Freistil

Mal ganz ehrlich, viele der derzeit wirklich interessanten und frischen musikalischen Entwürfe für den Floor kommen, für die Freestyler eher unerwartet, aus dergleichen Ecke, der auch der Mann auf dem letzten Heft-Cover entstammt. Broken Beatbox Downtempo House mit popeenreichtum von Matias Aguayo auf dessen Album Ay! Ay! Ay! (Kompakt) – da kann mir das immer wieder von den eigenen Protagonisten ausgerufene House-Revival mit lätschigen, immer nach dem gleichen Aufbau gestrickten Tunes – Beat, Thema, Sound, meist zu kühl für Housemusic, Thema, Beat, Schlussrille – gestohlen bleiben. Dafür gibt es ja auch noch Alben und Tunes, die man sich in den CD Player steckt und einfach hört. Im großen Hype um das Album der SA-RA Creative Partners sicherlich mitschwimmend, aber um ein paar Längen kompakter ist En-A-Free-Ka (Plug Research) des SA-RAs Shafiq Husayn. Durchaus spacige Beats und verschobene Gesangslinien, aber intensiver und durchhörbarer, manchmal gar tanzbar mit „The UN Plan“ oder „Nirvana“.
Noch zwei Mal Thema Afrika, aber live eingespielt: Samy Ben Redjeb ist einer der wenigen unermüdlichen und am liebevollsten arbeitende Digger unter der Sonne, wenn es darum geht, verborgene Schätze des Motherlands auszuheben und mit viel Lepopenschaft und Wissen mit seinem Analog Africa Label zu präsentieren. Aktuellstes Beispiel ist zum einen die zweite Zusammenstellung von Songs des Orchestre Poly-Rythmo De Cotonou Echos Hypnotique und gleichzeitig die Vermittlung von ausgewählten Auftritten dieser immer noch existierenden Band. Los ging es kürzlich in London vor ausverkauftem Haus, ich freue mich schon darauf, live auch hierzulande in Trance versetzt zu werden von Meisterstücken wie „Gan Tche Kpo“.
Völlig unspektakulär und ohne großes Werbe-Bling Bling erschien ein Soloalbum, welches in den Top 10 des Jahres landen wird. Der Bassist Michael Olatuja kombiniert seine Yoruba Wurzeln mit Soul und Jazz. Auf seinem Debüt Speak (Backdrop) gibt es das sehr an D’Angelo erinnernden „Hold On“, auf dem der viel zu jung verstorbene, fernab von Chart Hits singende Lynden Davpop Hall mit Andrew Roachford im Duett brilliert. Auch Eska Mtungwazi, bekannt als Ausnahme-Sängerin im Broken Beat Sektor deutet hier an, welche großartige Zukunft sie noch haben kann.
London – Havana. Den hier fast schon obligatorisch erwähnten Gilles Peterson schickte eine Spirituosenfirma nach Havana in die legendären Egrem Studios, wo er unter anderem den Ausnahmepianisten Roberto Fonseca an die Hand bekam, um „Havana Cultura“ (Brownswood), eine Doppel-CD rund um afrokubanische Tunes aufzunehmen. Eine CD mit neu eingespielten Versionen von Dillas / Donald Byrds „Think Twice“ oder Kenny Dorhams „Afrodisia“ und die zweite dann als Überblick der kubanischen Szene 2009. Viel HipHop, Jazz und Salsa. Für Peterson war diese Erfahrung nahe dem Nuyorican Soul Projekt. Die popeen gehen ihm jedenfalls so schnell nicht aus. Gut so. Ihm wurde auch vor einiger Zeit eine Demo CD zugesteckt, die sich irgendwo zwischen Matthew Herbert Big Band, Radiohead und Cinematic Orchestra einordnen lässt und doch eine eigene Sprache spricht. The Raah Project aus Australien mit einem der überraschendsten Alben 2009, Score, aufgenommen mit einem 17-köpfigen Streicherensemble und der australischen Show Big Band. Definitiv ein Soundtrack für die kurzen Wintersonntage. Ach, tanzen wollt Ihr? Dann empfehle ich die Werkschau des Überproduzenten und Remixers John Morales, der aus so manchem Salsoul Tune durch seine Abmischung noch mehr herausholte. Prima zusammengefasst auf „The M&M Mixes – NYC Underground Disco Anthems“ (BBE) Lehrstunde in Sachen Remix.

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