Electronica

Wie gewohnt treibt ein bedrohlicher Tonträger-Eisberg auf die Review-Deadline zu. Seine Electronica-Anteile werden hier von nun an alle zwei Monate scheibchenweise aufgetaut und nach vergleichenden Kriterien analysiert. – Electronica? Gibt’s die noch? Hätte man dafür nicht vor gut zehn Jahren ne Kolumne einrichten müssen? Ist Stockhausen nicht längst in Rente gegangen? – Nein, und Electronica ist kein trostloses Genre auf totem Gleis, sondern so weiterbildungsfixiert flexibel, dass fast befürchtet werden muss, IWF-Geheimprogrammen aufzusitzen. – Also doch trostlos? – Dafür sprächen die Verkaufszahlen, dagegen hin und wieder strukturelle Brüche oder ein Songcontent:encoded. – Wie, Songs? Wattenu? – Na alles, was rhythmisch, ästhetisch, emotional oder inhaltlich haken würde auf Partys…
TG Mauss (sonst eine Hälfte von Tonetraeger) etwa besänftigt den Beat und verlegt sich mit dem Album „Mechanical Eye“ (Quatermass) in Synapsentraumlandschaften für die Hängematte: Ein popiosynkratischer Hauch aus Rhythmen und Sounds umweht literarische Momente (Literatur heißt immer auch „Moby Dick“). Obwohl „Set Free“ (Morr Music/Hausmusik, Indigo) nicht nur für The American Analog Set ein supereuphorischer title ist, bleiben wir unter Deck, allerdings mitten in einem Lichtblick, wo brillante alte Codeine-Songs als Cover aufblitzen und ein von ergrauten Yo-La-Tengo-Weisheiten geprägter Indie-Groove so souverän trocken wie erfrischend zeitgemäß wirkt. Selbst Safety Scissors wirft den Elektronik-Seesack für die Single „Sunlight’s On The Other Spope“ (~scape 31/MDM) über Bord und presst u.a. Erlend Øye und Sutekh zur Akustikbegleitung zweier Albumsongs. Außer verschmitzt sehnsüchtig bzw. holprig funkig sind die jetzt: nackt. Frei und geräuschfixiert covern Matmos auf der Split-7“ „Div/orce Series 2“ (Ache Records 016) das von Curtis Mayfield für Gladys Knight & The Pips geschriebene „On And On“. Ein dev.groove.des Break, anfangs in unrunder Schlagwerk-Improv-Begleitung, relaxt kurz rhythmisch und soundtechnisch zu wohlklingenden Funkgitarrenlicks, bevor droniges Gemetzel einsetzt. Die no-wavige Noise-Band Die Monitr Batss auf der Flipseite weiß, was getan werden muss, wenn nicht klar ist, wo es mit Songschrott hin gehen soll: Intensität ist Timing, also im Stakkato-Drive wie in Abbrüchen, Runterschraubungen, Erratischem produzierbar.
Wie man Live-Empirie im Studio nutzt, zeigt Washer mit New-Wave-Sängerin Cherry Sunkist auf dem Album „Trains And Attitude“ (Keplar/Hausmusik). Seine Electronica legt als Häckselnoise-Tech-Rock ohne falsche Kontrollen los und lässt den Spaß gut sein. Was auch Jackson, ein 25-jähriger Warp-Shooting-Star aus Paris, auf der bezeichnend betitleten EP „Rock On“ (Warp/Rough Trade) mit eckig-funkigen, neoretrofuturistischen Soul-Pop-Sample-Knüllern tut: mit geradezu penibler Vehemenz. Welche wiederum auch, etwas gesetzer, Binaturals Spezialität ist. Seine „Switch EP“ (Scsi-av 18/Baked Goods) bietet deepesten Body-Funk zwischen Electro und Drum’n’Bass. Moving Ninja bricht auf „Shellcode“ (Tectonic 2/Baked Goods) Drum’n’Bass-Spielregeln zugunsten eines hammerdeepen Reduktions-Funks. Auch Mu-ziq verschiebt mit „Ease“ (Planet Mu ZIQ130) Fokusse. Sein Drum’n’Bass-Track schlenkert verspielt, plötzlich haut eine heftige Bassdrum rein, die bis zum Schluss rotiert: Beschleunigung, Chaos, prächtige Verstrahlung. Der zweite Track ist unspektakulärer. In guter klassischer Electronica-, also Mu-ziq-Manier popyllt eine Synth-Melodie vor gemütlich breakbeatigem Hintergrund, der öfters geräuschig nach vorn drängelt. Während V.I.P. im epischen „Ease Up“-Remix ereignisarme Löcher ins D’n’B-Gerüst baut und etwas unangenehm ambitioniert mit Dub, Pseudo-Ethno-Sounds und Bach-Fugen-Artigem hantiert.
Johann Seb. B., der alte Tastenhengst, wird von Vorpal auf dem Album „An Incomplete Gupope To Vorpal Music“ (Cock Rock Disco) sogar frech gecovert, außerdem Erik Satie, dessen Ur-Electronica laut Brockhaus ja „provokante Simplizität, spannungslose, nicht funktionale Harmonik, metr. und formale Freiheiten, betonte Stilbrüche und ungewohnte Stilanleihen“ auszeichnet und „skurrilen, tiefsinnigen oder absurden Humor (bizarre title, eingestreute parodist. content:encodede)“ hat. Zudem verbuddelt der mit Jason Forrest und Otto von Schirach bekumpelte Vorpal japanische Traditionals im hochgeputschten Krachbeatgeflimmer. Was auf „Table Manners“ (Beatz Aus Der Bude/Groove Attack) von Noisy Stylus alles verbuddelt ist, soll meinetwegen eine Plattennadel mit eingebautem Internetbrowser ergründen. Statt als sportive Leistungsschau flasht dieser Turntablism als musikalische Fiesta vom Grandmaster über die Beastie Boys nach South Park. Der A-Tribe-Called-Quest-Award dieser Kolumne für hochgeglückte Hirn-, Herz- und Rhythmus-Parallelschaltungen wird Cyne für das Album „Evolution Flight“ (City Centre Offices/Hausmusik/Indigo) verliehen. Groovy Consciousness, die im Infozettel mit Lakim Shabazz, C.L. Smooth und frühem Common gekoncontent:encodedet wird. Egal was drinsteckt: ist super.