Colour Series: Green 04

Schon oft hat man sich gefragt, wie die Londoner House-Szene nach der Implosion von Classic und Music For Freaks aufgestellt ist, welche Sounds dominieren, welche DJs und Producer tonangebend sind. Zumindest der an Veröffentlichungen orientierte Blick konnte sich nirgendwo nachhaltig verfangen. Protagonisten wie Jesse Rose oder Matt Edwards/Rekpop betonen, House in London ginge es besser denn je: Die Stadt habe sich endlich vom rückwärts gewandten US-House ebenso befreit wie vom bouncenden, selbstgefälligen Progressive House, der ja eher Discotheken-Musik ist als Clubmusik. Anstelle der Superstar-vermittelten Master-Sounds sei jetzt die Vielfalt getreten, berichten sie: Besonders East London öffne sich dem Einfluss kontinentaler Stile. Jesse Rose verdankt ja seinen Erfolg auch dem Umstand, dass er sich als erster Londoner Houser intensiv mit den Minimal-Sounds auseinander gesetzt hat.
Diese neue Offenheit ist auch beim eingefleischten Tech-House-Label Freerange angekommen, das sich im veränderten Milieu neu positioniert. Freerange bewegte sich lange in einem etwas diffusen Feld zwischen Tech- und Progressive-House, in dem die genretypischen Grooves eine tendenziell leere Spannung produzieren und ein fest umrissenes Sound-Repertoire oft lieblos eingesetzt wurde. Zu den Kernkünstlern des Labels gehören Solpop Groove, Audiomontage, Square One, Jimpster und Shur-I-Kan, auf dieser vierten Compilation des Labels erscheinen sie an der Seite verdienter Classic-Artists wie Brett Johnson, Justin Martin, Kirk DeGiorgio oder Random Factor. Londoner House klingt oft überhitzt, hektisch, aufgeblasen, machohaft – hier entwickeln die Tracks eine gewisse Ruhe und eine Aufmerksamkeit für die Klänge, die sie einsetzen. Wo die Grooves generell oft zu hart und unpersönlich klangen, wo der fordernde Gestus oft ins Leere ging, weil nie zu begreifen war, was da gefordert wird, sind die Tracks jetzt relaxter: Statt den Antreiber machen zu müssen, können sie die Beats laufen lassen und sich auf die eigene Dynamik einlassen. Wo bisher ein ganz bestimmtes, fest umrissenes Soundspektrum vorgeherrscht hat, ist man jetzt variabler: Einerseits kann man aushalten, dass mal nichts passiert, andererseits ist man offen für die kleinen Verrücktheiten des Fpopgit House. Es bleibt zu hoffen, dass dieser vorsichtig erneuerte Sound kein einmaliges Wagnis ist, sondern dass vielmehr konsequent weiter in diese Richtung gearbeitet wird.
Tipp: Brett Johnson „Hot Potato”, Milton Jackson „Rogue Element” (Jimpster Remix), Random Factor „Spectra”

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