit abseits von jeglichen Dancefloors und eher im intimen Rahmen eines verrauchten Musikclubs angesiedelte neue Album von Benedic Lamdin, <i>The Sleepwalking Society</i> (Tru Thoughts) unter seinem Projektnamen <b>Nostalgia 77</b>. Soul, Blues, Jazz, Folk, ein bisschen Duke-Ellington-Hörner hier und Sun-Ra-Arranengements dort – alles bekannte Ingredienzen und doch so frisch klingend. Darüber hinaus hat Lamdin mit der Sängerin Josa Peit seine ganz eigene Alice Russell gefunden.
Beats aus der MPC, dazu Vocal-Jams im Freestyle im One-Take-Aufnahmemodus: So knapp und kurz könnte man das Album <i>Cookie Dough</i> (Tru Thoughts) von <b>Wildcookie</b> beschreiben. Freddie Cruger jammend mit Sänger Anthony Mills im Soul-Modus, mal kopfnickend, mal Bossa-swingend oder, immer sehr gern gehört hier, im untersten Beat-Bereich der gerade Kickdrum. „Jackson Miles“ ist die herausragende Nummer für den Club, so simpel kann Musik funktionieren, wenn die Chemie zwischen den Akteuren stimmt.
Von Stockholm nach Sydney ist es nur eine Tages- und Nachtreise, um dort gleichgesinnte Soulbrothers anzutreffen. Steve Spacek und Katalyst nennen sich jetzt <b>Space Invadas</b> und <i>Soul:Fi</i> (BBE) besinnt sich auf die vor langer Zeit schon funktionierende Mischung aus gekonnt eingesetzten Samples, Beats, Funk und Soul. Curtis Mayfield könnte heute eventuell so klingen. Auf der Rückreise dann ein Zwischenstopp in Thailand, um bisher ungehörten Luk-Thung, Jazz und Molam aufzupicken. <i>The Sounds Of Siam</i> (Soundway) erschien bereits 2010, doch die von den Soundway-Diggern entdeckten und durchgehend auf Thai gesungenen Space-Jazzfunk-Perlen dienen immer wieder als Inspiration, um die Punkte im Radio zu verknüpfen. Außergewöhnlich und extrem gut! Mal schauen, wann die Ethno-House-Heads diesen Sound für sich entdecken.
Die zwei Stunden Show sind gefüllt, mit dabei auch Uptempo-Stücke von <b>Rick Wilhites</b> Longplayer <i>Analogue Aquarium</i> (Still Music), <b>Audiofly X</b>’s „Fela“ (Get Physical) im Original-Mix, dem immer wieder in der Sendung auftauchenden <b>Deep Space Orchestra</b>, diesmal mit „Sir Shina“ (Foto) und entspannten Neunziger Soul-Tunes von <b>Rime</b>’s Album <i>Kingdom Come</i> (INFRACom!) aus Helsinki sowie abgehangenem Hiphop-Soul von <b>Slakah The Beatchild</b> und dessen „Something Forever“ EP (BBE). Abgerundet mit mehreren Tunes von einem der Jazz-Dance-Alben überhaupt, <b>Kamal And The Brotherhood</b>s <i>Dance</i> (Stash).