Everything Is Borrowed

Um die gerne und lepopenschaftlich diskutierten Veränderungen gleich mal vorwegzunehmen: Ja, Mike Skinner hat sich verabschiedet von billig klingenden Beats und der bisherigen Grime-Ästhetik der Straße. Und noch einmal ja, Mike Skinner, der alte Frevler, ist es auch noch lepop, content:encodede über die Banalitäten des urbanen Alltags zu schreiben. Hedonismus und Feierei waren gestern. Everything Is Borrowed ist ein Album, das im Gegensatz zu seinen drei Vorgängern frei ist von mit popkulturellem Codes vollgepackten Versen, von Geschichten über die Tücken eines Daseins als Star, von Beobachtungen über das moderne Leben oder vom Sinnieren über technische Errungenschaften wie Mobiltelefonen – also frei von all den Themen, mit denen seit The Streets heute jeder zweite als jung und frisch gepriesene UK-Act zu punkten versucht. Und schließlich noch einmal ja, Everything Is Borrowed ist das beste The-Streets-Album seit Original Pirate Material. Und das vorletzte, sollte Mike Skinner seine Ankündigung wahr machen.
Mal Hand aufs Herz – wer hat sich den Vorgänger The Hardest Way To Make An Easy Living wirklich öfter angehört, als es nötig war, um Mike Skinners Geschichten zu verstehen? Musikalisch war dieses dritte Album mit seinen Tracks zwischen Grime und Kanye West ziemlich ungenießbar. Mit Everything Is Borrowed steht The Streets nun mehr denn je für Pop. Der tatsächlich gesungene Anteil hat sich vervielfacht. Eingespielt wurden die Stücke mit einer richtigen Band. Und die musikalischen Referenzen, die sich neben HipHop nennen ließen, sind wahrlich mannigfaltig. Man denkt an Billy Bragg, The Fun Boy Three – zum Beispiel. „The Sherry End“ klingt zunächst irritierend nach Paul McCartneys Wings, um dann die Tür zu öffnen für einen discofizierten Funktrack. Inhaltlich geht es nun um ganz existenzielle Fragen, den Sinn des Lebens, Selbstmord oder die Selbstreflexion eines über 30-Jährigen. Dass die Songs niemals prätentiös daher kommen, ist der Naivität zu verdanken, die Miker Skinners Erzählperspektive noch immer innewohnt. Und selbstverständlich gibt es noch immer Zeilen wie die aus „I Love You More (Than You Like Me)“: „I drew a drawing of you after last time I saw you. I learnt a lot about myself drawing all morning, it was absolutely shit, I’m awful at drawing.“

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