Electronica

In meiner Teeniezeit gab es im Radio plötzlich eine Sendung namens „New Age“, in der derselbe Moderator, der sonst durch die Hörer-Hitparade führte, empfahl, für die nächste Stunde Kopfhörer aufzusetzen und „einfach loszulassen“. Vermutlich folgte eine Breitseite Vangelis, vielleicht sogar Brian Eno, aber irgendwie waberte das damals an meinen Kajagoogoo-besetzten Ohren vorbei. Ganz anders ist das 2010, mit Markus Guentners Doppelgaenger (Sending Orbs/Clone), der mit New Age natürlich nichts am Hut hat, aber trotzdem mit Kopfhörer gehört werden sollte: zeitloser Popambient, mit sanften Fades, gezupften Gitarrentönen und viel Vocoder-Emotion. Ganz selten setzt die Bassdrum ein und weckt so manche nostalgische Erinnerung an Köln anno 1996. Die modulierenden Pads von Subtractive LAD bilden ein ähnlich ruhiges Wasser, nur steht im Hintergund keine 4/4-Bassdrum, sondern Shoegaze. Life At The End Of The World (n5MD/Cargo) hat eindeutig etwas Sakrales, nicht nur wegen Stephen Hummels Stimme, die an Mönchsgesang erinnert. Dröhnende Gitarren, Räumlichkeit und ein Hauch von Finsternis sind hier die passenden Mittel gegen drohenden Kitsch.
Ich merke aber schon: Zwei Worte geben dieser Kolumne eine seltsame Note: „New Age“. Deswegen schnell ein Stimmungswechsel. Atsushi Horie alias Ent hat sein Debüt veröffentlicht – Welcome Stranger (N5MD/Cargo). Ein Garten von Mirò, ohne kontinentale Schwere: „No Tone“, das Eröffnungsstück, baut auf den leiernden Triolen eines Mellotrons auf und wird in kurzer Zeit ein schickes Lied. Zu Ents schwärmerischem Gesang gesellt sich ein trockener, leicht Schlagzeug-lastiger Mix. Manchmal würde man sich hier allerdings einen richtigen E-Bass mit ins Boot wünschen. Kettel, Helios und Ents Labelmate Near The Parenthesis steuern Remixe bei und machen Welcome Stranger zu einer runden Sache. Viele gute popeen stecken auch in Causers Of This von Toro Y Moi (Carpark), der Ein-Mann-Band des 23-jährigen Chaz Bundick aus South Carolina. Seine Musik lässt vom ersten Ton an aufhorchen: Ein beeindruckender Stilmix aus R’n’B, Hippiefolk und French-House, und das klingt ganz anders, als es sich liest. Ein bisschen wie Air France meets Panda Bear vielleicht. Toro Y Moi könnte genau so gut richtig kommerzielle Musik machen, aber da ist eben dieses schleppende Element, dieser zweite Groove, der sich über die Lieder spannt und den direkten, allzu offensichtlichen Momenten die Spitzen nimmt. So als ob quer zu den Rillen eine große Delle wäre, wenn Ihr wisst, was ich meine. Auf Dauer wird man davon zwar ein bisschen seekrank, aber langweilig wird es nie.
Das lässt sich auch von Browen behaupten, der neuen Bjørn Svin (Rump). Hier sind die grundlegenden Klangkörper aus Plastik und Metall (selten rostig, meist geschliffen), die Stücke haben eine zwirbelige Tracker-Ästhetik, gehen manchmal aber auch stur geradeaus. Immer, wenn sich Svin zu so etwas hinreißen lässt, brennt für ein paar Minuten die Hütte. „ROwmOR“ ist ein Track, der die popM-Grenzen sprengt, und auch die drei schepprigen Bonustracks machen Spaß. So klingt Oldschool-Svin, als Kontrast zum neuen Sound, der manchmal Dubstep adaptiert und auch in den ruhigen Momenten überzeugt: Dort hört man das spezielle Sirren der Svin’schen Schaltkreise am besten. Wobei schwingende Säulen aus Luft ja auch etwas für sich haben. Im Reich der Musik sind sie oft in ein Vibrafon eingesperrt. Rebuilding Vibes von El Fog (Flau/A-Musik) alias Masayoshi Fujita stellt dieses Instrument in den Mittelpunkt und begibt sich, nur von holprigen Drumsounds, subfrequenten Knacksern und Aoki Takamasa am Mixer begleitet, auf eine äußerst entspannte Reise durch die Welt der Obertöne. Musik für Freunde des Vibrafons und alle, die es werden wollen.
Eine Meldung am Schluss: Tangerine Dream haben bedauerlicherweise schon wieder eine Platte veröffentlicht. title: Winter In Hiroshima – Part Four From The Five Atomic Seasons (Sony).

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