Electronica

Es ist einfach zu warm zum Schreiben. Deshalb lade ich mir die Freewares freundlicher Programmierer runter und mixe auf der Wiese mit meiner Wii am TV den Soundtrack der Saison. Sowas fordert natürlich erstmal Sounds des Solaren.
People Press Play mit ihrem indietronischen Schwelgen öffnen den Flow mit „Girl“ vom selbstbetitleten Debüt (Morr Music/ Hausmusik/ Indigo). Hinter der Band verbergen sich alte Bekannte wie Dub Traktor und Opiate, die mit einer Sängerin richtige Songs machen wollen. „Girl“ schleust so schön in die niemals endenden Nächte, die immer soviel mehr bedeuten als der Tag davor. In einem Club wäre es ein No-Go, danach gleich die Jesus & Mary Chain-Coverversion „Just Like Honey“ vom neuen Guitar-Album „Dealin With Signal And Noise“ (Onitor/Hausmusik) zu bringen. Doch ich liege ja im Gras und möchte weiter schwelgen in all der Sommerizität. Michael Lückner kann das so, wenn er zusammen mit Sängerin Ayako Akashiba mal wieder My Bloody Valentine huldigt. Danach ist etwas Stoffliches gefragt wie „Revuelta“ vom neuen Radio Zumbpopo-Album „Pequeño Transistor De Feria“ (Quartermass/Alive). Ein ausgeklügelter Raumklang findet hier zusammen mit wuchtiger Perkussion und gefundenen Geräuschen.
Derart lässt sich dann gerne mixen mit „Stink“ von Eliot Lipp, einem mesmerisierenden Stück Synthesizer-Funk. Seinem Trademark-Sound bleibt der Produzent aus L.A. auf „City Synthesis“ also treu. Das Album erscheint auf dem von Miami aus agierenden Label Metatronix und ist nur über Import zu kriegen (metatronix.com). Auch Chef Omar Clemetson hat als Supersoul wieder was Neues draußen: Von „Plastic Rap“ gebe ich „More Power“ in den Mix, denn diese Sub-Bässe und feuernden Toasts von Anthony B und Dejah haben den unbedingten Kick. Kurz vor der Peak Time gönne ich mir noch einen Ruhepunkt. Ich ziehe einen Halbminüter-Skit aus dem fein strukturierten Drone „Closer To Carpet“. Produziert haben Christmas Decorations, deren dazugehörige LP „Communal Rust“ (Community Library/ Hausmusik) heißt.
Jetzt können sie kommen: Zwei Tracks von Kieran Hebden & Steve Repop. Voller Becken und Glöckchen rumpelt ihr „Sun Never Sets“ an und berauscht sich. Auf der Rückseite der 12“ (Domino/ Rough Trade) macht sich James Holden einen Spaß damit, den Höhepunkt zu verweigern. Sein Remix ist ebenso gelungen wie der von Audion auf einer weiteren 12“ des Teams Hebden & Repop. Audions Version von „Rhythm Dance“ verwandelt den barocken Free Electro des Originals in einen minimalen Smart-Tribalismus. Deshalb darf er in den Sommer-Mix, und jetzt ist erstmal kein Halten mehr. Es folgen Eats Tapes mit dem Gummizellenfunkster „Face Shredder“ von der Langen „Dos Mutantes“ (Tigerbeat 6/ Cargo) plus ein Gabbastück für Psychoanalytikerinnen namens „Vax“ von The Gasman („LP Love Collection“ auf Planet Mu/ Rough Trade). Mit einem harten Schnitt reisse ich nochmal die Partywunde auf, denn „Fille A Plumes“ (City Slang/ Rough Trade) von Malajube aus Québec ist ein Riesenhit, der früher mal soviel M83 wie Maximo Park gehört hat.
Erst mit dem leicht glitschigen Dub-Stampfer „Kleen“ von der Tupperwear-Platte „Beton Insel“ (Klitekture/ Intergroove) kann ich mich langsam wieder beruhigen. Takeshi Nikimoto von I\’m Not A Gun spielt auf seiner ersten Solo-LP „Monologue“ (CCO/ Hausmusik) zum Glück lauter Stücke wie „Rpoper“ auf seiner Jazz-Gitarre, deren Muster sich aus gleichwertigen Figuren ergeben. Das lässt sich ähnlich leicht hören und ist dennoch so deep wie Hausmeister auf dem Album „Water-Wasser“ (Plop/ Broken Silence). Davon wähle ich „Amsterdam“, weil es glücklich macht und in einer ZDF-Vorabend-Serie ähnlich gut platziert ist wie in einem Musiktheorie-Seminar. Ich wende den Blick ab vom Bildschirm, lege meinen Wii-Stick auf die Erde, blicke auf in die Plejaden und sage Gute Nacht mit angemessenem Obskurantismus: einem Stück vom Project Perfect-Album „PM+“ (Community Library/ Hausmusik) namens „Three Titles“. Es funkelt, aber dunkel.